Überschwemmung in Bangladesch © ap
Die Industrieländer verursachen den Klimawandel, aber die Leidtragenden sind meist andere.
Die Industrieländer verursachen den Klimawandel, aber die Leidtragenden sind meist andere.
Nach uns die Sintflut?
"Klimaethik" - Der Klimawandel aus der Sicht des Philosophen
Der Philosoph Dieter Birnbacher legt eine knappe Betrachtung des Klimawandels aus ethischer Sicht vor. So nüchtern seine Gedanken sind - so ernüchternd ist das Ergebnis.
© Reclam
Man könnte meinen, zum Klimawandel sei bereits alles gesagt. Alle haben sich schon dazu geäußert: Die Wissenschaftler, die Politiker, die Journalisten sowieso. Hat die Philosophie da noch etwas beizutragen?

Für Birnbacher ist es vor allem eine Besonderheit, die den Klimawandel aus ethischer Sicht zu einem besonderen Problem macht: die Distanz von Verursachern und Leidtragenden - räumlich und zeitlich. Während die Verursacher des Klimawandels vor allem die reichen Industrieländer sind, zeigen sich seine Schäden meist in den armen Ländern des Südens. Und die Treibhausgase, die wir heute in die Luft blasen, wirken sich erst in ferner Zukunft aus. Die Klimaethik muss also Menschen berücksichtigen, die noch gar nicht geboren sind.

Nach einer kurzen Darstellung der zu erwartenden Folgen, die durch einen ungebremsten Klimawandel auf die Menschheit zukommen, macht sich Birnbacher zunächst daran, den "Klimaschutz" ethisch zu begründen. Dabei argumentiert er auf Grundlage der Menschenrechte: Durch die Folgen des Klimawandels sind Schäden zu erwarten, die als Menschenrechtsverletzungen gelten können. Der Klimawandel zwingt eine Vielzahl von Menschen zu einem Leben, das "mit grundlegenden menschlichen Interessen unvereinbar ist".

Nachdem er die Notwendigkeit begründet hat, dem Klimawandel entgegenzusteuern, diskutiert Birnbacher die Probleme, die damit zusammenhängen. Wer kann eigentlich als "Verursacher" des Klimawandels gelten: Staaten, Unternehmen - oder sogar der einzelne Konsument? Wer ist verantwortlich, die Gegenmaßnahmen zu ergreifen? Und vor allem: Wie lässt sich die Menschheit motivieren, das Problem anzupacken? Hier wird das erwähnte "Distanzproblem" wichtig - Wir müssen es schaffen, uns für Menschen verantwortlich zu fühlen, die weit von uns entfernt und mehrheitlich sogar in der Zukunft leben. Dazu kommt, dass das gesamte Projekt "Klimaschutz" so langfristig angelegt ist, dass wir gar nicht kontrollieren können, ob unsere heutigen Anstrengungen überhaupt den gewünschten Effekt zeigen. Wenig optimistisch stellt Birnbacher fest: "Möglicherweise ist das Klimaproblem einfach zu groß, um für das auf näherliegende Ziele eingestellte Motivationssystem des Menschen erreichbar zu sein."

Die ethischen Probleme stellt der Autor präzise und verständlich dar. Was jedoch die Lösungen betrifft, so bleibt Birnbacher ziemlich vage und allgemein. Um das Distanzproblem zu umgehen sei es etwa besser, "wenn wir uns in der Praxis an weniger weit ausgreifenden und zunächst lediglich auf die nächste Generation bezogenen Leitvorstellungen orientieren". Klar: Es handelt sich um ein philosophisches Buch und keinen praktischen Leitfaden, aber solche eher schwammigen Formulierungen fallen auf, denn im restlichen Buch legt Birnbacher durchaus Wert auf Anschaulichkeit und konkrete Beispiele. Hier zeigt sich wohl eine gewisse Ratlosigkeit. Denn wie jeder gut informierte Autor weiß Birnbacher, wie unwahrscheinlich ein Erfolg im Kampf gegen den Klimawandel noch ist: "Nichts deutet darauf hin, dass das vom IPCC in seinem Bericht von 2007 formulierte Ziel erreicht wird, bis 2050 die Emission von Treibhausgasen gegenüber 1990 um 50 bis 85 Prozent zu mindern und die Erwärmung im Jahr 2050 bei nicht mehr als 2 bis 2,4 Grad Celsius anzuhalten."

Info
Dieter Birnbacher
Klimaethik
Nach uns die Sintflut?
Verlag: Reclam
ISBN 978-3-15-011079-9
Erste Auflage 2016
Klimawandel im Mittelmeerraum
Wüsten rücken vor
Eine Erderwärmung von mehr als 1,5 Grad würde die Ökosysteme im Mittelmeerraum so sehr verändern wie in den vergangenen 10.000 Jahren nicht.
Für Sie gelesen
Keine Panik vor dem Klimawandel
Die Energiewende, der Umstieg auf Erneuerbare Energien - das ist Prof. Gerd Ganteförs Thema in diesem Buch. Er hält sie für falsch.