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Jeder Zehnte in Deutschland fühlt sich "ausgebrannt".
Der Immer-Erreichbare
Jan Bredack berichtet über seine "Selbstverbrennung".
Das Gefühl der Macht und des Machterhalts waren groß, Misserfolge nicht kompensierbar. So landete Jan Bredack im Burnout. Und krempelte dann sein Leben um.
Mit 36 Jahren erleidet der Hochleister Jan Bredack ein Burnout. Ein Krankheitssyndrom, das oft in Zusammenhang mit einer veränderten und stressigen Arbeitswelt auftritt. Als Manager des Vertriebs von Daimler in Russland musste er immer erreichbar sein, schnelle Arbeit leisten, und war permanentem Stress ausgesetzt. Schon bald schlich sich das Gefühl "in der Falle zu sitzen" bei ihm ein. Dann war es zu spät und der Burnout da. Die Machtsymbole hatten in dieser Phase des Ruhms sein Leben kontrolliert: "Ich habe mir selbst extrem Druck gemacht aus Angst, dass man mir Statussymbole wegnimmt - die Größe meines Büros, den Top-Parkplatz vor der Firma." Jan Bredack beschrieb seinen Zustand des "Ausgebranntseins" so: Er kam "nicht mehr mit" und wollte "auch nicht mehr mitmachen", "kam aber nicht raus". Schließlich machte er eine Therapie und krempelte sein Leben um 180 Grad um. Er entschied sich, endlich das zu tun, was er gerne macht und was ihm gut tut. Er eröffnete die erste vegane Supermarktkette "Veganz" in Deutschland.

Selbstverbrenner und Opfer der Umstände
Eine klare Definition des Krankheitssymptoms Burnout gibt es nicht. Der Hamburger Burnout-Psychologe Matthias Burisch unterscheidet zwischen zwei Typen von Menschen, die „ausbrennen“ können: die „"Selbstverbrenner“" und die „"Opfer der Umstände"“. Die ersteren sind meist extrem dynamische Menschen, die sich selbst Stress verschaffen. Sie können schwer zu den eigenen Ansprüchen Nein sagen. Die letzteren sind von ihren Lebensbedingungen überfordert und sagen schlecht Nein zu Anforderungen durch andere. Beinahe immer sind sowohl äußere als auch innere Faktoren wechselseitig an einem Burnout-Prozess beteiligt. Außenfaktoren fassen Umstände zusammen, die ohne das Zutun der betroffenen Personen entstehen. Bei den inneren Faktoren verbeißen sich die Betroffenen in bestimmte Ziele und überschätzen die eigenen Fähigkeiten. Meistens sind sie auch nicht ehrlich zu sich selbst. Die Symptome sind vielfältig, eine Eins-zu-Eins-Zuordnung“ gibt es nicht. Wie so oft bei psychischen Krankheiten. Doch die Ärzte sind sensibler geworden und die Patienten stehen zu ihrem Burnout.

Ein neuer Wirtschaftszweig
Doch Burnout ist keine reine Manager-Krankheit. In rund 60 Berufen und Personengruppen beschreibt die wissenschaftliche Forschung das Phänomen. Vor allem ist sie in Heilberufen zu finden: Pfleger, Ärzte, aber auch Lehrer, Sozialarbeiter und Angestellte fühlen sich ausgebrannt. An deren Behandlung oder besser noch Vorbeugung verdienen längst nicht nur Fachleute. Daraus ist inzwischen ein eigener Wirtschaftszweig entstanden. "Vor allem Privatkliniken haben das Thema entdeckt. Es wird nicht schaden, wenn man dahin geht, aber vermutlich auch nichts nützen", urteilt Matthias Burisch über die zahlreichen Angebote an Entspannungs- und Anti-Stress-Therapien. Er war einer der ersten, der in Deutschland das Phänomen untersuchte. "1974 gab es einen ersten Boom", sagt er. "Seit 2006 boomt es permanent."

nano spezial
Ausgebrannt!
In Deutschland leiden mehr als vier Millionen Menschen an Depressionen und Burnout, die behandelt werden sollten. Betroffene sind antriebslos und brauchen therapeutische Hilfe.
Glossar
Burnout
Als Burnout, "Ausgebranntsein", wird ein Zustand der totalen Erschöpfung bezeichnet. Ängste und negative Emotionen gehören zu den typischen Symptomen der Krankheit.
Pflege am Limit
Oft allein gelassen
Schichtdienst, Wochenendarbeit, geringe Wertschätzung und ständige Konfrontation mit Krankheit und Tod: Die Anforderungen an Krankenpfleger in Deutschlands Kliniken sind hoch.
Selbsttest
Ein Check auf die Schnelle
Der Psychologe Matthias Burisch entwickelte 23 Fragen für einen Burnout-Selbsttest. Die Antworten können personenbezogen sehr variieren. Eine Musterlösung gibt es nicht.
Mediathek: Interview
"Burnout ist keine kassenfähige Diagnose"
Der Psychologe Matthias Burisch war einer der ersten, der in Deutschland das Krankheitssyndrom Burnout untersuchte.