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100.000 Arzneimittel - und viele heilen dieselbe Krankheit. Muss nicht sein, sagen Kritiker.
Zu viel, zu teuer
Trotz Konkurrenz unter den Pharmafirmen fallen die Preise nicht
"Mit 800 Mitteln würden wir gut auskommen, um die Bevölkerung zu versorgen", sagt Dr. Christiane Fischer von der "Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte".
Kuba mache es vor, dass es so auch geht. Stattdessen gibt es in Deutschland 3000 Wirkstoffe, die in verschiedenen Dosierungen und Packungsgrößen in 100.000 Produkten stecken. Doch die Konkurrenz sorge nicht für geringere Preise.

Nebenwirkung: Mondpreise
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Patienten würden für ihre Heilung alles bezahlen - die Kassen nicht unbedingt.
Ein Beispiel dafür: das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi. Es heilt - aber nicht jeden Patienten. Zudem ist eine Therapie damit sehr teuer. Das Medikament Sovaldi mit dem Wirkstoff Sofosbuvir hat innerhalb kurzer Zeit schon große Schlagzeilen gemacht: als ein sehr teures Medikament. Mit 700 Euro pro Tablette sprachen die Krankenkassen von "Wucherpreisen". Diese seien mit den Entwicklungskosten nicht zu begründen. Die Pharmaindustrie rechtfertigt solche Preise jedoch mit hohen Forschungs- und Herstellungskosten. Erst nach monatelangen Verhandlungen haben sich die gesetzlichen Krankenkassen mit dem US-Pharmahersteller Gilead auf einen Erstattungsbeitrag für das neue Hepatitis-C-Medikament geeinigt.

Dieser liegt nun bei 14.520 Euro. Für eine zwölfwöchige Therapie liegt der Betrag damit bei 43.500 Euro. Bislang galten für diese Therapie Mindestpreise von 60.000 Euro. Der Kompromiss wurde laut dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) nach sieben Monaten Verhandlung erzielt. Die Vereinbarung gelte bis 2018 und sehe eine Preisstaffelung vor, die in den beiden folgenden Jahren zu weiteren Einsparungen führe. Der neue Wirkstoff Sofosbuvir, der unter dem Handelsnamen Sovaldi bekannt ist und in Deutschland seit 2014 erhältlich ist, wurde als große Innovation gefeiert.

Sovaldi hat nicht nur einen stolzen Preis: um erfolgreich zu sein, muss es mit anderen Wirkstoffen kombiniert werden. Dadurch erhöhen sich die Kosten pro Therapie beträchtlich - bis auf 100.000 Euro. Die Zahl der Verordnungen für das neue Hepatitis-C-Medikament sind massiv gestiegen: auf monatlich fast 4000 Rezepte. Allerdings hilft es nicht jedem Hepatitis-C-Erkrankten. Laut einer Untersuchung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) nütze es nur Patienten, deren Virus vom Genotyp 2 sei. Insgesamt sechs Genotypen des Virus sind bekannt. Bevor also ein Medikament verschrieben wird, muss herausgefunden werden, welcher Virustyp die Leberentzündung verursacht hat.

Gesetzliche Regelungen sollen Preise bremsen
Nach Ansicht der Krankenkasse AOK ist bei "Phantasiepreisen" wie bei Sovaldi und den bereits zu ähnlichen Preisen auf dem Markt erschienenen Konkurrenzmedikamenten die Politik gefragt. Im deutschen Bundesgesundheitsministerium hieß es im Januar 2015, der Fall Sovaldi sei in dieser Form bislang ein Einzelfall. Das Ministerium "wird die Ausgabenentwicklung dieses und anderer Arzneimittel gerade im ersten Jahr weiterhin aufmerksam beobachten". Danach werde entschieden, wie zu reagieren sei. Eine solche Ausgabenentwicklung sollte keinesfalls Schule machen.

Die Pharma-Branche erwirtschaftete 2013 mehr als 42,3 Milliarden Euro Umsatz, zwei Drittel davon im Ausland. Sie beschäftigte in Deutschland über 110 000 Mitarbeiter. Jeder siebte Euro des Pharma-Umsatzes fließt in Forschung und Entwicklung - so viel wie in keiner anderen Branche.

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