Mann mit Baby im Arm schwarz-weiß

Film

Fritz Litzmann, mein Vater und ich

Eine sehr persönliche Reise durch die deutsche Kabarettgeschichte: Aljoscha Pause porträtiert seinen Vater als Kleinkunst-Größe Fritz Litzmann, aber auch als Leerstelle im Familiengefüge.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2025
Datum:
Sendetermin
21.09.2026
21:45 - 00:10 Uhr

Der Dokumentarfilm zeichnet den Werdegang von Rainer Pause nach, der es als Kabarettist und Gründer der Pantheon-Bühne in Bonn zu Ruhm brachte und damaligen Newcomern wie Helge Schneider und Michael Mittermeier zum Erfolg verhalf.

Als Zeitzeugen treten neben Aljoscha Pauses ehemaligem Klassenkameraden Bastian Pastewka auch Helge Schneider, Jürgen Becker, Georg Schramm, Norbert Alich, Carolin Kebekus und Nina Hoger auf. Auch weniger prominente, enge Schulfreunde zeichnen das eindrückliche Bild eines ungewöhnlichen Künstlerkosmos.

Ohne Berührungsängste, aber auch ohne Bitterkeit, rekapituliert der Dokumentarfilmer Aljoscha Pause die Schwierigkeiten, die durch die Selbstverwirklichung des alleinerziehenden Vaters innerhalb der Achtundsechziger-Bewegung für ihn in seiner Entwicklung entstanden. Er erzählt vom Aufwachsen in einer Kommune voller Individualisten, von einer Kindheit ohne Struktur oder Aufsicht, von einer rebellischen Jugend und nicht zuletzt von seinem Weg in ein eigenständiges, glückserfülltes Leben.

Aljoscha Pause wurde 1972 in Bonn geboren und ist dort auch aufgewachsen. Nach dem Studium der Romanistik arbeitete er als Sportreporter und -redakteur unter anderem für Premiere, Sat1 und DSF, wo er seine Leidenschaft zum Fußball pflegte - eine Sportart, die in seinem linksalternativen Elternhaus eher verpönt war. Seine ersten langen Dokumentarfilme wie "Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen", "Trainer!" und "Being Mario Götze - Eine deutsche Fußballgeschichte", der vom Verband Deutscher Sportjournalisten als bester deutscher Sportfilm ausgezeichnet wurde, spielen ebenfalls auf diesem Feld.

Es folgten die Künstlerporträts "Wie ein Fremder - Eine deutsche Popmusik-Geschichte" über den Musiker Roland Meyer de Voltaire und "Art is a State of Mind" über den ehemaligen Wirtschaftsanwalt Bernhard Zünkeler, der seine Karriere in der Businesswelt aufgab und einen radikalen Neuanfang in der Kunst wagte. Beide Produktionen wurden von 3sat als Free-TV-Premiere gezeigt.

"Fritz Litzmann, mein Vater und ich" feierte 2025 seine Premiere auf dem DOK.fest München, wo er für den Produktionspreis nominiert war. Auch wurde er im selben Jahr für die Filmmusik von Roland Meyer de Voltaire mit dem Deutschen Filmmusikpreis ausgezeichnet.

Interview mit Filmemacher Aljoscha Pause

Rainer Pause und Aljoscha Pause stehen nebeneinander und lächeln in die Kamera. Rainer Pause hat seinen Arm um Aljoscha Pauses Schulter gelegt. Rainer Pause trägt eine schwarze Motorradlederjacke und darunter ein schwarzes Shirt mit der Aufdruck eines menschlichen Skeletts. Aljoscha Pause trägt ein schwarzes Ledersakko und eine Baseball-Kappe. Sie stehen neben dem Filmplakat mit ihren Konterfeis.
Rainer Pause und Aljoscha Pause bei der Filmpremiere.
Quelle: Meike Böschemeyer

Sie gehen in Ihrem Film erstmals in die Innenansicht Ihrer eigenen Familiengeschichte und Ihrer Beziehung zu Ihrem Vater, dem Kabarettisten Rainer Pause. Warum?

Diese Geschichte ist mir naturgemäß sehr nahe. Und ich erzähle gerne das Große im Kleinen. Mir gefiel, wie ich hier die ganze Sphäre der Bonner Republik, der linken Bewegung der 1960er bis 1980er Jahre und des deutschen Kabaretts in dieser sehr persönlichen Erzählung spiegeln konnte. Ich habe bestimmt zehn Jahre über eine solche Möglichkeit nachgedacht. Aber ich musste zunächst meine eigene innere Bereitschaft ausloten. War ich wirklich bereit, all das an Offenheit und Wahrhaftigkeit vor laufender Kamera in die Waagschale zu werfen, was ich in der Vergangenheit immer den Protagonistinnen und Protagonisten meiner bisherigen Filme abverlangt hatte? Denn das musste ja auch hier der Maßstab sein. Ich erzähle gerne Geschichten, in denen es wirklich um etwas geht. Ergebnisoffen, forschend - learning by telling. Aber ich wollte so einen Film nicht als Operation am offenen Herzen machen. Erst als ich die Fragen meiner Herkunft für mich selber geklärt hatte und sich all das setzen konnte, wollte ich damit auch filmisch losziehen.

