Nahaufnahme zweier Soldaten in grüner Kampfmontur mit vermummten Gesichtern und Gewehren gehen durch eine dunkle Straße.

Kultur

Israels Soldaten und ihre moralischen Wunden

Die Themen der "Kulturzeit" vom 30.04.2026: Israelische Soldaten, Nachruf auf Georg Baselitz, Ben Lerner "Transkription" - Literaturgespräch mit Christian Metz, Theatertreffen Berlin.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2026
Datum:
Sendetermin
30.04.2026
19:23 - 20:00 Uhr

Die Themen der Sendung:

Israels Soldaten und ihre moralischen Wunden

Immer mehr israelische Soldaten kommen schwer traumatisiert zurück aus dem Krieg. Die Selbstmordrate war noch nie so hoch. In einem Artikel der Tageszeitung "Haaretz" berichten Soldaten anonym über Gräueltaten, die sie begangen haben oder mit ansehen mussten – und über die psychologischen Traumata, die nicht heilen wollen. Doch obwohl der Begriff der "moralischen Verletzungen" in der psychologischen und traumatologischen Fachliteratur seit Jahren verwendet wird, gibt die IDF, die Armee, erst in letzter Zeit zu, diese Traumata durch Armee-Psychologen zu behandeln. Kratzt dies an dem in Israel unerschütterlichen Mythos der "moralischsten Armee der Welt"?

Nein, meint der konservative Soziologe und ehemalige Offizier Ronen Itzik. Wenn ein Soldat in unserer Armee etwas moralisch Besorgniserregendes sieht, etwas das seinen ethischen Normen widerspricht, wird er das seinen Vorgesetzten melden, d.h. innerhalb des Mikrokosmos dieses Systems, lassen Soldaten so etwas nicht zu."

Das ist umstritten. In Kriegssituationen haben Soldaten selten die Option, sich Befehlen oder der Norm ihrer Einheit zu widersetzen. Die Organisation "Schweigen Brechen" sammelt seit 20 Jahren Zeugenaussagen von Soldaten. "Die erschütterndsten Berichte kommen von Soldaten, die den Befehl bekamen, Palästinenser als menschliche Schutzschilde zu benutzen", sagt Nadav Weiman von "Schweigen Brechen". "Wenn Du einen Menschen nimmst, von dem Du weißt, dass er keinerlei Schuld trägt, und ihn in ein vermintes Haus schubst und ihm sagst: 'Wenn jemand in die Luft fliegt, bist Du das statt ich', dann beraubst Du ihn all seiner Menschlichkeit. Das bleibt mit Dir bis in alle Ewigkeit."

In Israel, wo die Volksarmee medial und gesellschaftlich allgegenwärtig ist, bleibt der moralische Verfall nicht auf dem Schlachtfeld. Einer derer, die auf der nationalen Feier zu Israels Unabhängigkeitstag eine der traditionellen zwölf Fackeln anzündete, war der Rabbiner Abraham Zarbiv. Zarbiv kämpfte als Reserveoffizier in Gaza und ist bekannt dafür, stolz darauf zu sein, "Gaza plattgemacht" zu haben. Als Influencer verbreitet er in den sozialen Medien fundamentalistische Botschaften.

Die Psychologin Roni Porat von der Hebräischen Universität in Jerusalem hält das für besorgniserregend. "Was ist die Botschaft an israelische Bürger, die am Unabhängigkeitstag vor dem Fernseher sitzen und den Rabbiner Zarbiv sehen, der sich damit brüstet, Häuser in Gaza abgerissen zu haben, damit die Bewohner nach dem Krieg kein Zuhause mehr haben, in das sie zurückkehren können und als Preis dafür eine Fackel anzünden kann? Die Botschaft ist, dass all das okay ist, dass all das, was überall auf der Welt als Kriegsverbrechen gilt, in Israel Norm und Standard ist."

Doch sie hofft, dass sich Armee und Gesellschaft wieder auf ihre ethischen Grundsätze besinnen werden. Es gibt erste Anzeichen. Armeechef Eyal Zamir hat bereits auf einer Konferenz die Warnglocken geläutet. Der Verletzung ethischer Standards müsse ein Ende gesetzt werden.

