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Deutschsprachige Medien verwenden den Begriff "Islamischer Staat" mal mit und mal ohne Anführungszeichen, mal mit "sogenannt", mal ohne.
Deutschsprachige Medien verwenden den Begriff "Islamischer Staat" mal mit und mal ohne Anführungszeichen, mal mit "sogenannt", mal ohne.
"Daesch" oder "IS"?
Die vielen Namen für "Islamischer Staat"
Im Juni 2014 rief Abu Bakr Al-Baghdadi das Kalifat aus und ist seitdem oberster Führer der Terrormiliz "Islamischer Staat", die mit Terroranschlägen derzeit die Welt erschüttert. Viele deutschsprachige Medien haben die Bezeichnung "Islamischer Staat" übernommen. Andere sprechen mittlerweile von "Daesch". Warum ist das so?
Der Bremer "Weser Kurier" hat angekündigt, in Zukunft die Bezeichnung "Islamischer Staat" in seiner Berichterstattung nicht mehr zu verwenden. Chefredakteur Moritz Döbler begründete diese Entscheidung am Wochenende in einem Kommentar mit der Überschrift "Ohne uns": "Der selbst ernannte Islamische Staat ist eine gotteslästerliche Mörderbande, die für Unterdrückung und Terror steht. An ihr ist nichts islamisch, und sie ist kein Staat. Und doch hat sich der Begriff Islamischer Staat in den deutschen Medien etabliert." Die Regionalzeitung will den "IS" in Zukunft nur noch "Daesch" nennen, eine Abkürzung von "al Daula al-Islamiyya fi l-‚ Iraq wa al-Sham", übersetzt: "Der Islamische Staat im Irak und in Sham" (das Gebiet des Sham umfasst die heutigen Länder Syrien, Libanon, Israel Palästina und Jordanien sowie Teile der Türkei). Doch was für einen Unterschied macht es "IS" oder "Daesch" zu verwenden?

"IS" verbietet den Begriff "Daesch"
Der "Islamische Staat" selbst lehnt den Begriff "Daesch" ab, da die Gruppe sich dadurch in ihrem Anspruch, ein weltweites Kalifat zu errichten, verunglimpft sieht. Zudem erinnert das Wort in seiner Lautmalerei an "Daes", was im Arabischen so viel heißt wie "zertreten". In den vom "IS" besetzten Gebieten herrscht ein Verbot für diese Abkürzung. Denjenigen, die sie dennoch verwenden, drohen drakonische Strafen. Aus diesem Grund hat sich "Daesh" - so die englische Schreibweise - im arabisch-sprachigen Raum, aber auch in den USA, Großbritannien und Frankreich als abwertender Begriff für den "IS" etabliert. Seit Herbst 2014 verwenden US-Präsident Barack Obama und sein Außenminister John Kerry den Begriff "Daesh". Zuvor hatten sie stets von "ISIL" gesprochen ("Islamischer Staat im Irak und in der Levante").


Auch der britische Premier David Cameron, der französische Präsident Francois Hollande sowie zahlreiche französisch- und englischsprachige Medien sind dieser Sprachregelung gefolgt. Die BBC verwehrt sich aus Gründen der journalistischen Neutralität, den Begriff "Daesh" zu verwenden. So forderten im Juni 2015 insgesamt 120 Mitglieder des britischen Parlaments die BBC in einem Brief auf, in der Berichterstattung über den "IS" das Wort "Daesh" zu verwenden. Premier Cameron verlieh dieser Forderung vor dem House of Commons Nachdruck. Doch der Chef des Senders, Tony Hall, lehnte das entschieden ab. Die Verwendung des "pejorativen" ("implizit abwertenden") Begriffs "Daesh" würde die Unparteilichkeit des Senders gefährden, da sie den Eindruck erwecken könnte, sich mit den Gegnern der Gruppe gemein zu machen. So hätten Unterstützer des syrischen Präsidenten Baschar Hafiz al-Assad und andere Gruppen den Namen "Daesh" geprägt. Die BBC lehnt auch das "sogenannt" vor der Bezeichnung "Islamischer Staat" ab. Tony Hall hält es für ausreichend, von der "Islamic State group" zu sprechen, wie er in einem Antwortschreiben an die Abgeordneten betont.

