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Deutschland wird sein selbstgestecktes Klimaziel für 2020 verfehlen. Ohne zusätzliche CO-2 Einsparungen gelingt es nicht, den Treibhausgas-Ausstoß wie geplant um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren.
Kolumne: Wieder einmal liegen die Fakten auf dem Tisch
Gert Scobels Gedanken zu "Klimafrust"
Seit Anfang der Woche wissen wir es. Anders als im letzten Jahr wird der CO2 Ausstoß bis Ende dieses Jahres um etwa zwei Prozent steigen. Das ist das fatale Ergebnis des Globalen Kohlenstoff Budgets, eines Reports, der von 76 Wissenschaftlern aus 15 Ländern nun zum 12. Mal herausgegeben wurde.
Und weiter wissen wir, dass der norwegische Flüchtlingsrat Zahlen präsentierte, die nahelegen, dass inzwischen weltweit drei Mal so viele Menschen vor extremen Wetterereignissen fliehen, als vor kriegerischen Konflikten, von denen wir wahrlich einige haben. Und dann stellten Wissenschaftler aus Mexiko im Sommer dieses Jahres wieder einmal fest, dass die Menschheit Tier- und Pflanzenarten selbst bei zurückhaltender Schätzung schneller ausrottet, als es nach unserem heutigen Wissen jemals zuvor in der gesamten Geschichte der Erde geschah.

Wir brauchen Gegen-Geschichten
Wenn Sie nun ins Kino gehen und mal keinen Actionfilm, keinen lustigen Pixar-Animationsfilm, keinen Fuck you-Film und auch kein Weltraumspektakel sehen, dann landen Sie vermutlich in einem der vielen Katastrophenfilme. Hollywood und wir lieben es offenbar, uns die eigene Zukunft als Katastrophe zu denken und dann auch noch genussvoll anzusehen.

Vielleicht gelingt dieses Kunststück nur, weil wir das Verhältnis zu uns selbst verloren haben und längst damit angefangen haben, uns in virtuelle Räume umzusiedeln. Dabei müssen die düsteren Geschichten, die wir uns vorstellen, keineswegs wirklich werden. Um jedoch zu verhindern, dass das, was wir auf der Leinwand gerne sehen, was uns aber Angst macht, wirklich wird, brauchen wir Gegen-Geschichten. Mit Hilfe solcher Gegen-Geschichten versuchen wir zu verhindern, dass unsere Katastrophen-Geschichten zur Geschichte, d.h. zum historischen Ereignis und damit wirklich werden.

Auf diese Weise geraten wir in eine Paradoxie
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Kolumne vom 8. September 2016:
Einmalige Systeme der Natur
Die täglichen Nachrichtenbilder und Informationen legen uns nahe, unsere Zukunft realistisch als Katastrophe oder Dystopie zu verstehen. Andererseits müssen wir genau diese Zukunft gleichzeitig verhindern - eine Zukunft, die einzig und allein durch unser Handeln wirklich zu werden droht. Ein Handeln, das nicht zuletzt von Fiktionen getrieben wird. Es ist, als dürfe die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Erklärt diese Paradoxie, warum es offenbar so schwer fällt, genau das zu tun, von dem wir wissen, dass es helfen würde? In meiner Kolumne vom 8. September 2016 über das Thema "Anthropozän - Rasante Veränderungen. Der Mensch und die Erde" schrieb ich: "Es gibt nur zwei relevante Fragen, die sich aus all dem ergeben: Erstens die Frage: Ändern wir unsere Perspektive? Und zweitens: schaffen wir es, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, jetzt anders zu handeln?". Leider hat sich daran wenig geändert. Immer noch sprechen Gegner einer modernen Klimapolitik von grüner Ideologie und Fiktion, statt anzuerkennen, dass es längst um Fakten und Realitäten geht. Nur zwei Fakten der letzten Tage.

