Anna-Lena Schnabel © ZDF_Thomas_Frischhut
Was man nicht kennt, das kann verwundern!
Anna-Lena Schnabel im Interview
Der ECHO zählt zu den international wichtigen Musikawards. Die Deutsche Phono-Akademie, das Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie, ehrt mit dem ECHO die erfolgreichsten und besten Leistungen nationaler und internationaler Künstler. Anna-Lena Schnabel erhält den "Echo Jazz" 2017.
3sat: Sie haben zunächst mit klassischer Musik begonnen. Was reizt Sie an Jazz im Vergleich zur klassischen Musik?

Schnabel: An Jazz reizt mich vor allem, dass man gleichzeitig InterpretIn und KomponistIn sein kann. Insbesondere die Kunst der Improvisation (also spontan im Moment Musik zu erfinden und zu spielen) und damit einhergehend die spontane Kommunikation mit den MitmusikernInnen ist für mich immer wieder eine sehr intensive Erfahrung.

3sat: Sie werden von der Presse als "eine echte Entdeckung" und als "charakterstark, erfindungsreich und voller Seele" beschrieben. Können Sie mit dieser Beschreibung leben?

Schnabel: Das ist doch eine sehr positive Beschreibung und es ist schön wenn das jemand so wahrnimmt, warum sollte ich nicht damit leben können?

3sat: Sie sind nicht nur Interpretin, sondern auch Komponistin. Woher nehmen Sie ihre Ideen für Kompositionen?

Schnabel: Das ist wohl vergleichbar mit der Frage: Woher nimmt man die Ideen für das was man denkt? Nun ja, dieser Prozess ist wirklich nicht einfach nachzuvollziehen. Sicher spielen die musikalischen Erfahrungen die ich gemacht habe eine Rolle. Dazu zählt meine Beschäftigung mit Jazz, Klassischer Musik, Neuer Musik und anderen Stilistiken. Was ich für Musik gehört habe, meine Persönlichkeit und meine Gedanken und Vorstellungen über Musik spielen sicher auch eine Rolle und noch vieles mehr. Das passiert aber alles ganz unterbewusst. Wenn ich komponiere öffne ich mich einfach, so dass die Musik zu mir kommen kann, ganz spontan. Manchmal probiere ich auch Dinge aus die mich dann auf Ideen bringen, oder ich habe klangliche Assoziationen, die ich irgendwie umsetzten möchte. Das ist wirklich immer sehr unterschiedlich, von daher kann ich darauf keine klare Antwort geben.

3sat: Wie soll das Publikum mit Ihrer Musik umgehen?

Schnabel: Zuhören. Aber ich denke, das Konzertpublikum kann mit der Musik ansonsten umgehen wie es möchte. Wer sie mag, cool, wer nicht, auch Ok (solange niemand beleidigend wird, versteht sich). Ich bin generell sehr froh über jeden, der sich entscheidet in ein Konzert zu gehen oder eine CD zu kaufen und offen genug ist, sich das anzuhören. Und wenn dann jemand noch berührt, begeistert, nachdenklich oder irgendwie anderweitig positiv oder einfach um eine Erfahrung reicher daraus hervor geht, umso schöner natürlich.

3sat: Welchen Tipp können Sie jungen Jazzmusikern mitgeben, um einen Karrieresprung zu erreichen?

Schnabel: Für mich ist eher die Frage was überhaupt ein Karrieresprung sein soll. Bereits der Begriff der "Karriere" ist für mich nicht ganz nachvollziehbar. Karriere wird oft mit Parametern wie Erfolg, Reichtum und Bekanntheit bemessen. Bestimmte Werte wie Ehrlichkeit, Rücksichtnahme und Verantwortungsbewusstsein, oder ob die Person überhaupt mit sich und seiner Musik zufrieden ist, spielen dabei keine Rolle. Ich finde das sehr oberflächlich, denn es wird immer nur ein minimaler Ausschnitt eines so vielfältigen Lebens dabei betrachtet und nach diesem beurteilt. Jeder wird seinen eigenen Weg gehen und der Wert dieses Weges ist mit keinem der äußerlichen Parametern messbar. Man kann jeden Lebensweg Karriere nennen, oder eben nicht so nennen. Von daher gibt es keinen solchen Tipp von mir.

3sat: Jazz wurde lange Zeit von Männern dominiert. Welchen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach die Frau im Jazz heutzutage und kann man sich als Jazzmusikerin erfolgreich behaupten?

Schnabel: Frauen stellen immer noch zahlentechnisch eine klare Minderheit im Jazz dar, daran ändert sich nur sehr langsam etwas. Wenn man sich den Jazz heute aber einmal genauer anschaut, kann man dennoch instrumentale Jazzmusikerinnen oder Komponistinnen entdecken, die durch eine besonders eigene und interessante Stilistik auffallen. Z.B. Maria Schneider, Carla Bley, Ikue Mori, Linda Oh, Silvie Courvoisier etc. um nur ein paar internationale Größen zu nennen. Die Frage ob Frauen auch Jazz spielen können oder ob man sie stilistisch oder gar qualitativ von Männern unterscheiden kann ist daher eigentlich mehr als absurd, wird aber eigenartige Weise immer noch gestellt. In Zeitungsrezensionen von meinen Konzerten stehen Sätze wie: "sie bläst ihr Saxophon wie ein Mann" oder "sie wagt sich mit Bebop an Männermaterial". Wie man an diesen Beispiel erkennt, ist es also für viele Menschen immer noch recht ungewohnt, eine Frau als Jazzinstrumentalistin. Und was man nicht kennt, das kann verwundern, oder wird von vielen eben oft erst einmal skeptisch bis misstrauisch betrachtet. Das merkt man schon. Auch eindeutige oder unterschwellig sexistische Verhaltensweisen habe ich leider schon oft genug miterlebt, was aber nicht nur im Jazz, sondern generell in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft leider immer noch ein Problem ist. Dennoch betrifft das zum Glück ja nicht alle. Umgekehrt habe ich auch schon sehr häufig gerade von Männern Unterstützung erhalten. Vor allem meine Lehrer haben mich immer sehr tatkräftig gefördert, aber auch viele Mitmusiker und Freunde. Jeder Mensch ist eben individuell und man kann da sicher nicht alle über einen Kamm scheren. Dank eben solch toller Menschen ist es sicher auch nicht mehr unmöglich in der Jazzwelt als Frau zu bestehen, auch wenn man sich manchmal noch seltsamen Kommentaren oder Situationen aussetzen muss, die einem Mann wohl so nie passieren würden.

3sat: Inwieweit sind Sie ein Vorbild?

Schnabel: Das kann ich doch nicht beurteilen!

3sat: Was sind Ihre weiteren Ziele?

Schnabel: Als nächstes steht eine neue CD an, daran habe ich bereits begonnen zu schreiben. Außerdem sind Touren im Januar und Mai nächsten Jahres bereits in Planung, sowie weitere Konzerte (die man meiner Homepage entnehmen kann). Das sind jetzt erst mal die nächsten Ziele, dann mal weiter schauen.

Das Interview führte Mathieu Ochs

Erstausstahlung
© ZDF_Thomas_FrischhutDer Preis der Anna-Lena Schnabel
Samstag, 21. Oktober 2017,22.05 Uhr
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