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Tomi Ungerer hat mehr als 150 Bücher geschrieben und illustriert und etwa 40.000 Zeichnungen, mehr als 300 Plakate, Dutzende Ölbilder, Lithographien und Skulpturen geschaffen.
Tomi Ungerer hat mehr als 150 Bücher geschrieben und illustriert und etwa 40.000 Zeichnungen, mehr als 300 Plakate, Dutzende Ölbilder, Lithographien und Skulpturen geschaffen.
Zeichenlust
Zeichner, Karikaturist und Buchautor Tomi Ungerer ist tot
"Wenn ich zeichne, dann ist das ein echtes Bedürfnis", sagte er. "Wenn eine Idee Besitz von dir ergreift, dann fühlt sich das an wie ein Blitz, wie eine Vision." Der französische, aus dem Elsass stammende Tomi Ungerer war voller Ideen. Er starb mit 87 Jahren.
Ungerer war ein Kosmopolit mit Wurzeln im Elsass. Er wurde 1931 in Straßburg geboren, lebte in New York, auf Nova Scotia in Kanada und seit 1976 in Irland. Seine Heimatstadt besuchte er regelmäßig. "Ich habe meine Wurzeln im Elsass und mein Laub und meine Äste nehme ich mit", sagte er darüber. Wenn man Menschen befragte, die ihn kennengelernt hatten, dann sagten sie immer wieder: "Er ist unglaublich charmant." Die Galeristin Barbara Koppelstätter etwa hatte Ungerer in den 1990er Jahren das erste Mal getroffen. Sie sei aus dem Staunen kaum herausgekommen, erinnert sie sich, denn der Elsässer habe schon am Nachmittag Rotwein angeboten, geraucht und ihr seine riesige Bücher- und Kunstsammlung gezeigt. "Während wir ein Leben gelebt haben, hat er fünf gelebt", so Koppelstädter.

© dpa Spaß sei für ihn das Wichtigste, so Tomi Ungerer.
Spaß sei für ihn das Wichtigste, so Tomi Ungerer.
Tomi Ungerer zeichnete schon als Kind. Seine Bilder indes gefielen nicht allen, im Schulzeugnis des Bartholdi-Gymnasiums in Colmar etwa steht, dass Ungerer "pervers und subversiv" sei. Die Schule verließ er vorzeitig, Reisen führten den 19-Jährigen zunächst quer durch Europa, unter anderem auf ein isländisches Fischerboot, aber auch nach Algerien zur Fremdenlegion und 1956 nach New York, wo er mit nichts als 60 US-Dollar in der Tasche und einem abgebrochenen Zeichenstudium ankam. Dort reüssierte er als Werbezeichner und Autor, obwohl er den Vietnamkrieg und die Rassentrennung anprangerte. Seine Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft führte dazu, dass er einen Platz auf der Schwarzen Liste der US-Einwanderungsbehörde bekam.

Kinderbücher mit politischem Hintergrund
Sein erstes erfolgreiches, preisgekröntes Kinderbuch schrieb er in den USA: die Schweinchengeschichte "The Mellops Go Flying" ("Mr. Mellops baut ein Flugzeug"), es wurde 1957 ein Bestseller. Ungerers "Die drei Räuber" ist eines der berühmtesten Kinderbücher der Welt. Doch auch seine Kinderbücher hätten oft einen politischen Hintergrund, sagt er. Ein Beispiel sei "Flix". In der Geschichte geht es um ein Tier, das halb Hund, halb Katze ist - ein Skandal in Katzstadt. "Das war eigentlich eine Elsässer Geschichte", so Ungerer. "Die Deutschen sind die Hunde und die Franzosen sind die Katzen." Und die Elsässer, die in einer Grenzregion leben, die mal Deutschland, dann wieder Frankreich zugeschlagen wurde, seien eben beides.

Doch Tomi Ungerer ist nicht nur für seine Kinderbücher bekannt, Erwachsenen ist er auch wegen seiner frivol-erotischen Zeichnungen ein Begriff. Für die Recherchen zu seinem Buch "Schutzengel der Hölle" (1986) zog er wochenlang bei einer Hamburger Domina ein, der "Standard" nannte das Werk ein "sadomasochistisches Zeichen-Skizzenbuch". Aus dem Kamasutra machte er kurzerhand das "Kamasutra der Frösche" - sein wohl bekanntestes Buch für Erwachsene. Lange wurden seine Zeichnungen als zu provozierend empfunden, als pornografisch und sexistisch. 2001 erschien "Erotoscope", eine Rückschau auf Ungerers erotisches Werk aus 40 Jahren, das nicht nur positive Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern auch den Protest von Feministinnen.

Sein Humor war schwarz
Kinderbücher und Erotik - ein unauflöslicher Widerspruch? In einem Interview mit der "Zeit" äußerte Ungerer sich 2007 einmal dazu. Es sei ein "Teil seiner Befreiung" von einer streng protestantischen Erziehung, sagte er. Die Kinderbücher schreibe er "vor allem für das Kind" in sich und auch für Erwachsene. Wichtig sei für ihn immer gewesen, dass er Spaß habe. Tomi Ungerer überstand drei Herzinfarkte und eine Krebserkrankung. Mit seinen Späßen machte er auch vor dem Tod nicht halt. Bei seiner Beerdigung wolle er dabei sein, sagte er in einem Interview kurz vor seinem 85. Geburtstag. "Im Sarg!", rief er schließlich mit einem breiten Grinsen auf den Lippen, als sei damit nun alles klar. "Na, wenn man explodiert, dann hat man keinen Sarg." Sein Humor war eben schwarz.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
Info
Museum Tomi Ungerer, Straßburg
Straßburg hat seinem berühmten Sohn ein eigenes Museum gewidmet, 2007 wurde es eröffnet und zeigt auf 700 Quadratmetern rund 8000 Zeichnungen hunderte Plakate, Grafiken und Skulpturen.