Mann auf Steg © dpa
Depressionen gehen oft mit Entfremdung vom Selbst und mit Einsamkeit einher.
Depressionen gehen oft mit Entfremdung vom Selbst und mit Einsamkeit einher.
"Du Miststück"
Alexander Wendts Kampf gegen die Depression
In Deutschland sind fast fünf Millionen Menschen von Depressionen betroffen. Einer von ihnen ist Alexander Wendt, "Du Miststück" ist seine Krankengeschichte.
© Fischer
Der Journalist sieht sich als "mittelschweren" Fall. In "Du Miststück" schreibt er über seinen Leidens- und Behandlungsweg und seinen Kampf, die Oberhand zu behalten. Es ist ein gut geschriebener und - trotz des Themas - unterhaltsam zu lesender Erfahrungsbericht, unterfüttert mit jeder Menge Informationen und Fakten zur Krankheit, ihrer (Behandlungs-)Geschichte und den Therapiemöglichkeiten. Wer keine Depressionen hat, tut sich oft schwer Betroffene zu verstehen. Es ist auch nicht ganz einfach Gedankengänge und Verhaltensweisen nachzuvollziehen. Dennoch sollte mittlerweile klar sein, dass es sich nicht um vorgeschobene Lustlosigkeit handelt, sondern um eine wirklich ernste Krankheit, die in schweren Fällen im Suizid enden kann.

Für Alexander Wendt ist seine Depression ein Gegner, der sich nicht abschütteln lässt und den man irgendwie unter Kontrolle halten muss. Nachdem er seinen ersten Schub noch nicht als Krankheit erkannt hat, holte er sich nach erneutem Auftreten Hilfe in Form von Tabletten - die allerdings nicht wirklich gut halfen. 2014 ereilt ihn dann eine Depression von der er schreibt, er war froh, "einen Platz in einer psychiatrischen Klinik zu bekommen. Auf meine Medikamente freute ich mich."

Die schwierige Aufgabe, man selbst zu bleiben
Im Tagebuchstil erzählt er vom Anfang des Schubs, wie seine Selbsteinweisung ablief und den Verlauf der Therapie. Auch seine Mitpatienten, die auch immer Orientierungshilfe für das eigene Befinden sind, bekommen ihren Raum. Sein Ziel: Er will seine Autonomie bewahren und einfach wieder er selbst sein. Wie viele vor ihm - die er auch zitiert - versucht er dem Leser anschaulich zu machen, was Depression bedeutet: "Depression ist Wut ohne Objekt". Dazu gehören Gedankenspiralen, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Ablösung von der Welt oder auch Verfolgungswahn. Sowie die Tatsache, dass sie oft zum lebenslangen Begleiter wird. Dabei stellt er fest:
"Leere, schwarzes Loch, Teilzeittod - kein Begriff und kein Vergleich trifft wirklich die Gestalt der Depression."

Die wichtige Rolle der Psychopharmka
Viele Patienten wehren sich erstmal gegen Psychopharmka, sie wollen nicht, dass ihre "Hirnchemie umgerührt" wird. Ohne ist es aber oft unmöglich, die Gedankenspiralen und Selbstentfremdung zu stoppen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe schreibt auf ihrer Internetseite, dass nur eine Minderheit eine optimale Behandlung erfährt. Warum das so ist? Wendt gibt eine mögliche Antwort:
"Bisher steht nur in groben Zügen fest, wie Depressionen entstehen, warum sie sich bei den einen ausbreiten, lebenslang kommen und gehen und bei anderen nur einmal aufflackern und dann für immer enden. Deshalb gilt das Gleiche für die Gegenmittel. In ihrer Funktion gibt es eine größere statistische Unschärfe."

Er macht klar, dass die Einstellung mit Medikamenten kompliziert ist und jeder anders auf die verschiedenen Wirkstoffe anspricht. Mancher verzögert, mancher gar nicht. Und mancher wird ohne Medikation gesund. Der Autor hat gut auf seine Medikation angesprochen, doch auch ihm sind die typischen Hochs und Tiefs während des Einstellens nicht erspart geblieben. Und, wohl nicht ganz selten, hielt er sich deutlich früher für genesen, als das seine Ärzte taten. Er selbst war mit seiner Behandlung sehr zufrieden, hatte aber auch den Vorteil, dass er Privatpatient ist. Das Thema fehlende Therapieplätze findet daher nur ganz am Rand statt.

Ein ehrlicher Erfahrungsbericht
Ein Buch das Nicht-Depressiven die Krankheit ein Stück weit näher bringen kann und Betroffenen helfen will. Ob es das wirklich leisten kann, ist sicher schwer zu beantworten. Wer es als Betroffener liest, bekommt einen ehrlichen Erfahrungsbericht und damit hoffentlich das Gefühl, nicht allein zu sein. Zum anderen erhält er wirklich umfangreiche Informationen, die beim Umgang mit der Krankheit helfen können. Zu Beginn des Buches hält Wendt Humor für ein gutes Mittel, der eigenen Depression zu begegnen. Nach der Lektüre hat man durchaus den Eindruck, dass er sich den auf jeden Fall bewahrt, komme was wolle.

Info
Alexander Wendt
Du Miststück - Meine Depression und ich
Verlag: Fischer
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-10-403678-6
Glossar
Depressionen
Depressive Menschen fühlen sich vor allem am Morgen traurig, gedrückt und pessimistisch. Sie ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten.
Online gegen Depression
Hilfe aus dem Netz
Leichte bis mittelschwere Depressionen lassen sich mit einer Internetberatung wirksam bekämpfen, sagt die Berliner Psychologin Christine Knaevelsrud.
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