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Die Erde ist ein sehr außergewöhnlicher Planet - und der Weltraum noch immer ein Rätsel.
Kolumne: Wir kreisen ein wenig verloren im Weltall
Gert Scobels Gedanken zu "Das Dunkel der Astrophysik"
Manchmal hängen die Dinge auf eine ungeahnte Weise zusammen, so wie der Deutsche Buchpreis, die Astrophysik und der Urknall. Möglicherweise ist der Umstand, dass es so ist und (tatsächlich) alle Dinge zusammenhängen (auch wenn wir den Zusammenhang meist nicht erkennen), gar nicht so bemerkenswert, wie es scheint- und im Grunde einfacher zu verstehen als man annimmt.
Nach heutigem Stand der Forschung begann das Universum als sogenannte Singularität - ein Ausdruck für einen einzigartigen Zustand, der sich dadurch auszeichnet, dass keine einzige der uns heute bekannten physikalischen Theorien auch nur ansatzweise anwendbar ist, um zu beschreiben, wie dieser Zustand aussah. Gewiss ist nur, dass in diesem Zustand beispielsweise die Relativitätstheorie, oder die Unterschiedenheit der uns bekannten Grundkräfte der Natur, nicht mehr gelten.

In einer Singularität, die Null Dimensionen, Null Ausdehnungen (und folglich auch keine Zeit) hat, geht die Dichte der Materie gegen unendlich. Als Laie fragt man sich, was man damit weiß, wenn ein Fachmann auf die Frage nach dem Anfang der Welt stolz auf "die Singularität" verweist; denn man weiß im Grunde damit so viel wie er oder sie, nämlich - nichts. Außer dass das Wissen, das man hat, oder genauer, das alle haben, jämmerlich versagt.

Kosmische Inflation
Wenn das gesamte Universum also ziemlich dicht verpackt war - Stephen Hawking hat dafür die Metapher des Universums in der Nussschale geprägt - darf man sich nicht wundern, dass es sozusagen an einem Stück rauskommt, wenn man es aus der singulären Verpackung zieht.

Genau das geschah ziemlich abrupt und plötzlich. Man nennt diesen Vorgang kosmische Inflation. Er sorgte für eine schnelle Verteilung dessen, was war, ins Nichts hinein und dauerte lediglich 10−30 Sekunden – eine Zeit, in der ein normaler Mensch noch nicht einmal einen Kaffee machen oder die Brille weglegen kann. Alles, was in dieser Zeit geschah, brachte die gesamten Dinge, die es gab, samt ihrer unterschiedlichen Eigenschaften, in Bewegung - und damit in den Zustand der Evolution des Universums mit seiner uns heute bekannten räumlichen und zeitlichen Ausdehnung. Am Anfang aber war alles sehr, wirklich sehr klein und sehr dicht. Wenn etwas derart hochkomprimiert ist und sich entfaltet – ist es dann nicht natürlich, dass all das, was sich da allmählich entwickelt auch miteinander zusammen hängt?

Das bringt mich zurück zur Buchmesse: . Als ich vor wenigen Tagen -nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises an Bodo Kirchhoff mit seinem Verleger Joachim Unseld sprach, fragte der mich nach meiner nächsten Sendung. Ich sagte ihm, dass es vor allem um Bildung ginge: die Bildung des gesamten Universums samt dem ganzen Dunkel der Dunklen Energie und Dunklen Materie. "Schau nach oben", sagte er und wies in den hell erleuchteten Frankfurter Himmel. "Kein bisschen Dunkel und kein bisschen Nacht."

Vernunft und Unvernunft
Wenn es etwas gibt, das die Astrophysik und die Kosmologie lehren, dann vielleicht dies: dass wir sehr, sehr klein, sehr unbedeutend und vielleicht sogar ein wenig verloren im Weltall kreisen. Die Erde ist ein sehr außergewöhnlicher Planet – übrigens immer noch der einzige dieser Art, den wir kennen und auf dem es gute Pasta gibt und so wunderschöne Bäume wie den, den ich jetzt hinter meinem Computer sehe. Auch darin zeigt sich wieder eine gewisse Verwandtschaft, denn mein Hund wüsste es sehr zu schätzen, dass ich zunächst ans Essen und dann erst an den Baum gedacht habe. Das Ergebnis der Evolution des Universums ist es, auf der Erde Lebensformen mit Bewusstsein hervorgebracht zu haben. Von diesen Lebensformen zeigen manche Anzeichen von vernünftigem Verhalten. Leider schlägt die Vernunft mancher Bewohner immer wieder in höchste Unvernunft um – was lebensbedrohlich nicht nur für die Betreffenden, sondern für alle Lebewesen werden kann. Schließlich hängt alles zusammen. Vielleicht wäre es daher besser, statt in den hell erleuchteten Himmel, ein wenig ins Dunkle zu schauen; das könnte lehrreicher sein.

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