© dpa
Beitrag (2017)Beitrag (2017) Interview Thomas WohlfahrthInterview Thomas Wohlfahrth
Eugen Gomringer veröffentlichte das Gedicht "avenidas" 1953 in der Schweizer Zeitschrift "Spirale". Jetzt schmückt es eine Wand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf.
Das Wandgedicht kommt weg
Eugen Gomringers "avenidas" an Berliner Hochschule wird übermalt
"avenidas", das Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer, ist 60 Jahre alt. Seit 2011 ziert es eine Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf. Doch am 23. Januar 2018 hat der Akademische Senat der Hochschule mehrheitlich beschlossen: Das angeblich sexistische Wandgedicht muss weg - und die Entscheidung sorgt für massive Reaktionen.
Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) bezeichnete die geplante Übermalung am 25. Januar als überzogen. "Ich halte den Vorwurf des Sexismus gegen den Dichter Eugen Gomringer für absurd", sagte Lederer. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte die Entscheidung schon am 24. Januar als "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei" kritisiert. Kunst und Kultur bräuchten Freiheit, betonte Grütters. Zudem bräuchten Kunst und Kultur den Diskurs. Das sei eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte. "Wer dieses Grundrecht durch vermeintliche 'political correctness' unterhöhlt, betreibt ein gefährliches Spiel."

Haus der Poesie stellt Kooperation ein
Am 24. Januar hatte zudem das Haus der Poesie, das in der Jury für die Vergabe des Alice-Salomon-Poetik-Preises sitzt, verkündet, dass es "mit sofortiger Wirkung als Kooperationspartner des Alice-Salomon-Poetik-Preises zurücktritt". Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses, erklärte sich in einer Pressemitteilung "entsetzt darüber, dass die Alice Salomon Hochschule diesen Beschluss umsetzt, ohne sich bei Eugen Gomringer zu entschuldigen und die aus der Luft gegriffenen Vorwürfe des Sexismus zu revidieren". Eugen Gomringers Ruf bleibe beschädigt und der Preis sei "diskreditiert". "Das Haus für Poesie wird nicht dazu beitragen, Künstlerinnen und Künstlern diesem misslichen Kapitel, für das die Hochschulleitung der ASH verantwortlich ist, auszusetzen." Bereits am 13. September 2017 hatte das Haus in einer Pressemitteilung genau diese Entscheidung angekündigt.



Was war passiert? Angehörige der Hochschule hatten moniert, Gomringers auf Spanisch verfasstes Gedicht könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden. "Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren", hatte der AStA in einem offenen Brief geschrieben. Es erinnere auch unangenehm an sexuelle Belästigung, "der Frauen alltäglich ausgesetzt sind".

Gomringer: "Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie"
"Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie", erklärte der 93-Jährige nach der Entscheidung am 23. Januar der Deutschen Presse-Agentur. Er behalte sich rechtliche Schritte vor. Es gehe den Verantwortlichen letztlich um die Entfernung eines "nicht weichgespülten Gedichts" im Sinne einer falsch verstandenen political correctness. Sollte sich der Schritt nicht vermeiden lassen, habe er die Hochschulleitung aufgefordert, mit drei Plakaten an sein Gedicht und die Debatte darum zu erinnern.

Schon direkt nach dem offenen Brief 2017 hatte Eugen Gomringer im Gespräch mit "Vice" reagiert: "Reiner Blödsinn!" Es sei nie darum gegangen, "jemanden zu diskreditieren." Das Werk des in Bolivien geborenen 93-Jährigen handelt von einem "Bewunderer", der sich Alleen, Blumen und Frauen anschaut. "Es geht mir um verbindende Element, um das 'und' oder im Spanischen 'y' und die dadurch entstehende bildliche Konstellation", so Gomringer. "Das Gedicht erzeugt eine schöne, positive Stimmung." 2011 war das Werk mit dem Poetik-Preis der Hochschule ausgezeichnet und anschließend an die Fassade der Hochschule gemalt worden.

