Im Zuge der Energiewende stellt sich die Frage, inwieweit die Leitungsnetze ausgebaut werden müssen. © ap
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Im Zuge der Energiewende stellt sich die Frage, inwieweit die Leitungsnetze ausgebaut werden müssen.
Gelingt die Energiewende?
Experte plädiert für intelligenten Wettbewerb
Die Energiewende nimmt weltweit Fahrt auf, ist aber kein Selbstläufer. Schon gar nicht in Deutschland. Das Wirtschaftsmagazin makro sprach mit Prof. Wolfgang Irrek über die Knackpunkte.
Die Erzeugung sauberen Stroms wird immer günstiger. Das ist erfreulich. Andererseits verkompliziert es die Stabilität der Stromversorgung, wenn mal mehr, mal weniger Wind- und Sonnenenergie in die Netze drängt. "Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, muss die Stromversorgung trotzdem funktionieren", sagt der Energieexperte Prof. Wolfgang Irrek. Er plädiert für verlässliche politische Rahmenbedingungen, so dass die Marktakteure die "technisch und wirtschaftlich sinnvollsten Lösungen entwickeln können".

makro: Weltweit sind die Preise für Strom aus Wind- und Solarkraftwerken stark gefallen. Das liegt nicht nur an Billigfertigung in China. Welche Rolle spielt die Einführung von Wettbewerbselementen wie Ausschreibungen?

Wolfgang Irrek: Die Ausschreibungen der letzten drei Jahre haben dazu geführt, dass die Förderhöhen stetig gesunken sind. Beispielsweise sanken die durchschnittlichen Zuschlagswerte für Solarstrom-Freiflächenanlagen von 9,17 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) im April 2015 auf 4,33 ct/kWh im Februar 2018. Von daher könnte hier ein Anreiz zur Kostensenkung gewirkt haben.

Auf der anderen Seite werden Anzahl und Höhe der Gebote auch von der Intensität des Wettbewerbs, den zur Verfügung stehenden Flächen und den Ausschreibungsbedingungen beeinflusst. Ein weiterer Einflussfaktor sind die Strompreiserwartungen, da sich der Ertrag der Anlagen aus dem Stromverkauf und der Förderhöhe zusammensetzt. Die Erwartung steigender Strompreise bei der Direktvermarktung führt daher ebenfalls zu niedrigeren Geboten bei den Ausschreibungen.


makro: Es gibt Prognosen, denen zufolge es in Europa bereits 2030 günstiger sein werde, neue Solar- oder Windparks zu errichten als bestehende Kohlekraftwerke weiterzubetreiben. Was machen wir dann mit den Kohlemeilern? Gibt es für deren Betrieb Subventionen?

Wolfgang Irrek: Nach einer im März veröffentlichten Studie des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme werden Solar- und Windparks im Land im Jahr 2035 Strom für 2,88-3,57 ct/kWh erzeugen können. Die Kosten allein für Brennstoff und CO2-Zertifikate eines modernen Steinkohlekraftwerks summieren sich heute bereits auf mehr als 3 ct/kWh und könnten in Zukunft steigen. Diese Marktentwicklung ist absehbar. Unternehmen wie die STEAG GmbH reagieren bereits mit Kohlekraftwerksstilllegungen.

Eine vernünftige Klimaschutzpolitik mit beispielsweise einer CO2-Abgabe, die die bisherigen komplexen Förder-, Umlage- und Begünstigungsregelungen weitgehend ersetzt, kann hier zusätzliche Impulse setzen. Eine staatliche Subventionierung für nicht mehr marktfähige Anlagen braucht es nicht. Notwendig ist allerdings eine Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für Anlagen, die die Versorgung sichern, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Auch braucht es kostengünstige technische Alternativen zur derzeit von den fossilen Großkraftwerken übernommenen Bereitstellung der sogenannten Momentanreserve, die als sofort zur Verfügung stehender Energiespeicher in der rotierenden Masse des Turbosatzes der Kraftwerke die Stabilität des Netzbetriebes aufrechterhält.

Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme berechnet regelmäßig die "All-inclusive"-Kosten zur Stromerzeugung. Waren fossile Kraftwerke bei diesen <b>"Stromgestehungskosten" 2013</b> noch klar im Vorteil ... © Fraunhofer ISE Das Fraunhofer ISE berechnet regelmäßig die "All-inclusive"-Kosten zur Stromerzeugung. Waren fossile Kraftwerke bei diesen "Stromgestehungskosten" 2013 noch klar im Vorteil ...
... sieht es <b>2018</b> ganz anders aus. Wind und Photovoltaik machen heute das Rennen. Dieser Trend wird sich bis 2035 noch verstärken, wie die Experten in ihrer aktuellen Studie (s. Infokasten rechts) darlegen. © Fraunhofer ISE ... sieht es 2018 ganz anders aus. Wind und Photovoltaik machen heute das Rennen. Dieser Trend wird sich bis 2035 noch verstärken, wie die Experten darlegen (s. Studie rechts) .

makro: Stichwort Versorgungssicherheit: Es gibt immer mehr Projekte, in denen Erneuerbare mit Batteriespeichern kombiniert werden. Ist dies die Lösung?

Wolfgang Irrek: Nur etwa 0,3% der installierten Leistung von Windkraftanlagen an Land steht auch gesichert zur Verfügung. Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, muss aber die Stromversorgung trotzdem funktionieren. Batteriespeicher können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Die geringe Energiedichte und die Ressourcenproblematik führen jedoch dazu, dass auch weitere Flexibilitätsoptionen benötigt werden. Dazu gehören beispielsweise auch Maßnahmen zum Energiesparen, die die benötigte Last senken, sowie automatisiert realisierbare Lastverschiebungen auf der Energienachfrageseite. Auch sind Batteriespeicher erst dann in größerem Maße wirtschaftlich, wenn die Speicherpreise weiter sinken.

makro: In Zukunft, heißt es, entstehe die Wertschöpfung weniger in der Erzeugung von Strom, als vielmehr in seiner zuverlässigen Bereitstellung beim Endkunden. Was ist damit gemeint?

