Kultur
"Kulturzeit" vom 22.01.2026: Israelische Soldatinnen klagen an
Die Themen der Sendung: Isralische Armee-Späherinnen, Film "Die Stimme von Hind Rajab", Son Lewandowskis "Die Routinen" im Literaturgespräch mit Miriam Zeh, Katharina Raab, Film "Hamnet".
- Produktionsland und -jahr:
-
Deutschland 2025
- Datum:
- Sendetermin
- 22.01.2026
- 19:20 - 20:00 Uhr
Die Themen der Sendung:
"Observation" - Video-Ausstellung mit Soldatinnen im Tel Aviv Museum of Art
Normalerweise sind es die Späherinnen der Aufklärungseinheit am Gaza-Grenzzaun, die Menschen ins Visier nehmen. Jetzt sind sie selbst im Fadenkreuz einer Ausstellung des renommierten Tel Aviv Museum of Art:. Monatelang hatten sie Tag für Tag die Grenze Gazas durch Ferngläser beobachtet. Noch am Tag vor dem Massaker vom 7. Oktober 2023 hatten sie die Armeeführung gewarnt. Jenseits der Grenze seien Manöver zu sehen. Die Generäle winkten ab. In der chauvinistischen Welt der Armee gilt das Wort von ein paar jungen Frauen nicht viel. Nun sind die Späherinnen der Fokus einer Video-Ausstellung. "Man sieht alles stumm vor sich hin", sagt eine ehemalige Soldatin während ihr Blick auf die Kamera der Künstlerin und Regisseurin Talya Lavie gerichtet ist. Vor schwarzem Hintergrund sitzend und der Kamera zugewandt, blicken ihre Augen – wie von Lavie gewünscht – unentwegt direkt in die Kamera.
Sie erscheinen in der Reihenfolge ihres Dienstalters, wobei die jüngsten Beobachter, die zusammen mit Soldatinnen dienten, die am 7. Oktober getötet wurden – deren Leben nur durch Glück oder Zufall gerettet wurde –, gegen Ende erscheinen. Obwohl die Berichte der jüngsten Beobachterinnen die dramatischsten sind, da sie die Tage vor und während des Hamas-Angriffs schildern, sind es letztendlich die Reflexionen der älteren Frauen, die am erschütterndsten sind. Sie teilen ihre Eindrücke von ihrem Dienst mit all seinen Absurditäten und Widersprüchen. Das Beobachten ist im gesamten Video ebenso präsent wie die Blindheit. Der Zuschauer hört die Frauen über das Sehen sprechen, und weiß gleichzeitig um die Blindheit der israelischen Gesellschaft, was das Leid der Menschen in Gaza angeht. Die Videoinstallation "Observation" im Tel Aviv Museum of Art ist nicht nur ein Portrait der jungen Späherinnen, sondern eines der gesamten Region, in der niemand mehr in der Lage zu sein scheint, sein Gegenüber als Mensch zu sehen.
Film "Die Stimme von Hind Rajab"
Im Januar 2024 kam die fünfjährige Palästinenserin Hind Rajab bei einer israelischen Militäraktion im Gazastreifen ums Leben, nachdem sie mehrere Stunden lang in einem zerschossenen Auto neben den Leichen ihrer Verwandten auf Hilfe gewartet hatte. Das Kind konnte zuvor noch den Roten Halbmond alarmieren; bis es jedoch gelang, das Mädchen zu erreichen, kam jede Hilfe zu spät. Der Film rekapituliert dies in fiktionalisierter Form mit dokumentarischen Elementen: Die Handlung spielt in der Notrufzentrale; Hinds Warten auf Hilfe wird auditiv über ihre Gespräche mit Mitarbeitern des Roten Halbmonds vermittelt. Die kammerspielartige Fokussierung auf die Menschen in der Notrufzentrale, die zu Zeugen werden, ohne direkt eingreifen zu können, macht den Film zudem zum intensiven Ausdruck einer quälenden Hilflosigkeit.
Son Lewandowskis Roman "Die Routinen" im Literaturgesrpäch mit Miriam Zeh
Amiks großer Traum ist eine Medaille bei den Olympischen Spielen. Dafür zählt jeder Wettkampf und jedes Training. Die Autorin Son Lewandowski beschreibt die gnadenlosen Prinzipien dieses Sports: Verletzungen, von Erfolg getriebene Trainer und Mädchen voller Sehnsucht nach Anerkennung. Das größte Kompliment sei das Staunen über den Schmerz, den sie aushalten, glaubt Amik "Wir halten diesen Schmerz aus in der ständigen Erwartung, dass er sich noch auszahlt, dass er uns noch auszahlt", heißt es im Roman. Dass Lob sich für sie anfühlte wie eine Umarmung, hat auch Nadia Comaneci berichtet. Immer wieder webt der Roman Erinnerungen der Olympia-Siegerin und anderer Ausnahme-Turnerinnen in die Handlung ein. Kommanetsch, die in den 1970er Jahren mit lebensgefährlichen Elementen Sportgeschichte schrieb, erlangte traurige Berühmtheit durch ihren Trainer. Béla Károlyi produzierte Spitzenturnerinnen am Fließband. Erst in Rumänien, später in den USA. Dass er solche Höchstleistungen mit Drill und Psychospielen erzwang, wollte im Westen kaum einer wissen. Der Roman "Die Routinen" zeigt, wann Training zu Gewalt wird und wie die Strukturen im Turnsport Machtmissbraucht bis heute ermöglichen. Doch es geht nicht nur um das Leid von Turnerinnen und das Wegschauen vieler um sie herum. Es geht auch um die Geschichte einer Emanzipation und um die Frage: Wie viel ist ein Mädchen wert? Wir sprechen mit der Literaturkritikerin Miriam Zeh über den Roman.
Film "Hamnet"
Anfang der 1580er-Jahre erhört Agnes Hathaway aus der kleinen Stadt Stratford-upon-Avon das Werben des Lateinlehrers William Shakespeare und bekommt mit ihm drei Kinder. Auch wenn sich der angehende Bühnenautor oft in London aufhält, verläuft das Familienleben glücklich, bis der Sohn Hamnet an der Pest stirbt. Die Trauer verarbeitet Shakespeare in seinem Drama "Hamlet". Das großartig fotografierte und in den Hauptrollen (Jessie Buckley, Paul Mescal) eindringlich gespielte Melodram imaginiert das Ehe- und Familienleben Shakespeares sowie dessen fiktionale Verarbeitung. Bei den Golden Globes wurde "Hamnet" als bestes Drama ausgezeichnet und Jessie Buckley als beste Schauspielerin. Und die Filmmusik des in Deutschland geborenen britischen Filmkomponisten Max Richter ist für einen Oscar nominiert.
Der Social-Media-Erfolg von Katharina Raab aus Hannover
Katharina Raab, Miniaturkünstlerin aus Hannover, ging viral mit ihren winzigen, handgemachten, magischen Fantasiewelten. Gerade hat sie einen alten Flohmarktkoffer in ein eigenes Universum verwandelt. Das langsame Arbeiten im Kleinen ist für sie auch Rebellion - ein Gegenentwurf zu unserer schnelllebigen Leistungsgesellschaft. Ihren Erfolg auf TikTok und Instagram nutzt sie dafür, Haltung zu zeigen, denn Kunst ist für sie auch immer politisch.