Maaßen: "Staatsähnliches Gebilde"
In Deutschland hat sich der Begriff "Daesch" noch nicht etabliert. Deutschsprachige Medien verwenden den Begriff "Islamischer Staat" mal mit und mal ohne Anführungszeichen, mal mit "sogenannt", mal ohne - zahlreiche Publikationen versehen den Begriff mit dem Zusatz Terror-Organisation. Auch die deutsche Bundesregierung spricht von der Terror-Organisation "Islamischer Staat". Doch ist der "IS" mit dem Begriff Terror-Organisation auch zutreffend charakterisiert? Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sagte am 15. Dezember 2015 gegenüber dem Sender "Phönix", dass man das Problem verniedliche, wenn man den "Islamischen Staat" als Terror-Organisation bezeichne. Vielmehr sei der "IS" ein "staatsähnliches Gebilde". Ist der Name "Islamischer Staat" am Ende doch möglicherweise die zutreffendste Bezeichnung?

Der Deutsche Presserat warnt in jedem Fall vor Sprachvorschriften. In einem Statement gegenüber Kulturzeit schreibt er, dass der Begriff "Islamischer Staat" umstritten sei und es daher verschiedene Positionen und Interpretationen hierzu gebe: "Wenn eine Redaktion sich dazu entscheidet, den Begriff nach Abwägung verschiedener Argumente nicht zu verwenden, dann liegt das in ihrem Ermessen und fällt in den Bereich der redaktionellen Freiheit."

Die Entstehung des "IS" ist eine Geschichte der wechselnden Namen, die über die jeweils wechselnden Allianzen und Ausrichtungen der Gruppe Aufschlüsse gibt (siehe Kasten). Warum also sollte man diese Miliz nicht mit dem Namen bezeichnen, die sie sich mit der Ausrufung des Kalifats selbst gegeben haben: "Islamischer Staat"? In der Berichterstattung über diese Bürgerkriegs-Miliz, die im Begriff ist, einen Staat aufzubauen, ist entscheidend, sich weder von politischen Sprachregelungen noch von dschihadistischer Propaganda vereinnahmen zu lassen. Was zählt, ist die Qualität der journalistischen Einordnung von Geschichte, Organisation, Verfasstheit und Zielen der Terror-Miliz, die mit dem Anspruch auftritt, ein weltweites Kalifat zu errichten. Der Vormarsch des "IS" stellt vor allem eine politische Herausforderung dar, deren bedrohliche Dimensionen erst allmählich deutlich werden.

Info
© APLupeGeschichte zu "Islamischer Staat"
Nach dem Sturz von Saddam Hussein schwört der Terrorist Abu Mussab al Zarqawi 2004 Osama bin Laden die Treue und gründet einen Ableger von El-Kaida im Irak. Damit legt er die Basis für die spätere Organisation "Islamischer Staat". Zarqawi profitiert vom Geld von El-Kaida, verfolgt jedoch einen anderen Kurs als deren Führungsriege: Während Bin Laden den Westen zum Hauptfeind erklärt, setzt Zarqawi darauf, seinen Kampf auf den nahen Feind zu fokussieren. Er heizt den sunnitisch-schiitischen Konflikt im Irak an und erklärt allen, die sich ihm in den Weg stellen, zu Ungläubigen - egal ob Muslim oder Westler.

2006 wird Zarqawi durch zwei US-Kampfjets getötet. Sein Nachfolger Abu Umar al-Baghdadi gründet den "Islamischen Staat im Irak" (ISI).

2010 wird Abu Umar al-Baghdadi getötet - die Terrororganisation steht kurz vor dem Aus - bis Abu Bakr al-Baghdadi, der heutige Chef des "IS", das Ruder übernimmt. Während des Irak-Krieges sitzt Baghdadi im US-Gefängnis Camp Bucca ein. Hier soll er sich mit ehemaligen Generälen Saddam Huseins vernetzt haben, die heute zu seinem engsten Führungszirkel gehören sollen.

2012, kurz nach dem Arabischen Frühling, gründen Baghdadi und sein Stellvertreter Abu Muhamed al-Jaulani einen Ableger in Syrien, die "Al-Nusrah Front". Tausende Dschihadisten kommen nach Syrien. Kurze Zeit später überwirft sich Baghdadi mit seinem Stellvertreter in Syrien. Al-Jaulani schwört der Führungsriege von El-Kaida seine Treue.

Baghdadi bricht mit El-Kaida: Im April 2013 benennt Baghdadi seine Gruppe "Islamischer Staat in Irak und Syrien" um (ISIS oder ISIL, L für Levante, übersetzt Länder des östlichen Mittelmeerraum). Im Juni 2014 ruft Baghdadi das Kalifat aus. Die Organisation nennt sich nun nur noch "Islamischer Staat" (IS). Heute kontrolliert der "IS" ein Territorium mit acht Millionen Einwohnern auf einer Fläche, deren Größe mit Großbritannien vergleichbar ist.