© ORF/Manuela Zips-Mairitsch
Video online ab 22.3.2018, 6.00 UhrVideo online ab 22.3.2018, 6.00 Uhr
Boo!Kunta - der große Schamane, bei der Jagd
Der große Schamane - Heilkunst in der Kalahari
Seine Augen haben schon viel Schreckliches gesehen: Kriege und Vertreibung, Genozid und Verbrechen an seinen Verwandten. Und trotzdem hält sich beharrlich ein Lächeln in ihnen. Boo!Kunta ist der bekannteste Heiler im Nordosten Namibias. Unter den etwa 1.000 San, die im Nyae Nyae Schutzgebiet am Rande des Kaudom Nationalparks leben, ist er eine Lichtgestalt.
Boo!Kuntas Name findet sich schon vor mehr als vier Jahrzehnten in einem anthropologischen Standardwerk zum kommunalen Heilungstanz der Ju|’hoansi San. Unter den rund 1.000 San, die im knapp 9.000 Quadratkilometer großen Nyae Nyae Schutzgebiet leben, ist er eine Lichtgestalt. Nicht nur ob seiner Fähigkeiten als traditioneller Heiler und Pflanzenheilkundler, sondern vor allem wegen seiner Weitsicht und Führungskraft, was die schwierige Bewältigung der heutigen Lebensumstände betrifft. Viele sehen ihn sogar als "Heiler" und damit "Retter" ihrer Kultur.

Boo!Kunta gilt aber auch als erfahrener Jäger. Immerhin sind die San in der Nyae Nyae Conservancy (einem selbstverwalteten Gemeinschaftsprojekt) vielleicht die letzten Vertreter ihrer verschiedenen Kulturen im südlichen Afrika, die tatsächlich noch weitgehend ungestört jagen und sammeln können. Damit repräsentieren sie einen wichtigen Aspekt ihres kulturellen Erbes. Daran hat die Errichtung dieser ersten namibischen Conservancy (Schutzgebiet, in dem die Ressourcen von der Gemeinschaft verwaltet werden) entscheidenden Anteil.

Jagd nur mehr mit traditionellen Waffen erlaubt
© ORF/Manuela Zips-Mairitsch Boo!Kunta bei der Jagd
Boo!Kunta bei der Jagd
Wenn heute von Jägern und Sammlern die Rede ist, handelt es sich ja in aller Regel um ehemalige Jäger und Sammler. Denn staatliche Naturschutzgesetze und Landenteignungen haben die meisten seit Generationen von ihrer eigenen ursprünglichen Wirtschaftsform abgeschnitten. Unter der Bedingung mit traditionellen Waffen zu jagen, dürfen die San in der Nyae Nyae Conservancy jedoch zumindest auf die nicht geschützten Wildtiere wie Antilopen und Warzenschweine Jagd machen. Aufgrund der hohen Elefanten-Population gehen mit dieser traditionellen Jagd im "Lion Country" naturgemäß aber auch viele Gefahren einher. In diesen Belangen sind die medialen Fähigkeiten des traditionellen Heilers präventiv und nicht nur bei den recht häufigen Verletzungen gefragt. Als Schamane oder Mittler zwischen Diesseits und Jenseits gehört der spirituelle Schutz bei der Jagd zu seinen Aufgaben. Er gibt seinen Leuten die Kraft, alle Gefahren des Lebens mit wilden Tieren zu meistern.

Kommunaler Heilungstanz zentrales Thema der Religion der San
© ORF/Manuela Zips-Mairitsch Vor einem Elephant-Healing Dance im Cultural Village des "Little Hunters Museum" der Ju|’hoansi San
Vor einem Elephant-Healing Dance im Cultural Village des "Little Hunters Museum" der Ju|’hoansi San
Seine wichtigste Aufgabe ist jedoch der kommunale Heilungstanz. Dieser ist die zentrale Institution der traditionellen Religion der San. In mancher Hinsicht bekräftigt der kommunale Heilungstanz eine Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für alle San im Südlichen Afrika. Bei so einzigartigen Traditionen wie dem Heilungs- und Trancetanz geht es auch um die Weitergabe des immateriellen Kulturerbes. Doch die Heilung der tiefen seelischen Wunden von Landverlust, Enteignung und Diskriminierung fällt selbst so mächtigen Heilern wie Boo!Kunta schwer.
Die San sind geradezu ein Paradebeispiel für bedrohte Völker. Sie kämpfen mit dem weit verbreiteten Unverständnis für ihre Lebensweisen. Aber ihre lange Geschichte belegt auch, dass sie nicht bereit sind, ihre Vorstellungen vom frei bestimmten Leben über Bord zu werfen und dafür auch die Risiken dieser Lebensweise in Kauf nehmen. Der alte Schamane soll für die Gemeinschaft die Verbindung zur Vergangenheit bewahren und einen guten Weg in die Zukunft weisen.

Heilkunst überlebenswichtig für das Volk der San
© ORF/Manuela Zips-Mairitsch Boo!Kunta, N!ae Kxao und Xoan beim Sammeln von Heilpflanzen in der Nyae Nyae Conservancy
Boo!Kunta, N!ae Kxao und Xoan beim Sammeln von Heilpflanzen in der Nyae Nyae Conservancy
Der Film über das tägliche Leben von Boo!Kunta und seiner Großfamilie gibt auch einen Einblick in die Gesellschaftsgeschichte in der Kalahari. Um an diesem Ort überleben zu können, bedarf es der Fähigkeit, die unterschiedlichsten körperlichen Beschwerden ebenso wirksam behandeln zu können wie alltägliche Krankheiten. Boo!Kunta verfügt über ein anerkanntes Wissen der traditionellen Pflanzenheilkunst, aber auch über die charismatischen Fähigkeiten, die eine erfolgreiche Tranceheilung mit Hilfe der Geister versprechen.
Boo!Kunta: "Heilungen mussten immer schon vorgenommen werden. Früher, als es noch keine Kliniken gab, war eine Geistheilung durch den Schamanen die einzige Chance für einen kranken Menschen. Während der Heiler mit den anderen Männern rund um die im Kreis sitzenden Frauen tanzt, findet er heraus, wer krank ist. Dadurch sammle ich auch die Kraft zur Heilung, die sonst nur in mir schläft. Beim Heilen lege ich die Hände auf jeden Kranken, sodass die Krankheit auf mich übergehen kann. Ich ziehe sie ihnen regelrecht aus dem Körper."

Sendedaten
22./23. März 2018
um 2.55 Uhr
Stereo, 16:9
Credits
Boo!Kunta mit seiner Enkelin bei einer Heilung

Eine Dokumentation von Manuela Zips-Mairitsch und Werner Zips, Österreich 2015
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