Sie haben in Ihren vorigen Filmen oft Self-Made-Men wie den Juristen Bernhard Zünkeler, der sich eine neue Existenz in der Kunstbranche geschaffen hat, oder auch den Musiker Roland Meyer de Voltaire porträtiert. Ist Ihr neuer Film über Ihren Vater eine Art Fortsetzung der Erforschung unangepasster Naturen?

Ich gehe da ehrlich gesagt nicht strategisch vor. Aber es stimmt schon, dass es auffällt, dass ich mich immer wieder mit Außenseitern, Grenzgängern und Nonkonformisten beschäftige. Das war ja bei meinem ersten Kino-Dokumentarfilm "Tom meets Zizou" über den Fußballer Thomas Broich ganz ähnlich. Er war - und ist - ein Freigeist, der seinen ganz eigenen, individuellen Weg durch das Dickicht der Zwänge, Konventionen und Normen suchen und finden musste.

Wo würden Sie sich innerhalb dieser Konstellationen selbst positionieren?

Natürlich hat mich der Weg und das Vorbild meines Vaters - bei allen Unterschieden, die wir gerade im familiären Bereich haben - stark geprägt. Das ist mir durch die intensive Beschäftigung mit meinem Vater im Zusammenhang mit dem Film nochmal sehr klar geworden. Der unbändige Drang nach künstlerischer Freiheit, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, in Verbindung mit einer Risikobereitschaft und hohem Krafteinsatz, war bei uns zu Hause omnipräsent. So bin ich aufgewachsen. Und das hat sicher auf mich abgefärbt. Ich habe mich immer als Grenzgänger wahrgenommen und muss ja nicht zuletzt auf meinem Weg als unabhängiger Filmemacher immer wieder Nischen und Geschichten finden, die einerseits nicht schon von allen anderen abgegrast wurden - und die andererseits genug Relevanz und Tiefe haben. In Zeiten der Dokuserien-Inflation auf allen Plattformen umso mehr.

Was waren die Schwierigkeiten beim Dreh?

Wie schon angesprochen bin ich eigentlich recht gut präpariert in die Dreharbeiten gegangen. Dennoch zeitigt eine solch tiefschürfende Vorgehensweise - zumal in über 16 Stunden Gesprächen, allein mit meinem Vater, vor laufender Kamera - Dynamiken und Wendungen, die man vorher nicht absehen kann. Natürlich ist das ganz bewusst ein ergebnisoffener Prozess. Im Verlauf der insgesamt rund sechs Monate Drehzeit bin ich dann schon auch in emotionale Grenzbereiche gekommen. In der Phase habe ich dann - vielleicht nicht ganz ernst gemeint - darüber nachgedacht, man müsse dem Film möglicherweise eine Triggerwarnung oder einen Disclaimer im Stile des einstigen MTV-Formats "Jackass" voranstellen: "Don’t try this at home!" Nach unserer langen Kino-Tour mit 30 Film-&-Talk-Veranstaltungen durch ganz Deutschland kann ich nun abschließend sagen: Es ist das genaue Gegenteil. So ein Projekt - auch ohne Kamera - ist ganz sicher nicht ohne. Und vielleicht auch nicht in jeder Familie möglich. Aber es lohnt sich, so etwas zu versuchen. Und wenn es nur eine ganz persönliche Beschäftigung mit der Frage ist, woher man kommt und was einen geprägt hat. Das Feedback hat gezeigt, dass der Film die Menschen tatsächlich getriggert hat, aber im positiven Sinne. Es ist unglaublich, wie viel Rückmeldung zu unserer Geschichte und wie viele Erfahrungsberichte aus anderen Familien wir im Anschluss bekommen haben. Was ich daraus gelernt habe, ist, dass das Persönlichste manchmal gleichzeitig das Universellste ist.

Hatte das gemeinsame Arbeiten am Film eine heilende Wirkung auf die Vater-Sohn-Beziehung?

Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er diese Reise mit mir angetreten ist. Das ist ja nicht selbstverständlich. Schon gar nicht vor laufender Kamera. Für mich war klar, dass ich alle - auch kritischen - Aspekte unserer Familien- und Vater-Sohn-Geschichte ansprechen würde, dass es mir aber nicht darum geht, ihn anzuklagen. Der Film sollte bewusst keine Abrechnung werden, auch wenn das bei all der Offenheit ein schmaler Grat war. All das konnte mein Vater aber im Vorfeld nicht wirklich greifen und beurteilen. Trotzdem hat er sich darauf eingelassen. Dazu braucht es Mut und Vertrauen. Das allein hat unsere Beziehung gestärkt. Dass er im Anschluss all die schon angesprochenen 30 Veranstaltungen - ohne Ausnahme - mit mir durchgezogen hat, spricht für sich. Für ihn war das filmische Ergebnis schmerzhaft, schmerzhafter als für mich, und für uns beide war es heilsam.

Interview: Nicole Baum

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