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Wissen

Rettung der Show-Orang-Utans

Mit dem dringenden Appell, Orang-utan-Shows zu boykottieren, wenden sich Tierschützer an Asien-Reisende. Hinter der Bühne leiden die Menschenaffen unvorstellbare Qualen. Ein Artikel von Andreas Kynast.

Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 12.09.2024

Chico mag Menschen

Sobald sein Pfleger das Gehege betritt, rast der Orangutan auf ihn zu, so aufgeregt, dass er Purzelbäume schlägt. Erst klammert sich Chico an die Beine, dann nimmt er die menschlichen Hände in seine Pfoten, er will gestreichelt, getragen, unterhalten werden. Chico muss um die acht Jahre alt sein, aber das ist nur geschätzt. Niemand weiß, in welchem Alter und unter welchen Qualen das Äffchen seiner Mutter entrissen wurde. Und wie es aus dem indonesischen Regenwald auf eine Touristeninsel in Thailand kam.

Chico scheint noch sehr klein gewesen zu sein, als sein Besitzer begann, ihn wie ein Spielzeug zu vermieten. Für ein paar Baht gab es ein Foto mit dem großäugigen Tierbaby. Chico musste lernen, Küsschen zu geben und Faxen zu machen. Auf die Touristen muss das rothaarige Fellbündel niedlich und verspielt gewirkt haben. Aber als es endlich in die Hände der Tierschützer fiel, stellten sie diverse Krankheiten, Mangelernährung und eine schwere Traumatisierung fest. In der Wildnis bleiben Orangutan-Babys bis zu acht Jahre bei ihren Müttern, die sie Tag und Nacht beschützen und versorgen.

Nur zwei Wege machen aus einem wilden Tier eine Attraktion: Schmerzen oder Hunger


Der Niederländer Edwin Wiek steht am Rand eines gigantischen Elefanten-Geheges in der Nähe des thailändischen Urlauberortes Hua Hin. „Kein Essen für zwei, drei oder vier Tage, dann machen sie alles, was man will." Edwin Wiek hat 25 Elefanten gerettet und für seine Schützlinge ein so riesiges Revier geschaffen, dass er ein Moped braucht, um von Tier zu Tier zu kommen. Im Laufe der Jahre sind Gibbons, Makaken, Otter, Wildkatzen und Vögel dazugekommen. Und Chico.
Normalerweise bringen Tierschützer befreite Orangutans zurück in ihre indonesische Heimat. Dort gibt es Rettungszentren, spezialisierte Tierkliniken und - das wichtigste - von Wildhütern bewachten, summenden, dampfenden Regenwald, in dem die geretteten Menschenaffen wieder artgerecht leben dürfen. Für Chico aber ist es zu spät. Zu lange hat das Äffchen mit Menschen agiert. Sein Verhalten ist nicht mehr natürlich, seine Krankheiten würden den wertvollen Bestand der verbliebenen Artgenossen gefährden. In den vergangenen Jahrzehnten sind 90 Prozent der Orangutans ausgestorben.

Verschleppt und gequält

Wie viele Orangutans in die Urlauberhochburgen Thailands verschleppt wurden, weiß niemand. Es müssen Hunderte sein. Vor allem bei asiatischen und russischen Touristen sind die Box-Shows beliebt, bei denen sich Orangutans vor einem johlenden Publikum gegenseitig verprügeln müssen. In manchen Vorstellungen sitzen bis zu 2000 Zuschauer. Was die wenigsten von ihnen ahnen: Die meisten Tiere haben sich mit menschlichen Krankheiten wie Hepatitis C angesteckt. Knochenbrüche gehören zum Alltag. „Das Leiden sehen die Besucher nicht", sagt Edwin Wiek: „Das passiert hinter der Bühne."

Diese Shows sehen spaßig aus, aber die Orangutans müssen für den Spaß grausam leiden Edwin Wiek, Tierschützer

Ein neues Leben

Für die Orangutans, die zur Touristenbelustigung nach Thailand geschmuggelt werden, konnten die Tierschützer bisher keine Zuflucht anbieten. Seit aber im Elefantencamp von Edwin Wiek das große, grüne Chico-Gehege eröffnet ist, haben auch die Show-Affen die Chance auf ein zweites Leben. „Edwin hat riesige Flächen zur Verfügung gestellt", sagt Daniel Merdes, Geschäftsführer von Borneo Orangutan Survival (BOS) Deutschland: „Natürlich ist es nicht Indonesien, sondern Thailand. Aber sie haben Bäume zum Klettern, sie kriegen Früchte. Sie haben ein wirklich gutes Leben hier."

Orang-Utan in Nationalpark auf Borneo
Quelle: dpa

Es sollte für jeden Urlauber selbstverständlich sein, solche Attraktionen zu boykottieren. „Genießen Sie Thailand", beschwört auch BOS-Chef Merdes deutschsprachige Reisende: „Erfreuen Sie sich am Wetter, an der Natur, am Essen. Aber bitte, geben Sie keinen Baht für Tierquälerei aus." Zwar wachse vor allem bei westlichen Touristen das Bewusstsein. „Aber vielen ist immer noch nicht klar, dass sie selbst Teil des Problems sind."


Chico hat so lange unter Menschen gelebt, dass er jedes Mal überglücklich ist, wenn sich sein Pfleger mit ihm beschäftigt, wenn er gelobt und gefüttert wird. Das scheue Affenmädchen Maggie, das seit einiger Zeit mit ihm zusammenlebt, turnt dagegen lieber allein durch die tropischen Bäume. Chico und Maggie sind die ersten befreiten Show-Orangutans Thailands. Die Tierschützer sind überzeugt, dass die beiden inzwischen etwas sehr wichtiges verstanden haben: Dass ihre Zeit der Schmerzen vorbei ist.

Orang-Utan spielt mit Stroh
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