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Kultur

"Ich habe kein Talent zum Hassen"

Bekannte Schriftsteller oder Schriftstellerinnen gestalten ein Fernsehprojekt: Die Mainzer Stadtschreiberin Eva Menasse trifft den großen österreichischen Schriftsteller Robert Schindel.

Produktionsland und -jahr:
Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 16.11.2024

Eva Menasse kennt Robert Schindel, der ein Freund ihrer Familie ist, von Jugend an. Das ist die Basis für ein intensives Gespräch über gemeinsame und unterschiedliche Erfahrungen mit jüdischer Herkunft, kollektivem Gedächtnis, Politik und literarischer Betrachtung.

"Ich habe kein Talent zum Hassen, aber verachten kann ich schon", sagt Robert Schindel und erzählt aus seinem politischen und künstlerischen Leben in Österreich zwischen 1944 und heute. Im Gespräch mit Eva Menasse im Spätsommer 2019 in Wien entfalten die beiden auch unerwartete Perspektiven auf Europa im 20. Jahrhundert und auf aktuelle Entwicklungen in Österreich.

Was für ein Leben: Robert Schindels Eltern kämpfen als jüdische Kommunisten gegen die Nationalsozialisten, ihr Sohn, in den späten 1960er-Jahren Anführer der Wiener Studentenproteste, wird später zum bedeutenden, preisgekrönten Lyriker und undogmatischen Beobachter seiner Heimat. Robert Schindel wird nicht müde, Antisemitismus und Rassismus in der Gesellschaft zu benennen - aber seine Sprache, ob in seinen Gedichten, Essays oder Romanen, ist stets poetisch, nie programmatisch. Er ist ein politisch wacher Dichter, aber kein politischer Dichter.

Eva Menasse

Die preisgekrönte Schriftstellerin Eva Menasse, 1970 in Wien geboren, lebt in Berlin und 2019 auch immer wieder als Stadtschreiberin in Mainz. Zu dieser Ehrung von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz gehört eine Dokumentation nach freier Themenwahl. Eva Menasse, die nach ihrem Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Wien zunächst als Journalistin unter anderem bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" arbeitete, bevor ihr 2005 mit dem österreichisch-jüdischen Familienepos "Vienna" ein fulminantes Debut als Schriftstellerin gelang, hat sich für das klassische Genre eines Fernsehgesprächs entschieden.

Als große Menschenerzählerin, die mit feiner Empathie und scharfsinnigem Humor über fragile Beziehungen schreibe, sei sie ein Glücksfall für das Amt der Mainzer Stadtschreiberin, so die Jury. Denn sie mische sich zugleich öffentlich ein, streite wirkungsvoll für Grundrechte im digitalen Zeitalter und wende sich engagiert gegen Diskriminierung und rechte Hetze. Auch in ihrem Debüt als Fernsehautorin schwingt ihr Blick auf diese großen Themen unserer Zeit immer mit.

Robert Schindel

Robert Schindel in Nahaufnahme.
Robert Schindel

Der 1944 geborene Robert Schindel entgeht als kleines Kind nur knapp der Ermordung durch die Nationalsozialisten. Sein Vater wird kurz vor Kriegsende in Dachau erschossen. Als Halbwaise wird Schindel von seiner Mutter, einer Auschwitz-Überlebenden, im Geist der kommunistischen Partei erzogen und schließt sich in den frühen 1970er-Jahren erst der Studentenbewegung, dann der maoistischen Linken an. Schindel befreit sich von allen Dogmen durch begeisterte Lektüre der Weltliteratur ebenso wie durch die relativ späte Beschäftigung mit seiner jüdischen Herkunft, die er schließlich als kulturelles Erbe, wenn schon nicht als religiöses Bekenntnis annehmen kann.

Es ist ein Lebensweg, der beispielhaft ist für viele seiner Altersgenossinnen und Altersgenossen. Zugleich ist es ein einzigartiger Weg, denn aus seinen Wandlungen und Brüchen hat Robert Schindel starke, sinnliche Literatur gemacht, ist zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker geworden, der, wie Marcel Reich-Ranicki einmal schrieb, "sich ganz ungeniert an die Tradition" halte.

Als Prosaautor hat er in seinem Erfolgsroman "Gebürtig", der auch verfilmt wurde, beispielhaft für ganz Europa jenes Wien porträtiert, in dem die Nachkommen von Opfern und Tätern sich krampfhaft gegenseitig jene Normalität vorspielen müssen, die ein halbwegs friedliches Zusammenleben wohl erfordert. In der Fortsetzung "Der Kalte" beschreibt er die Zeit und die Gesellschaft, in der Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten gewählt werden konnte. So wie Waldheim über seine Verstrickung in den Nationalsozialismus log und täuschte, hätte es das ganze Land gerne gemacht; mit Waldheims Wahl aber flog die verdrängte Geschichte von Tätern wie Nachkommen auf.

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