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Plastikstrohhalme

Gesellschaft

Plastik: "Wir bräuchten eine klare Strategie"

Die Industrie setzt immer mehr auf Kunststoffe. Das Wirtschaftsmagazin makro sprach mit dem Recyclingexperten Henning Wilts, wie sich die Kehrseite, die Vermüllung der Welt, eindämmen lässt.

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Kunststoffe haben ganz bemerkenswerte Eigenschaften. In der Industrie sind sie daher nicht mehr wegzudenken, erobern immer neue Einsatzfelder: Sie sind leicht, ressourcenarm in der Herstellung und vermögen immer individuellere Anforderungen zu erfüllen.

Gleichzeitig hat Plastik ein miserables Image: Wir alle kennen die Bilder der riesigen Plastikstudel auf den Weltmeeren und die an Plastik verendeten Tiere. Weniger offensichtlich, aber nicht minder gefährlich ist das Mikroplastik, das den Kreislauf des Lebens infiltriert. Niemand weiß, was das auslöst.

Der Recyclingexperte Dr. Henning Wilts vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie sagt, das Problem mit dem Plastik hätten wir vor allem am Ende der Nutzungsphase.

makro: Plastik im Meer, Plastik im Tiermagen, Mikroplastik im Abwasser: Plastik steht massiv in der Kritik. Ist Plastik böse?

Henning Wilts: Kein Stoff ist an sich "gut" oder "böse" - es kommt immer darauf an, wie und wofür wir ihn nutzen. Und da ist klar, dass die Art und Weise, wie wir Kunststoff in der Vergangenheit global eingesetzt haben, zu katastrophalen Umweltbelastungen geführt hat.

Zur Person

  • Recyclingexperte Dr. Henning Wilts

    Recyclingexperte

makro: Verbraucher kennen Plastik vornehmlich als Verpackung. Dabei ist die Verwendung von Kunststoffen in unserer Wirtschaft viel umfassender. Ist Plastik alternativlos?

Henning Wilts: Tatsächlich gehen von den etwa 14 Mio. Tonnen, die jedes Jahr in Deutschland verarbeitet werden, nur ca. 30% in Verpackungen. Fast genauso wichtig ist zum Beispiel der Bausektor - dort wird der Kunststoff nur viel länger genutzt als bei den Verpackungen.

Im Prinzip gibt es kaum noch einen Bereich unseres Lebens, der ohne Kunststoff auskommt - als Material ist es billig, leicht und im Vergleich zum Beispiel zu Metallen verhältnismäßig ressourcenleicht herstellbar; die Probleme haben wir vor allem am Ende der Nutzungsphase. Wird der Plastikabfall exportiert, landet er noch zu häufig in der Umwelt; und auch bei uns in Deutschland decken wir nur ca. 12% der Nachfrage mit recyceltem Material.

Genau da liegt das Dilemma: Wenn wir morgen komplett auf Kunststoff verzichten müssten, wären wir insgesamt vermutlich keinen Schritt weiter in Richtung Nachhaltigkeit. Unsere moderne Medizin funktioniert nicht ohne Kunststoff, Autos wären noch schwerer und auch unsere Nahrung müssen wir ja irgendwie verpacken, wenn wir unsere Lebensmittelabfälle tatsächlich halbieren wollen.

makro: Intensive Forschung an Kunststoffen bringt neue Eigenschaften hervor und verbessert bestehende. Was können die Kunststoffe der Zukunft?

Henning Wilts: Einerseits wird gerade sehr viel zum Thema Nachverfolgbarkeit und Kreislaufführung von Kunststoff geforscht, damit er in Zukunft besser recycelt werden kann. Andererseits sehen wir aber auch, dass Kunststoffe immer individueller auf die Anforderungen der Industrie hin produziert werden, "smarte" Kunststoffe aus immer komplexeren Verbindungen bestehen oder mit anderen Materialien kombiniert werden - und damit kaum noch ökologisch sinnvoll zu recyceln sind.

makro: Das "normale" Plastik ist ein Erdölprodukt und zerfällt sehr langsam. Wie sieht es mit Bioplastik oder auch kompostierbarem Plastik aus? Wären das praktikable Alternativen?

Henning Wilts: Auch hier gibt es in der Forschung sehr viele Ideen, die man sich jeweils individuell genau angucken muss: Klar ist, dass wir die globale Kunststoffnachfrage nicht einfach durch biobasierte Kunststoffe werden ersetzen können, ohne massive Konflikte mit der Versorgung mit Nahrungsmitteln oder dann dem Erhalt von Regenwäldern zu bekommen. Wichtig ist natürlich auch, dass solche Kunststoffe nicht zu Mikroplastik verfallen. Trotzdem ist natürlich gerade Bioplastik aus Reststoffen in vielen Bereichen eine sinnvolle Alternative.

makro: Deutschland fühlt sich als Vorreiter der Mülltrennung, Stichwort "Grüner Punkt". Sie aber sagen, beim Recycling hätten andere Länder "fünf, sechs, sieben Jahre Vorsprung". Was ist da schiefgelaufen?

Henning Wilts: Wir haben noch immer mit die beste Recyclinginfrastruktur der Welt; gleichzeitig haben aber andere Länder deutlich vor uns begonnen, strategisch zu überlegen, wie man Abfälle so recycelt, dass sie die Industrie auch wieder einsetzen will. Nach den offiziellen Statistiken der Europäischen Kommission liegen da zum Beispiel die Niederlande mittlerweile deutlich vor uns. Bei uns wird es in vielen Bereichen sehr schwer gemacht, recycelte Materialien einzusetzen; unter anderem mit Verweis auf die Sicherheit der Konsumenten.

Dass wir als Verbraucher aber auch zunehmend vom Klimawandel oder Artensterben bedroht werden, wenn wir die Transformation zur Kreislaufwirtschaft nicht schaffen, steht dabei noch zu wenig im Fokus. Wir bräuchten eine klare Strategie, wo wir in den nächsten Jahren investieren wollen, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben und dann auch die Standards für eine tatsächlich ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft mitentwickeln zu können.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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