Schmetterling © dpa
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Die heutige Landwirtschaft macht den Insekten das Überleben schwer.
Dramatischer Rückgang
75 Prozent weniger Insekten in 27 Jahren
Kiloweise sammelten Forscher in den vergangenen 27 Jahren Insekten aus Fallen. Die Auswertung der Daten bestätigt: Die Insektenzahl schwindet vielerorts erheblich.
Im Untersuchten Zeitraum nahm die Gesamtmasse um mehr als 75 Prozent ab, berichten Wissenschaftler aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden. Die Analyse bestätigt erste, im Sommer 2017 vorgestellte Ergebnisse.

Nicht an der Studie beteiligte Experten sprechen von einer überzeugenden Arbeit, durch die bisherige Hinweise auf ein massives Insektensterben auf eine solide Basis gestellt worden seien. Der Deutsche Bauernverband ist hingegen der Meinung, dass die Studie mehr Fragen aufwerfe, als dass sie Antworten gebe.

Insektensterben ist ein "größerflächiges Problem"
Die Publikation liefere den Beleg, dass der Schwund nicht nur einzelne Standorte betrifft, sondern "wirklich ein größerflächiges Problem" ist, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. Fachleute vermuten schon lange, dass die Zahl der Insekten in den vergangenen Jahren erheblich zurückgegangen ist. Verlässliche Daten sind allerdings rar.

© dpa Die Entomologen fingen die Insekten mit "Malaise-Fallen".
Die Entomologen fingen die Insekten mit "Malaise-Fallen".
Caspar Hallmann von der Radboud University in Nijmegen (Niederlande) und seine Mitarbeiter werteten nun Daten aus, die seit 1989 vom Entomologischen Verein Krefeld gesammelt worden waren, also von ehrenamtlichen Insektenkundlern. Diese hatten in 63 Gebieten mit unterschiedlichem Schutzstatus in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und in Brandenburg Malaise-Fallen aufgestellt. Das sind zeltartig aufgestellte Netze, in denen Fluginsekten in einen Sammelbehälter geleitet und getötet werden.

Die meisten Standorte wurden nur in einem Jahr des Studienzeitraums untersucht, einige in zwei, drei oder vier Jahren. Die Fallen wurden innerhalb einer Saison in regelmäßigen Abständen geleert. Für die Analyse wurde jeweils die Gesamtmasse darin gefangener Insekten bestimmt. Dann verglichen die Forscher, wie sich in einzelnen Lebensräumen - etwa in Heidelandschaften, Graslandschaften oder auf Brachflächen - die Biomasse über die Zeit verändert hatte.

Die Methodik der Forscher sei in Ordnung, urteilen Fachkollegen. "Die Tatsache, dass an vielen Probestellen nur einmal Proben genommen wurden, spielt für die Validität der Daten keine Rolle", sagt etwa Johannes Steidle von der Universität Hohenheim. Dies zeige auch eine Teilanalyse der mehrfach beprobten Standorte. "Sie kommt zum selben Ergebnis wie die Hauptanalyse mit allen Probestellen."

Mögliche Gründe für den Insektenschwund

© dpa Die Forscher untersuchten mehr als 53 Kilogramm Insekten.
Die Forscher untersuchten mehr als 53 Kilogramm Insekten.
Insgesamt landeten 53,54 Kilogramm wirbellose Tiere in den Fallen - Millionen Insekten. Die Auswertung zeigte, dass im Verlauf der vergangenen 27 Jahre die jährliche Gesamtmasse im Mittel um 76 Prozent abgenommen hat. Am stärksten war der Verlust in der Mitte des Sommers, wenn am meisten Insekten herumfliegen. Er betrug knapp 82 Prozent. "Ein Schwund wurde bereits lange vermutet, aber er ist noch größer als bisher angenommen", sagte Erstautor Hallmann.

Auf der Suche nach möglichen Gründen für den Insektenschwund untersuchten die Wissenschaftler etwa den Einfluss von Klimafaktoren, der landwirtschaftlichen Nutzung und bestimmter Lebensraumfaktoren. Die Analyse brachte jedoch keine eindeutige Erklärung. So gab es insgesamt einen positiven Zusammenhang zwischen Insektenbiomasse und Temperatur - der im Untersuchungszeitraum festgestellte Anstieg der Durchschnittstemperatur von einem halben Grad Celsius sollte sich also, wenn überhaupt, positiv auf den Bestand an Insekten ausgewirkt haben.

Vermutlich spiele die intensivierte Landwirtschaft samt dem Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln sowie der ganzjährigen Bewirtschaftung eine Rolle, erklären die Forscher. Untersucht haben sie dies aber nicht. Fast alle Untersuchungsstandorte - 94 Prozent - waren von landwirtschaftlich genutzten Flächen umgeben. Es sei denkbar, dass Insekten in den Schutzgebieten zwar zunächst gediehen, die Insekten dann aber auf den angrenzenden Ackerflächen verschwänden, heißt es.

"Der dramatische Insekten-Rückgang zeigt, dass Schutzgebiete in nur noch sehr geringem Maße als Quellhabitate für die Besiedelung der Agrarlandschaft dienen können", sagt Teja Tscharntke, Agrarökologe an der Georg-August-Universität Göttingen. Die Intensivierung der Landwirtschaft sei eine plausible Ursache für den Rückgang. Zu den Faktoren gehörten unter anderem große Felder, nur wenige schmale Feldränder und wenige Hecken und Gehölze.

Naturschützer rufen zum großen Zählen auf
Was krabbelt denn da? Der Naturschutzbund (Nabu) will mit Unterstützung interessierter Bürger mehr Daten zu Insekten in Deutschland erheben. Die Aktion "Insektensommer", bei der die Tierchen gezählt werden sollen, startete am vergangenen Freitag, wie die Organisation mitteilte. "Egal ob Blattlaus, Fliege oder Schmetterling - beim Insektensommer soll jeder Sechsbeiner gemeldet werden." Der Nabu will mit der Aktion Häufigkeiten und Trends von Arten und Populationen erkennen. Die Daten sollen über mehrere Jahre verglichen werden - wie bei der Aktion "Stunde der Gartenvögel", an der sich jedes Jahr bundesweit Tausende Menschen beteiligen.

Interessierte sollen in zwei Zeiträumen - vom 1. bis 10. Juni und vom 3. bis 12. August - eine Stunde lang in ihrer Umgebung nach Insekten Ausschau halten. Die Beobachtungen kann man online eintragen. Der Nabu rät, Lupen zu benutzen und stellt zudem eine App zur Verfügung, die beim Erkennen von Insekten helfen soll.


Schädliche Pestizide
Bienen in Gefahr
Die EU-Staaten haben im April 2018 einem Freilandverbot für bienenschädliche Insektengifte zugestimmt.
Link
Alles zur Aktion "Insektensommer" beim Nabu
Literatur
Hallmann C et al (2017) More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS one, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809
Für Sie gelesen
Ein Bienen-Roman
"Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde behandelt das Thema Bienensterben als Roman. Und es ist ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann.
"Citizen Science"
Hilfe für die Profis
Ohne Bürgerwissenschaftler geht es in der Forschung oft nicht. Die Insektenkunde würde sonst völlig zusammenbrechen, sagt Jens Esser vom Naturkundeverein "Orion".