Biene © dpa
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Pestizide beeinflussen Überwinterungsfähigkeit, Fortpflanzung und Orientierungsfähigkeit der Bienen.
Keine Entwarnung
Neonicotinoide schaden Bienen und Hummeln
Über die Gefährlichkeit bestimmter Insektizide für Bienen wird seit Jahren gestritten. Jetzt belegen zwei neue Studien: Neonicotinoide sind schädlich. Zumindest manchmal.
Der Neurobiologe Randolf Menzel von der FU Berlin hat fast sein ganzes Wissenschaftlerleben der Erforschung von Bienen und Hummeln gewidmet. Er zeigte unter anderem, dass Insektenvernichtungsmittel aus der Gruppe der Neonicotinoide (NNI) das Gedächtnis der Bienen beeinträchtigen. Auch viele Umweltschützer und Imker fürchten, dass diese Insektizide das Überleben der Bienen gefährden. Zwei Studien aus Großbritannien und Kanada scheinen ihnen nun Recht zu geben.

Pestizid beeinträchtigt Überwinterungsfähigkeit und Fortpflanzung
Ein Team um Ben Woodcock vom britischen Natural Environment Research Council hat Freilandversuche in Deutschland, Ungarn und Großbritannien gestartet. Finanziert wurden sie von Bayer CropScience und Syngenta, den Herstellern der getesteten Neonicotinoide Clothianidin und Thiamethoxam. Die Forscher setzten in den drei Ländern Honigbienen, Erdhummeln und Rote Mauerbienen neben Rapsfeldern aus. An allen Standorten wuchsen auf einem Teil der Felder Pflanzen, deren Samen unter anderem mit NNIs behandelt worden war. Ein Ergebnis: In Großbritannien und in Ungarn sank die Überwinterungsfähigkeit der Honigbienen neben den NNI-Feldern. In Deutschland fanden die Forscher diesen Effekt nicht. Warum, können sie nicht genau erklären. In allen drei Ländern schmälerten Neonicotinoid-Rückstände in den Nestern zudem den Fortpflanzungserfolg der Hummel und der Wildbienen-Art.

Unabhängige Kollegen bewerten die Studie in Teilen problematisch. Es gebe methodische Schwächen, die gemessenen Parameter seien sehr grob. So variiere die Menge an Neonicotinoiden, die ausgebracht wurde, kritisiert etwa der Ökotoxikologe Carsten Brühl von der Universität Koblenz-Landau. Dennoch zeige die Studie klare Effekte auf Honig- und Wildbienen. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig ergänzt: "Die Studie scheint mir bezüglich des Versuchsaufbaus nicht angemessen gut vorbereitet worden zu sein." Eine Ansicht, die auch der Berliner Forscher Menzel teilt.

In der zweiten Studie maßen kanadische Forscher um Nadia Tsvetkov von der York University in Toronto die NNI-Belastung in Kolonien von Honigbienen, die neben Feldern oder fernab davon lebten. In den Kolonien neben den Feldern fanden sie deutlich häufiger NNIs und andere Chemikalien - in den Tieren sowie in Pollen und im Honig. Dies deute darauf hin, dass sich die wasserlöslichen NNI von den Feldern in die Umgebung ausbreiten, schreiben die Forscher. Sie zeigten etwa auch, dass das Hygieneverhalten der Bienen beeinträchtigt wurde und dass Fungizide die Giftwirkung der Neonicotinoide verstärken. "Beide Studien liefern keinerlei Anhaltspunkte für eine Entwarnung, ganz im Gegenteil", sagt Menzel. Die Studien zeigten erneut die negativen Auswirkungen auf blütenbesuchende Insekten, was in politische Entscheidungen zum vollständigen Neonicotinoidverbot in der EU einbezogen werden sollte, sagt auch Brühl. Ob die Daten zu einem dauerhaften Verbot der Substanzen führen, ist indes offen.

Auch Motten, Schmetterlinge und Vögel sind betroffen
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Peter Neumann bei der Feldforschung.
Dabei steht auch für Peter Neumann vom Institut für Bienengesundheit der Universität Bern schon lange fest, dass es unseren Bienen nicht gut geht. Und auch er macht unter anderem Neonicotinoide dafür verantwortlich. "Es gibt klare Beweise, dass bereits geringste Mengen Neonicotinoide solche chronischen Effekte auf Nützlinge haben können", sagt der Professor für Bienengesundheit bereits 2015. Die Studie "Academies Review insecticide harm" der Organisation "European Academies Science Advisory Council" (EASAC) zeigt, dass sich der vorbeugende Neonicotionoid-Einsatz unter anderem in einem frühen Tod von Königinnen und einer geringeren Fortpflanzungsrate bei Wildbienen auswirkt. Der Studie zufolge sind nicht nur Honigbienen, sondern auch Motten und Schmetterlinge betroffen, die ebenfalls Pflanzen bestäuben. Auch auf insektenfressende Vögel hätten die Pestizide Auswirkungen. Da immer mehr Nutzpflanzen benötigt werden, die auf Bestäubung angewiesen sind, gibt es der Studie zufolge ein zunehmendes "Bestäubungs-Defizit".

Bienen fliegen auf bestimmte Pflanzenschutzmittel: Sie meiden mit Neonicotinoiden behandelte Pflanzen nicht etwa, sondern steuern sie wohl sogar bevorzugt an. Beim Sammeln von Nektar und Pollen könnten sie deshalb mehr von den Schadstoffen aufnehmen als bisher angenommen, so Forscher aus Großbritannien und Irland. In der Vergangenheit lieferten mehrere Studien Hinweise darauf, dass die Mittel die Bienen beeinträchtigen, etwa indem sie ihr Lernvermögen und ihre Orientierungsfähigkeit stören.

Einsatz von Neonicotinoid-Insektiziden (NNI)

Neonicotinoid-Insektizide (NNI) werden häufig als Saatgutbeizmittel eingesetzt, beim Wachsen verteilt sich das Gift bis in Pollen und Nektar. Studien, die negative Auswirkungen auf Bienen fanden, gibt es zuhauf. Aufgrund dieser Studien beschloss die Europäische Kommission 2013 ein Moratorium, dass die Anwendung der drei als besonders gefährlich erachteten NNI in der EU stark einschränkt. Kritiker des Moratoriums bemängeln, die Studien seien nicht unter realistischen Bedingungen erfolgt, Belastungen der Insekten seien viel höher gewesen als im Freiland zu erwarten. Sie führen Studien an, die keine oder nur geringfügige negative Effekte zeigten.

Literatur
Bienen im Dauerstress
Forschung für Bestäuberinsekten
Den Bienen geht es schlecht. Die Hauptursachen: Nahrungsmangel, Pestizide, Varroamilben. Abhilfe ist dringend. Denn die Menschen sind auf die kleinen Bestäuber angewiesen.
Mediathek
VideoProblem Pestizide
Bienen meiden behandelte Pflanzen nicht und nehmen dadurch Giftstoffe auf.