Kultur
In Russlands Schatten: das estnische Narva
Die Themen der "Kulturzeit" vom 13.05.2026: Narva in Estland, Protest gegen ESC - Gespräch mit Benjamin Hertlein, der österreichische Pavillon in Venedig, Wagners Antisemitismus, Musiker Nils Keppel.
- Produktionsland und -jahr:
-
Deutschland 2026
- Datum:
- Sendetermin
- 13.05.2026
- 19:23 - 20:00 Uhr
Die Themen der Sendung:
Das estnische Narva an der Grenze zu Russland
Narva ist die drittgrößte estnische Stadt direkt an der Grenze zu Russland. Aktuell tauchen in sozialen Netzwerken Gruppen auf, die zur Gründung einer "Narva-Volksrepublik" nach dem Vorbild von Donezk und Luhansk aufrufen. Die estnische Regierung spricht von einer russischen Informationsoperation. Tallinn nimmt solche Entwicklungen sehr ernst. Besonders heikel wird das Thema durch aktuelle Gesetzesvorbereitungen in Russland, die militärische Einsätze zum Schutz russischsprachiger Bürger im Ausland ermöglichen sollen. 85 Prozent der Einwohner von Narva sprechen Russisch, auf der anderen Seite des Flusses liegt die russische Stadt Ivangorod. Dazwischen verläuft eine der sensibelsten Grenzen Europas. In Narva existiert bis heute eine ausgeprägte russischsprachige Öffentlichkeit: Theateraufführungen auf Russisch, orthodoxe Gottesdienste, sowjetisch geprägte Erinnerungsorte, russische Medien, Veteranenvereine und kulturelle Veranstaltungen, die stark an Russland orientiert sind. Viele Einwohner fühlen sich kulturell russisch, leben aber politisch in der Europäischen Union. Rund um den 9. Mai organisiert Russland im gegenüberliegenden Ivangorod jedes Jahr Konzerte und Parade-Übertragungen, die auch in Narva zu hören sind. In Estland gelten solche Inszenierungen als Provokation und politisches Signal an die russischsprachige Bevölkerung. Wir haben uns vor Ort umgesehen.
Protest gegen den ESC - Gespräch mit Benjamin Hertlein
Seit 70 Jahren gibt es den Eurovision Song Contest (ESC) - ausgerechnet im Jubiläumsjahr steht der Wettbewerb im Zeichen der Krise. Der Streit um die Teilnahme Israels ließ das Teilnehmerfeld um fünf Länder schrumpfen. Das Motto "United By Music", vereint durch Musik, blieb dennoch. Im Grunde hätte der ESC in diesem Jahr das Zeug dazu, so spannend zu werden wie selten. Im ersten Halbfinale am Abend des 12. Mai gaben sich die Favoriten aus Finnland und Griechenland keine Blöße, auch das zum erweiterten Favoritenkreis gezählte Israel kam weiter. Beim Auftritt von Israels Noam Bettan waren in der Wiener Stadthalle Buhrufe und Pfiffe zu hören - ein akustisches Zeichen dafür, dass der Streit um Israels Teilnahme weiter nicht befriedet ist. Der gastgebende österreichische Fernsehsender ORF glaubte noch im Herbst daran, dass im Jubiläumsjahr eine Rekordzahl von Ländern zum ESC kommt. Statt einer Rekordteilnehmerzahl kann die Hauptstadt Wien nur 35 Starter zum weltweit am meisten beachteten Musikwettbewerb begrüßen, so wenige wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Spanien, Irland, die Niederlande, Island und Slowenien sind aus Protest gegen Israels Teilnahme nicht dabei. Beim ersten ESC-Halbfinale im Saal mit dabei war Gründer und Chefredakteur der ESC-Homepage "ESC-kompakt", Benjamin Hertlein. Wir sprechen mit ihm.
Der österreichische Pavillon auf der Biennale von Venedig
Die österreichische Choreografin und Regisseurin Florentina Holzinger war das Gesprächsthema der am 9. Mai eröffneten 61. Kunstbiennale von Venedig. Die 40-Jährige ist bekannt für ihre radikalen und teils blutigen Bühnenperformances, die schon zu Ohnmachts-Anfällen im Publikum geführt haben. Mit ihrem 15-köpfigen Team bespielt Holzinger nun den österreichischen Pavillon, den sie in eine Art Themenpark verwandelt hat. Boulevardmedien haben im Vorfeld der Biennale schon einen Skandal heraufbeschworen, geworden ist es ein spannender "Sturm im Wasserglas", ein starker intelligenter und feministischer Beitrag, der an die körperlichen Bedürfnisse des Publikums appelliert. Bis in den November, also bis zum Ende der Biennale sind die Performerinnen im Pavillon aktiv.
Mehr zur Biennale von Venedig
Luzerner Studie zu Richard Wagners Antisemitismus
Luzern und das Richard-Wagner-Museum haben die Luzerner Richard-Wagner-Geschichte wissenschaftlich auf antisemitische Bezüge untersuchen lassen. Der Forschungsbericht zeigt, dass der Antisemitismus des weltberühmten Komponisten "sehr deutlich und unmissverständlich" war.
Der Musiker Nils Keppel
Wer wissen will, wie es sich im Moment so anfühlt, jung zu sein, der sollte sich das gerade erschienene Debütalbum "Super Sonic Youth" des Leipziger Musikers Nils Keppel anhören. Da geht es um Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Weltschmerz, angekündigt in finsteren Titeln wie "Platzangst", "Rebell" oder "Keine Zukunft". Ganz so dunkel ist seine Musik aber zum Glück nicht, sie erinnert vielmehr an New Wave und Post-Punk, und Nils Keppels äußere Erscheinung hat viel vom jungen David Bowie. Ganz schön viel Retro also, verbunden mit einem sehr jetzt-zeitigen Lebensgefühl.