Wolfgang Irrek: Eine zusätzliche Kilowattstunde Strom aus einer bestehenden Solar- oder Windkraftanlage kostet nichts. Dies führt generell zu sinkenden Erlösen im Stromgroßhandel. Standardisierte, digitalisierte Marktprozesse und eine große Konkurrenz lassen zudem die Margen im Energievertrieb an die Endkunden sinken.

Auch interessiert die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht, wie Energie erzeugt wird, sondern nur, dass sie zuverlässig immer zur Verfügung steht, wenn sie benötigt wird und dass sie sich nicht selbst darum kümmern müssen, die kostengünstigste und möglichst umweltfreundliche technische Lösung zu identifizieren, zu installieren und zu betreiben. Hier müssen Geschäftsmodelle ansetzen.

Die <b>Investitionen in saubere Energie</b> sind heute höher als bei jeder anderen Energieform. Zwar stagniert der Dollar-Betrag seit etlichen Jahren, doch aufgrund der niedrigeren Kosten gibt es mehr Gutes fürs gleiche Geld. Die Investitionen in saubere Energie sind heute höher als bei jeder anderen Energieform. Zwar stagniert der Dollar-Betrag seit etlichen Jahren, doch aufgrund der niedrigeren Kosten gibt es mehr Gutes fürs gleiche Geld.
Der <b>Anteil grünen Stroms</b> könnte bis 2040 auf fast 40% am Energiemix steigen - zulasten fossiler Brennstoffe. Doch Vorsicht: Da der Strombedarf insgesamt zunimmt, sinkt der Kohlestrom absolut nur um 4%. Der Anteil grünen Stroms könnte bis 2040 auf fast 40% am Energiemix steigen - zulasten fossiler Brennstoffe. Doch Vorsicht: Da der Strombedarf insgesamt zunimmt, sinkt der Kohlestrom absolut nur um 4%.
Die Verstromung von <b>Kohle</b> und <b>Gas</b> könnte ihren <b>Maximum</b> bereits 2026 erreichen. Elektrizität aus Wind und Sonne steigt rasant und deckt den Anstieg des globalen Strombedarfs fast komplett ab. Die Verstromung von Kohle und Gas könnte ihren Maximum bereits 2026 erreichen. Elektrizität aus Wind und Sonne steigt rasant und deckt den Anstieg des globalen Strombedarfs fast komplett ab.

makro: Bisher setzen Energiewirtschaft und Politik auf zentrale, grundlastfähige Kraftwerke. Die Zukunft ist jedoch dezentral und variabel. Wie kann die Innovation entstehen, die es für den Umstieg braucht? Wie müsste die Politik Rahmenbedingungen verändern?

Wolfgang Irrek: Die politischen Rahmenbedingungen müssen langfristig verlässlich und technologieoffen gestaltet werden, so dass die Marktakteure damit planen und selbst die technisch und wirtschaftlich sinnvollsten Lösungen entwickeln können.

Drei Punkte sind dabei wesentlich: Die hohe Komplexität des heutigen Förder-, Umlagen- und Begünstigungssystems muss deutlich reduziert werden. Flexibilitätsoptionen zur Bereitstellung von Last bzw. Energie, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, müssen sich lohnen. Die Energiewendepolitik muss alle Sektoren auf der Energiebereitstellungs- und der Energienachfrageseite im Blick haben und sich nicht nur auf den Strommarkt fokussieren.

Das Interview führte Carsten Meyer.

Sendedaten
makro
Energiewende am Scheideweg
Freitag, 18. Mai 2018, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Energiewende-Sendung
© colourbox.deEnergiewende am Scheideweg
Weltweit nimmt die Energiewende Fahrt auf. In Deutschland hingegen hängt sie fest: Der selbsterklärte Vorreiter hat längst seine Klimaziele kassiert. Dabei wäre die Zukunft zum Greifen nah.
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Info
Nationale Ausschreibungen und Ergebnisse
Auch Deutschland hat 2017 mit dem Ausschreibungsverfahren begonnen. Es kommt zum Beispiel bei Photovoltaik-Anlagen ab einer Größe von 0,75 Megawatt zur Anwendung. Für Wind (Onshore und Offshore) gibt es entsprechende Regelungen. Das Bundeswirtschaftsministerium fasst die bisherigen Ergebnisse auf einer eigens eingerichteten Seite zusammen.
Studie
Stromgestehungskosten erneuerbare Energien
Die Studie des Fraunhofer ISE liefert einen aktuellen Kostenvergleich für die Umwandlung unterschiedlicher Energieformen in elektrischen Strom sowie eine Prognose für die weitere Kostenentwicklung bis zum Jahr 2035. Die Wissenschaftler analysieren sowohl die Stromgestehungskosten für erneuerbare als auch konventionelle Energietechnologien.
Archiv
Globale Energiewende
Eine viel beachtete Studie zur Entwicklung der weltweiten Stromerzeugung kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Sonne sticht, Kohle wird begraben - und alles geht viel schneller als gedacht. Leider nicht schnell genug.
(makro, 22.06.2017)
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Wirtschaftswachstum versus Klima
Die Fixierung auf permanentes Wachstum sei schuld, dass wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern. Das sagen die Vertreter der "Postwachstumsökonomie". Und sie suchen nach Alternativen.
(makro, 17.11.2017)
Schwerpunkt
Umwelt - Nachhaltigkeit - Greentech