Im Labyrinth des Schweigens
Bundesrepublik, 1958: Ein junger Staatsanwalt wird auf den Fall eines ehemaligen KZ-Häftlings aufmerksam, der einen Aufseher anzeigen möchte. Doch keiner will sich mit dem Fall befassen. - Filmisch aufgearbeitete Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, die 1963 begannen.
13 Jahre nach Kriegsende gibt es in der jungen Bundesrepublik nur einen Gedanken: In Zeiten des Wiederaufbaus stört jede Erinnerung an vergangene Schuld, den Holocaust und die Verbrechen der Nazi-Vergangenheit. Täter und Mitläufer werden lieber eingebunden als vor Gericht gebracht. Entsprechend verzweifelt sind die wenigen aus dem KZ nach Deutschland zurückgekehrten Opfer - man klagt nicht an, man schweigt.

In dieser Situation wird der ehrgeizige junge Staatsanwalt Johann Radmann auf den Fall des überlebenden jüdischen KZ-Insassen Simon Kirsch aufmerksam, der durch einen Zufall in dem Lehrer Alois Schulz einen seiner früheren Peiniger in Auschwitz wiedererkannt hat. Doch seine Versuche, den Mann anzuzeigen, laufen ins Leere. Auch Oberstaatsanwalt Walter Friedberg in Frankfurt, Radmanns direkter Vorgesetzter, weigert sich, in dem Fall zu ermitteln.

Ehrgeiziger Staatsanwalt startet eigene Recherchen
Nur Radmann, der sich bei seinen Verkehrsstrafsachen zu Tode langweilt, hat Interesse und kontaktiert auf eigene Faust den Journalisten Thomas Gnielka, der sich sehr engagiert Kirschs Fall angenommen hatte. Durch Gnielkas Informationen und eigene Recherche gelingt es Radmann, den Lehrer als Mitglied der Waffen-SS in Auschwitz zu identifizieren, doch ohne Folgen: Schulz bleibt weiter im Schuldienst. Gnielka, der feststellen muss, dass Radmann, wie die meisten seiner Altersgenossen, so gut wie nichts über Auschwitz und die Verbrechen der Deutschen weiß, macht den Fall in einem Artikel publik.

Doch alle Mühen und persönlichen Krisen lohnen sich, denn sie führen zu dem berühmten Frankfurter Auschwitz-Prozess, der ersten juristischen Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen durch ein Gericht der Bundesrepublik.

Die Wirtschaftswunderjahre abseits von dicken Zigarren, Petticoat und Rock 'n' Roll: Der in Italien geborene Deutsch-Italiener Giulio Ricciarelli, ein vor allem in vielen deutschen TV-Produktionen ("Tatort", "SOKOs", "Alarm für Cobra 11") auftretender Schauspieler, inszenierte mit dieser ambitionierten Kinoproduktion seinen ersten Kinofilm - unterhaltende, sehr emotionale politische Aufklärung über die gar nicht so gute alte Zeit des Wiederaufbaus.

Initialzündung für Auseinandersetzung mit Nazi-Vergangenheit
Dem legendären Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der 1949 wieder in den deutschen Staatsdienst zurückgekehrt war, war es zu verdanken, dass 1952 ein deutsches Gericht das NS-System zum ersten Mal als "Unrechtsstaat" bezeichnete. Doch Bauers wichtigster Verdienst liegt in der Durchsetzung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses von Dezember 1963 bis August 1965, der Initialzündung für die Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner Nazi-Vergangenheit.

Gespielt wird Fritz Bauer von der 2014 im Alter von 72 Jahren verstorbenen Schauspiel-Legende Gert Voss, der vor allem auch in seiner 46 Jahre andauernden künstlerischen Zusammenarbeit mit Claus Peymann seit 1986 am Burgtheater in Wien in allen großen Rollen auftrat. "Im Labyrinth des Schweigens" war Voss' letzte Kinorolle.

Sendedaten
Mittwoch, 23. Januar 2019, 21.45 Uhr
Credits
Im Labyrinth des Schweigens
Spielfilm, Deutschland 2014
112 Minuten
Regie: Giulio Ricciarelli
Mit Alexander Fehling (Johann Radmann), Gert Voss (Fritz Bauer), Friederike Becht (Marlene Wondrak), André Szymanski (Thomas Gnielka), Johannes Krisch (Simon Kirsch), Johann von Bülow (Staatsanwalt Haller), Tim Williams (Major Parker)
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3sat zeigt aus diesem Anlass am Mittwoch, 23. Januar 2019 außer dem Spielfilm "Im Labyrinth des Schweigens" die Dokumentationen "Todeszug in die Freiheit" (20.15 Uhr), "Nicht Rache, sondern Gerechtigkeit" (21.00 Uhr) und "Mörder unter uns" (23.35 Uhr). Am Donnerstag, 24. Januar 2019 folgt der Spielfilm "Sarahs Schlüssel" (22.25 Uhr).