Das Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer
"avenidas / avenidas y flores / flores / flores y mujeres / avenidas / avenidas y mujeres / avenidas y flores y mujeres y / un admirador"

"alleen / alleen und blumen / blumen / blumen und frauen / alleen / alleen und Frauen / alleen und blumen und frauen und / ein bewunderer"

 

<b>INTERVIEW</b> mit Thomas Wohlfahrth, Leiter des Hauses der Poesie (14.09.2017) © ZDF
INTERVIEW mit Thomas Wohlfahrth, Leiter des Hauses der Poesie (14.09.2017)
<b>GESPRÄCH</b> mit  Nora Gomringer, Lyrikerin und Tochter Eugen Gomringers (06.09.2017) © dpa
GESPRÄCH mit Nora Gomringer, Lyrikerin und Tochter Eugen Gomringers (06.09.2017)

 

Ende Juli 2017 hatte die Hochschule als Reaktion auf die Diskussion um das Gedicht einen Aufruf zur Neugestaltung der Fassade gestartet. "Wir nehmen die kritischen Stimmen der Studierenden ernst und möchten diesen Rechnung tragen", hatte Rektor Uwe Bettig am 30. August 2017 mitgeteilt. Er persönlich empfinde das Gedicht und die Anbringung auf der Fassade als gelungenes Kunstwerk.

Die Präsidentin des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Regula Venske, hatte damals die Leitung der Hochschule sowie die Studierenden Anfang September 2017 dazu aufgefordert, sich mit allem Nachdruck für den Erhalt und damit für die Freiheit des dichterischen Wortes einzusetzen. Eine Hochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung könne nicht mit Zensur dem gesellschaftlichen Auftrag für Erziehung und Bildung nachkommen, so die Präsidentin. Das Handeln des AStA verurteilte Venske als "barbarischen Schwachsinn". Sie appellierte an die Studenten, sich für "Vernunft und Verstand und die Wertschätzung von Freiheit und Schönheit" einzusetzen. Bis zum 15. Oktober 2017 konnten Studenten und Mitarbeiter Vorschläge einreichen. Danach folgte eine Online-Abstimmung.

Die aktuelle Poetik-Preisträgerin der Hochschule, Barbara Köhler, die ab Herbst 2018 mit Verszeilen zu Wort kommen wird, verteidigte derweil die Entscheidung des Akademischen Senats. Wenn die Studierenden "patriarchale Denkmuster" in dem Gedicht entdeckten und sie sich deshalb in ihrem schulischen Umfeld nicht wohl fühlten, sei dies zu akzeptieren. Die Lesart der Studierenden sei eine von vielen, aber dennoch legitim, so die Lyrikerin dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Ich finde es abenteuerlich, die Entscheidung als Zensur zu bezeichnen. Niemand will den Text verbieten und niemand will ein Buch einstampfen."

Akademie der Künste will Gedicht an Fassade präsentieren
Am 1. Februar hieß es aus Eugen Gomringers nordbayerischem Wohnort Rehau, dass an der Außenwand des städtischen Museums am Marktplatz künftig großflächig das Gedicht "avenidas" zu sehen sein soll, wie Bürgermeister Michael Abraham (CSU) mitteilte. Am 6. Februar hieß es in einer Pressemitteilung der Akademie der Künste in Berlin, man sei "mehr als besorgt über den von kunstfernen Begriffen geprägten Diskurs, der um das Gedicht 'avenidas' ihres Mitglieds Eugen Gomringer entstanden" sei. Die Akademie der Künste werde daher "an exponiertem Ort, der Fassade ihres Gebäudes am Pariser Platz, Eugen Gomringers Arbeit ehren und sein Gedicht 'schweigen' in den öffentlichen Raum stellen. Die Kunstfreiheit muss über eine unsachliche Debatte jederzeit erhaben bleiben."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
Reaktion
Guerilla-Aktion von Nora Gomringer
Lyrikerin Nora Gomringer hat in der "Welt" eine Guerilla-Aktion verkündet: Sie wird das Gedicht "avenidas" als Aufkleber "überall hinkleben" und das Ganze unter dem Hashtag #avenidaswall auf Instagram dokumentieren.
Link
Facebook-Statement von Nora Gomringer (engl.)
(24.01.2018)
Link
Nora Gomringers Kommentar auf Facebook (31.08.2017)
Die schweizerisch-deutsche Lyrikerin und Bachmann-Preisträgerin ist Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg und Tochter von Eugen Gomringer.