Zum Tod von Georg Baselitz

Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz ist im Alter von 88 Jahren gestorben, wie seine Galerie unter Verweis auf seine Familie bestätigte. Baselitz wurde gerne als "Wutkünstler" bezeichnet. Sein Lebensmotto war: Widerspruch! Selbst die Gesetzmäßigkeit der Natur stellte Baselitz auf den Kopf: Er malte verkehrt herum, Füße und Wurzeln oben, Kopf und Baumkrone unten. Es wurde zu seinem Markenzeichen. 1969 entstand mit "Der Wald auf dem Kopf" das erste "Umkehrbild".

Er malte schon immer abseits vom Trend: gegenständlich, als in der Kunst das Abstrakte angesagt war, und groß, als Kleinformatiges besser verkauft wurde. Er experimentierte mit verschiedenen Malstilen, mal impressionistisch, mal kubistisch. Museen und das Publikum liebten den Unangepassten. 2023 gab es im Jahr seines 85. Geburtstags mehrere große Ausstellungen, darunter "Nackte Meister" im Kunsthistorischen Museum (KHM) in Wien. Die von Baselitz selbst ausgewählten Werke aus 50 Schaffensjahren handelten von der Nacktheit des Malers und seiner Frau, und sie wurden im Dialog mit Ölbildern alter Meister gezeigt, die sich mit Nacktheit befassten. Deutlich wurde: Baselitz lehnt idealisierte Schönheit als hohles Pathos ab.

Baselitz wurde in Sachsen geboren, mit bürgerlichem Namen Hans-Georg Kern. Der Künstlername ist eine Hommage an seinen Geburtsort Deutschbaselitz. Schon seine erste Ausstellung kam 1963 mit Ansage und Eklat. Die Sittenpolizei sah Pornografie in seinen Ölbildern "Nackter Mann" (mit einem überdimensionalen Penis) und "Die große Nacht im Eimer" (mit einem onanierenden Jungen) und beschlagnahmte sie. Auf den Skandal hatte er es angelegt, wie er freimütig sagte, um trotz der Ablehnung, die ihm überall entgegengeschlagen sei, Aufmerksamkeit zu bekommen. Seine monumentalen Bilder hängen in den wichtigsten Museen der Welt. 2004 erhielt Baselitz den japanischen Preis Praemium Imperiale, einen der weltweit wichtigsten Preise für Kunst. 2019 wurde er in die ehrwürdige Akademie der bildenden Künste in Paris gewählt.

Ben Lerner "Transkription" - Literaturgespräch mit Christian Metz

Es ist wohl der Albtraum jeder Journalistin und jedes Journalisten: Ein wichtiges Interview ist vorbereitet, das Gespräch findet statt und am Ende stellt sich heraus: Das Aufnahmegerät funktioniert nicht. Genau dieses Szenario nimmt Ben Lerner in seinem Roman "Transkription" zum Ausgangspunkt. Es geht um Wirklichkeit, Technologie und die Frage, wie verlässlich unsere Erinnerung ist. Was passiert, wenn nichts festgehalten wurde? Ist eine Erinnerung dann weniger echt? Oder entsteht Bedeutung gerade erst im Nachhinein, im Erzählen und Rekonstruieren? Wir sprechen mit dem Literaturkritiker Christian Metz über den Roman.

Theatertreffen in Berlin

Viele der zehn Inszenierungen des Theatertreffens in Berlin begeistern durch die Schauspielkunst, die gezeigt wird. So besticht die von der Zeitschrift "Theater heute" zur Schauspielerin des Jahres erklärte Julia Riedler in "Fräulein Else" (Volkstheater Wien). Angelehnt an Arthur Schnitzler entblättert sie allein auf der Bühne, wie ältere reiche Männer Macht auf junge mittellose Frauen ausüben. In verschiedene Figuren taucht der zum Schauspieler des Jahres gekürte Thomas Schmauser in Klaus Manns "Mephisto" (Münchner Kammerspiele). Ganz nach der Textzeile "Ein Schauspieler ist eine Maske hinter einer Maske" erörtert er gemeinsam mit dem Ensemble, wann Gedankenfreiheit in autoritäre Propaganda kippt. Und auch Paulina Alpen fasziniert in Thomas Melles "Die Welt im Rücken" (Schauspiel Stuttgart) über bipolare Störungen. Wir fragen die Schauspieler*innen, wie sie Missbrauch, Faschismus und Krankheit auf die Bühne bringen und was auf Schauspiel konzentriertes Theater kann.

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