Auch wenn das Bild einen anderen Eindruck erweckt: In Berlin gibt es die wenigsten Autos pro Einwohner. © dpa
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Auch wenn das Bild einen anderen Eindruck erweckt: In Berlin gibt es die wenigsten Autos pro Einwohner.
Intelligente Mobilität
"Der autofreien Stadt gehört die Zukunft"
Die Dieselaffäre stellt grundsätzliche Fragen an die Zukunft des Autos. Im Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt fordert der Verkehrsforscher Konrad Götz, Verkehrsmittel intelligent miteinander zu verknüpfen.
Die Dieselaffäre, merkt Mobilitätsforscher Konrad Götz an, habe auch ihr Gutes, da sie endlich wieder das Thema Umwelt und Verkehr auf die Tagesordnung bringe. In den 1990er Jahren sei man mit dem Drei-Liter-Auto schon einmal weiter gewesen als heute. Von einer City-Maut wie in London hält Götz wenig, von Leifahrrädern hingegen viel.

makro: Der Verkehr hat seit 1990 seine Emissionen nicht reduziert. Legt die Dieselaffäre endlich einen blinden Fleck in der Klimapolitik offen?

Konrad Götz: Ja, die Dieselaffäre hat insofern ihr Gutes, als endlich wieder das Thema Umwelt und Verkehr auf der Tagesordnung steht. In den letzten Jahren hat die Diskussion um das autonome Fahren viel Raum eingenommen, die Umweltfrage wurde dadurch vernachlässigt. Und in der Tat hat der Verkehrsbereich keinen Beitrag zur CO2-Reduktion und zum Klimaschutz geleistet.

Zusätzlich wird durch das Stuttgarter Gerichtsurteil zum Thema Fahrverbot endlich klar, dass die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner Vorrang hat. Und die Softwaremanipulationen der Autohersteller haben deutlich gemacht, dass der Verbrennungsmotor so langsam am Ende ist oder aber, dass der Shareholder-Value Vorrang hat vor der Investitionen in umweltfreundliche Technik.

makro: Geht es um alternative Verkehrskonzepte, fällt sofort das Stichwort E-Auto. Macht das E-Auto unsere Städte sauberer?

Götz: Beim Fahren verursacht das Elektroauto tatsächlich kaum Emissionen. Und es ist leise. Das ist schon mal ein Fortschritt. Allerdings müssen die Elektroautos mit regenerativem Strom geladen werden. Denn sie sind immer nur so umweltfreundlich, wie die Kraftwerke, die den Strom produzieren. Ein weiteres Problem ist die Herstellung, denn die Akkus der Elektroautos sind auf Stoffe angewiesen, die unter problematischen Bedingungen gewonnen werden. Deshalb müssen - so schnell es geht - Recyclingmöglichkeiten für gebrauchte Akkus aufgebaut werden.

Aber es muss auch klar sein: Es geht nicht nur um saubere Städte, sondern auch um den Ausstieg aus dem Öl. Denn wegen des Öls sind wir abhängig von schlimmen Diktaturen, gegenüber denen wir uns still verhalten.

makro: Wer in London mit dem Auto in die City will, muss eine Maut zahlen. Ist die autofreie Stadt ein gutes Vorbild für eine moderne Stadtgestaltung?

Götz: Der autofreien Stadt gehört die Zukunft. Aber London ist ganz und gar nicht autofrei. Die in London eingeführte City-Maut führt zu einer leichten Reduktion des Autoverkehrs und einer geringen Umweltentlastung. Zudem führen solche Gebühren regelmäßig dazu, dass die Wohlhabenden es sich leisten können, die Maut zu zahlen. Was ebenfalls gegen eine Maut spricht, ist, dass mit den Mauteinnahmen Verkehrsmaßnahmen finanziert werden. Man ist dann als Stadt auf die Mauteinnahmen und damit auf die Autos in der City angewiesen.

An London ist nicht die City-Maut das Beste, sondern die Leihfahrräder. Die machen Spaß und werden so häufig genutzt, dass Sie heute an den attraktiven Fahrradstrecken kein Rad mehr bekommen, weil sie alle ausgebucht sind. Und die Tube, also die U-Bahn, ist das, was in London wirklich alle benutzen.

makro: Die Grünen forderten 5 Mark pro Liter Benzin, als es noch die D-Mark gab, und kassierten damals einen bundesweiten Aufschrei. Aber wäre es heute nicht tatsächlich an der Zeit, über eine höhere Treibstoffsteuer nachzudenken?

Götz: Ich bin kein Freund von ökonomischen Daumenschrauben, aber vielleicht hätte es den guten Effekt, dass endlich wieder sparsamere Fahrzeuge gebaut würden. Wir waren in den 1990er-Jahren mit verschiedenen 3-Liter-Autos schon weiter als heute. Es geht aber nicht darum, den Bürgerinnen und Bürgern möglichst viel weh zu tun. Es geht um eine umweltfreundliche und bequeme Mobilität, die alle Verkehrsmittel miteinander verknüpft.

Wir können in den Städten heute schon ausgezeichnet ohne Auto leben. In den seltenen Fällen, in denen wir wirklich eines brauchen, können wir es uns auf Zeit ausleihen. Das geht ganz einfach mit einer App auf dem Smartphone. Und das macht auch noch Spaß.

makro: Welche Städte haben denn Ihrer Meinung ein zukunftsfähiges Verkehrskonzept?

Götz: Wenn wir über Großstädte sprechen, dann ist Kopenhagen vorbildlich. Hier finden Sie sogar Fahrradautobahnen, die ihnen mit LEDs eine grüne Welle signalisieren. In Deutschland ist Berlin auch nicht schlecht - hier gibt es die wenigsten Autos pro Einwohner. Der öffentliche Verkehr fährt durch die ganze Nacht und sie können sogar elektrische Car-Sharing-Fahrzeuge nutzen.

Wenn wir über kleinere Großstädte sprechen, dann ist Freiburg das Vorbild. Der Anteil des Autos an den zurückgelegten Wegen ist hier von allen deutschen Großstädten am niedrigsten und der Fahrradanteil am höchsten.

Das Interview führte Eva Schmidt.

Alles zur Mobilitäts-Sendung
© BMWMobilität von morgen
Das Auto steht am Pranger, Städte ersticken am Verkehr. Der Dieselskandal versinnbildlicht die Sackgasse. Jetzt sind neue Ideen gefragt. makro wirft einen Blick auf die Verkehrskonzepte von morgen.
Auto & Mobilität: Reden Sie mit!
Der Mobilitätsforscher Konrad Götz sagt, die Dieselaffäre habe auch ihr Gutes, da sie das Thema Umwelt und Verkehr wieder auf die Tagesordnung bringe. Diskutieren Sie mit ihm direkt nach der Sendung hier in unserem Blog!
Zur Person
Dr. Konrad Götz
Konrad Götz ist Mobilitäts- und Lebensstilforscher am ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main. Götz ist empirischer Sozialwissenschaftler, er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit zukunftsfähigen Mobilitätsstilen und Mobilitätskulturen.
Archiv
Die Stau-Republik
Der Verkehr auf deutschen Straßen nimmt zu, während die Infrastruktur veraltet. Folge: Streckenüberlastungen, Baustellen, Stillstand. Jeden Tag gebe es im Schnitt 1900 Staus, meldet der ADAC.
(makro, 31.03.2017)
Schwerpunkt
Auto
Mobilitätskonzepte