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Wissen

Vorsicht vor dem Sumpf

Lässt sich der Glaube an Verschwörungen mit naturwissenschaftlichen Argumenten bekämpfen? Der Physiker Holm Gero Hümmler nimmt sich dieser undankbaren Aufgabe an.

Cover des Buchs "Verschwörungsmythen" von Holm Gero Hümmler
Holm Gero Hümmler: Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden. Hirzel Verlag, ISBN 978-3-7776-2780-9

Verschwörungsideologien sind ein typisches Merkmal unseres postfaktischen Zeitalters. Was früher lediglich in kleinen Zirkeln und Büchern aus obskuren Kleinverlagen kursierte, ist durch das Internet zu einem Massenphänomen geworden.

Holm Gero Hümmler schreibt in seinem Buch "Verschwörungsmythen" dagegen an. Dabei hat er weniger die gesellschaftlichen und psychologischen Aspekte im Blick. "Die Argumente, die für solche Behauptungen vorgebracht werden, sind bemerkenswert oft technischer oder naturwissenschaftlicher Art", so der Autor. Sein Werkzeug, Verschwörungstheorien zu sezieren, ist also die Naturwissenschaft, vor allem die Physik.

Damit gerüstet, klopft Hümmler einige der populärsten Verschwörungsmythen auf ihre Glaubwürdigkeit hin ab. Die meisten müssten dem durchschnittlichen Internet-Nutzer schon einmal über den Weg gelaufen sein: der Glaube an "Chemtrails", die angebliche Inszenierung der Mondlandung und des Anschlags vom 11. September und die Gerüchte um die Forschungsanlage "HAARP". Es lässt sich streiten, ob der Glaube an eine flache Erde oder eine geheime Nazi-Kolonie in der Antarktis noch im engeren Sinne zu den Verschwörungstheorien gehören - aber auch diese Vorstellungen nimmt Hümmler unter die Lupe.

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Das Internet als Brandbeschleuniger

Das Internet hat die Verbreitung von Verschwörungstheorien beschleunigt und globalisiert. Dabei spielen private Online-Kanäle eine wichtige Rolle.


Wenig überraschend: An keinem der Mythen lässt der Physiker ein gutes Haar. In vielen Fällen ist noch nicht einmal besonderes wissenschaftliches Fachwissen erforderlich, um den Unsinn dahinter zu erkennen. Hümmler zeigt, dass die Anhänger in der Regel schon ganz elementare Grundsätze der Naturwissenschaft nicht verstanden haben oder schlicht ignorieren. Etwas anspruchsvoller sind die Behauptungen der "9/11-Truther", die glauben, das World Trade Center sei nicht durch Flugzeuge zum Einsturz gebracht, sondern von innen gesprengt worden. Aber auch hier bleibt im Licht der Naturwissenschaften schließlich nichts mehr von den angeblichen Ungereimtheiten übrig.

World Trade Center in Flammen
"9/11 was an inside job" - ein weit verbreiteter Verschwörungsmythos.

Trotz des sachlichen Stils - oder vielleicht gerade deswegen - liest sich "Verschwörungsmythen" ziemlich unterhaltsam. Die Art und Weise, wie Hümmler die verstiegenen Behauptungen der Verschwörungsgläubigen mit den nüchternen Fakten konfrontiert, entwickelt eine ganz eigene trockene Komik.

Taugt das Buch aber zu mehr als zur Belustigung? Überzeugte Verschwörungstheoretiker werden die Argumente kaum zum Umdenken bewegen. Das Buch macht überdeutlich klar, dass diese Leute sich nicht dafür interessieren, was die Wissenschaft zu ihren Ideen sagt, und sie noch nicht einmal die offensichtlichsten Widersprüche in ihren "Theorien" bemerken. So behaupten viele Chemtrail-Gläubige, Flugzeuge versprühten Chemikalien, um damit den Klimawandel zu bekämpfen - während die selben Leute die globale Erwärmung gleichzeitig leugnen. Der Autor stellt fest: "Je offensichtlicher fachkompetent gegenüber einer Verschwörungsbehauptung skeptische Experten sind und je deutlicher sie sich positionieren, desto häufiger wird ihnen unterstellt, selbst an der jeweiligen Verschwörung beteiligt zu sein. Dadurch immunisieren sich Verschwörungsgläubige gegen die Kritik gerade derjenigen, die ihre Befürchtungen am ehesten kompetent beantworten könnten."

Wer erst einmal im Verschwörungs-Sumpf steckt, kommt kaum wieder heraus. Umso wichtiger, gar nicht erst hinein zu geraten. Und dazu kann ein solches Buch durchaus beitragen.

Malte Jessl

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