  • Erstens: Laut Weltbank verursacht der Klimawandel heute schon vorsichtige geschätzt etwa 300 Milliarden US Dollar Schäden, zum Beitspiel durch Wetterextreme.
  • Zweitens: Die CO2 Belastung geht weltweit nicht wie 2016 runter, sondern wird bis Ende des Jahres um etwa zwei Prozent steigen.

Die Gründe dafür? China, die Macht, die antrat, die USA und Europa in Sachen grüne Klimapolitik zu übertrumpfen, verbrauchte in Wahrheit in diesem Jahr mehr Kohle als im letzten - trotz aller durchaus bewundernswerten Bemühungen "grün" zu werden. Auch lässt die Digitalisierung weltweit den Energieverbrauch steigen. Die Serverfarmen arbeiten 24/7. Und dann wären da noch die Autos, die unvermindert PS-stärker werden und der übertriebene Fleischkonsum und ...

Wieder einmal liegen die Fakten auf dem Tisch
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Bericht vom 16. November 2017:
Strategien eines Weltkonzerns
Wieder einmal zeigen sie, was wir längst wussten: Es wird schwer, die zwei Prozent Hürde zu nehmen. Nach wie vor gilt also, dass die entscheidende Frage, wie schon so lange nicht mehr lautet "Was müssen wir tun?", sondern "Warum tun wir nicht das, was wir längst als richtig erkannt haben, warum verwirklichen wir nicht die Ziele, die wir vernünftigerweise gesetzt haben?" Ist es mit dem Klimawandel wirklich so wie mit dem Berliner Flughafen: Alles eine Dauerbaustelle, die während es immer länger dauert, auch immer mehr Menschen in den Ruin treibt?

Tatsächlich scheinen es wie damals bei Tabak und Rauchen Lobbyisten mit Millionen Dollar und Euro in der Tasche wieder einmal geschafft zu haben, uns vorzumachen, dass Öl und Braunkohle, dicke Autos und ungehemmter Fleischkonsum ebenso wenig mit dem Klimawandel zu tun haben, wie Rauchen mit Krebs. Vor drei Jahren hatten InsideClimate News und Scientific American nach monatelanger Recherche zeigen können, dass ExxonMobile seit 1977 wusste, dass es einen Klimawandel gibt, der vor allem durch das Verbrennen fossiler Energieträger entsteht. Der Leiter der eigenen Forschungsabteilung von ExxonMoblie, James Black, hielt 1977 darüber einen Vortrag vor der versammelten Unternehmensleitung. Und nichts passierte. Als dann, über zehn Jahre später, die NASA Fakten präsentierte und vor einer katastrophalen Erderwärmung warnte, bezichtigte ExxonMobile die Wissenschaftler gezielte Desinformation zu betreiben - so wie Trump heute. In Wahrheit war es die Global Climate Coalition, die hier über Jahrzehnte desinformierte: eine Allianz von ExxonMobil, Shell, BP, Texaco sowie den Autoherstellern Ford, General Motors und DaimlerChrysler.

Wir sprechen in Deutschland mit gespaltener Zunge
Statt Inseln im Pazifik zu versenken, könnten wir, ohne dass es uns etwas kostet, Tempolimits auf der Autobahn einführen, in der Folge auf super PS-starke Wagen verzichten und aufhören freundlich zu korrupten Autounternehmen zu sein, die uns systematisch hinters Licht geführt haben: vorsätzlich und mit betrügerischer Absicht. Und ist es - abgesehen davon - wirklich ein Zeichen politischer Stärke, wenn eine moderne Demokratie wie unsere es über Jahrzehnte nicht schafft, den Menschen, die wie im 18. Jahrhundert immer noch Kohle abbauen und verbrennen, um davon zu leben, neue und bessere Arbeitsplätze zu beschaffen?

Wir können es schaffen. Immer noch. Wenn wir jetzt handeln. Was jetzt bedeutet? Jetzt!






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