Täglicher Berufsverkehr: der helle Wahnsinn. © dpa
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Täglicher Berufsverkehr: der helle Wahnsinn.
"Systematisch kaputt gespart"
Verkehrspolitik auf dem Holzweg
Pendler im Dauerstau. Dagegen fordert der Verkehrsexperte Prof. Heiner Monheim im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin makro intelligente Verkehrskonzepte. Sonst werde Deutschland weiter Autoland und Stauland bleiben.
Heiner Monheim hat mit seiner Meinung noch nie hinter dem Berg gehalten. Auch im Interview mit makro kritisiert er die Verkehrspolitik der Bundesregierung scharf. Sie fördere weiterhin die Autonutzung, während der ÖPNV systematisch kaputt gespart werde.

makro: Sind Berufspendler in Deutschland Opfer einer falschen Politik? Oder sind die selbst schuld an Dauerstress und Dauerstau?

Prof. Heiner Monheim: Beides ist richtig. Gäbe es in deutschen Großstädten mehr und bessere S-Bahn- und Straßenbahnsysteme, dann könnten sehr viel mehr Pendler den ÖPNV benutzen, statt im Stau zu stehen. Andererseits benutzten längst nicht alle Autopendler, die eine Alternative im ÖPNV hätten, Busse und Bahnen. Und Arbeitgeber und Staat verführen die Autopendler auch weiter zur Autonutzung - mit dem Dienstwagenprivileg, der Kilometerpauschale, dem freien Parkplatz am Betrieb und dem immer weiteren Straßenbau.

Verkehrswende kann nur klappen, wenn sich die Prioritäten der Verkehrspolitik entscheidend ändern. Durch attraktive ÖPNV-Tarife (Bürgerticket, Job-Ticket), Netzausbau, Taktverdichtung und Abkehr von der Autoförderung durch milliardenschweren Straßennetzausbau. Und auch beim Radverkehr kann man mehr tun, z.B. Radschnellwege ausbauen, Bike und Ride fördern, Radstationen an Bahnhöfen schaffen. Noch ist deutsche Verkehrspolitik aber leider Stückwerk ohne klare Linie.

makro: Das politische Ziel, mehr Verkehr auf die Schiene zu verlagern, ist nicht neu. Es scheint aber längst nicht mehr im Fokus zu stehen. Woran liegt das?

Heiner Monheim: Die Schiene hat in Deutschland keine starke Lobby. Da ist die Autolobby viel stärker. Und das Geld für Autoförderung sitzt bei den Finanz- und Verkehrsministern weiter sehr locker. Dagegen wird der ÖPNV systematisch kaputt gespart, vor allem außerhalb der Metropolen. Es gibt riesige Kapazitätsdefizite und Modernisierungsrückstände bei der Bahn, die nicht energisch angegangen werden.

makro: Was müsste geschehen, um die Verkehrswende voranzutreiben?

Heiner Monheim: Man braucht einen Mix aus Ordnungspolitik und Infrastrukturpolitik und Tarifpolitik und Marketing. Und man darf sich nicht nur auf die Metropolen konzentrieren, Verkehrswende muss auch im ländlichen Raum und in Klein- und Mittelstädten greifen. Aber noch scheut die Politik vor einer Verkehrswende zurück, weil Deutschland weiter Autoland und Stauland sein will, statt energisch gegenzusteuern. Klimapolitik geht anders, braucht klare Prioritäten.

makro: Sie sagen, der Schienenverkehr werde im Autoland Deutschland im Wettbewerb der Verkehrsangebote benachteiligt. Inwiefern gilt dies für den ÖPNV?

Heiner Monheim: Der ÖPNV wird ordnungspolitisch und infrastrukturpolitisch benachteiligt. Man schaue nur in den Bundesverkehrswegeplan. Und in viele kommunale und regionale Verkehrsentwicklungspläne. Auch Fuß- und Radverkehr bekommen außer warmen Worten wenig Substanzielles für ihre Förderung.

makro: Sind nicht auch Fahrverbote für Diesel und City-Maut-Konzepte sinnvoll?

Heiner Monheim: Na ja, das mit dem Diesel ist schon kurios. Erst haben Bund und Länder viele Jahre den Diesel massiv gefördert, schließlich ist Dieselkraftstoff subventioniert und dem Fiskus entgehen so Milliarden. Und jetzt, nach Dieselgate, steht Diesel plötzlich am Pranger und soll ausgesperrt werden. Mit einer Plakettenlösung, die selbst die Euro 5 Fahrzeuge, die erst vor kurzer Zeit gekauft wurden, aus den neu zu definierenden Sperrgebieten aussperrt. Da fühlen sich natürlich viele Dieselfahrer "verarscht".

Auf der anderen Seite kann man aber die dieselbedingte Vergiftung der Menschen in verkehrsreichen Gebieten nicht weiter tatenlos tolerieren. Aber daraus muss folgen, dass wir generell eine Autoverkehrsverminderungsstrategie fahren - egal, mit welchem Motor und Kraftstoff die Autos fahren.

Und eigentlich brauchen wir auch eine intelligente Maut. Aber weder die Plakettenlösung des Verkehrsministers noch eine City-Maut sind intelligent. Die City Maut führt zur Verlagerung in die nächste Nachbarstadt ohne Maut. Und die Dobrindt-Maut ist Steinzeit, weil sie weder fahrleistungsabhängig noch räumlich und zeitlich differenzierbar ist. Was wir brauchen, ist eine intelligente Maut auf allen Straßen und die Mauteinnahmen müssen vor allem an die Kommunen gehen, damit die Verkehrswende finanziert werden kann.

makro: Welche Konzepte favorisieren Sie außerdem, um dem Verkehrsinfarkt in Ballungsräumen zu entgehen?

Heiner Monheim: Natürlich kann man mit Car-Sharing, Rider-Sharing und autonomem Fahren die Effizienz im Autoverkehr steigern. Und im ÖPNV hilft autonomes Fahren auch, weil dann in den Quartieren Quartiersbusse und auf den Dörfern Dorfbussysteme fahren. Und das Bahnnetz muss endlich komplett elektrifiziert werden. Die Dieselbahn hat ausgedient.

Sendedaten
makro
Die Stau-Republik
Freitag, 31. März 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Verkehrs-Sendung
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Der Verkehr auf deutschen Straßen nimmt zu, während die Infrastruktur veraltet. Folge: Streckenüberlastungen, Baustellen, Stillstand. Jeden Tag gebe es im Schnitt 1900 Staus, meldet der ADAC.
Zur Person
Prof. Dr. Heiner Monheim
Heiner Monheim ist Professor für Angewandte Geographie, Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier. Seit 2011 ist er emeritiert. Seine thematischen Schwerpunkte sind Mobilität allgemein und speziell Fuß- und Radverkehr, öffentlicher Verkehr, Städtebau und Verkehr. Monheim ist Mitbegründer des Verkehrsclubs Deutschland (VCD).
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Absolute Spitzenreiter beim Im-Stau-Stehen sind die Stadtstaaten Berlin und Hamburg. In Ballungsräumen sind die Autobahnen naturgemäß besonders verstopft. Unter den Flächenstaaten stechen Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg hervor. Auf dem platten Land ist die Situation eher entspannt.
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Die Schiersteiner Brücke, die Rheinbrücke zwischen Mainz und Wiesbaden, sackt ab. Die Sperrung beschert einer ganzen Region den Verkehrsinfarkt. Das Schlimme ist: Schierstein ist überall, denn Deutschland ist übersäht mit maroden Brücken.
(makro, 20.03.2015)
Schwerpunkt
Infrastruktur & Bau