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Apothekerin nimmt Aspirin aus dem Regal

Gesellschaft

Lieferprobleme bei Medikamenten

"Da agieren viele pharmazeutische Unternehmer ähnlich wie Firmen der Textilindustrie", sagt Prof. Gerd Glaeske, Fachmann für Arzneimittelversorgung, gegenüber dem Wirtschaftsmagazin makro.

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Warum in einem Industrieland wie Deutschland Medikamente knapp werden, ist kaum zu fassen. Taucht man ins Thema ein, wird schnell klar: Gründe gibt es viele, einfache Lösungen keine.

Gerd Glaeske, Professor für Arzneimittelversorgungsforschung an der Uni Bremen, sagt, es würden besonders dort Produktionsstätten gesucht, wo das Lohnniveau, aber auch Genehmigungsbedingungen für die Herstellung von Wirkstoffen oder Arzneimitteln niedrig seien. Auch scheint das aus der Autoindustrie bekannte Just-in-Time-Prinzip im Arzneimittelmarkt nur bedingt zu funktionieren.

makro: Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind nicht neu. Erstaunlicherweise nehmen sie zu statt ab. Wie dramatisch ist die Lage wirklich?

Gerd Glaeske: In der Tat. Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind nicht neu. Meinen ersten wissenschaftlichen Beitrag habe ich dazu vor mehr als zehn Jahren geschrieben. Dass dieses Thema allerdings aktuell 268 Arzneimittel betrifft, deren Lieferung für die ambulante, aber insbesondere auch für die stationäre Versorgung der Patientinnen und Patienten unsicher oder nicht mehr planbar geworden ist, habe ich seinerzeit nicht vermutet.

Insbesondere die Versorgung mit speziellen Präparaten in der Anaesthesie (z.B. mit Propofol) oder in der Onkologie (z.B. mit Melphalan) ist für eine adäquate Behandlung eine wichtige Voraussetzung, Alternativen sind nur bedingt verfügbar.

Dies bedeutet insgesamt, dass die Dramatik der Lage tatsächlich zunimmt und viele Patientinnen und Patienten nicht optimal versorgt werden können. Allerdings: Nach allem, was heute bekannt ist, hat ein Lieferengpass bisher noch in keinem Fall zum Tod eines Patienten geführt.

Zur Person

  • Arzneimittelexperte Prof. Gerd Glaeske

    Arzneimittelversorgungsforscher

makro: Sind unter den gegenwärtig von Lieferengpässen betroffenen Medikamenten auch solche, die für die Behandlung des Coronavirus benötigt werden?

Gerd Glaeske: Es wäre schön, wenn wir wüssten, wie das Coronavirus mit Arzneimitteln behandelt werden könnte. Es gibt noch keinen Impfstoff und auch noch keine speziellen Arzneimittel für die Behandlung dieses für den Menschen neuartigen Virus. Und die Mittel, die eventuell bei bestimmten Symptomen eingesetzt werden könnten, die bei einer Corona-Infektion auftreten könnten - wie z.B. Fieber, Kopfschmerzen oder Halsschmerzen -, sind nach wie vor in Apotheken erhältlich.

Anders ist es mit Atemproblemen wie Kurzatmigkeit, die im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion auch zu schweren Lungenentzündungen führen können. Diese werden derzeit in Krankenhäusern durch beatmungsunterstützende Maßnahmen behandelt.

makro: Wenn es für einen Wirkstoff nur ein oder zwei Produktionsstätten auf der Welt gibt, sind Probleme programmiert. Warum kriegt der sonst so effizient Markt das nicht besser hin? Braucht es staatliche Eingriffe?

Gerd Glaeske: Hier zeigt sich die Problematik einer fortschreitenden Globalisierung einerseits verknüpft mit der Profitorientierung von pharmazeutischen Unternehmern andererseits: Es werden besonders dort Produktionsstätten gesucht, wo vor allem das Lohnniveau, aber auch Genehmigungsbedingungen für die Herstellung von Wirkstoffen oder Arzneimitteln niedrig sind.

Da agieren viele pharmazeutische Unternehmer ähnlich wie Firmen der Textilindustrie: Wenn in Deutschland ein Wettbewerb um möglichst günstige Preise existiert, werden Produzenten in Billiglohnländern gesucht, um trotz eines niedrigen Preisniveaus noch ausreichend Gewinne "einfahren" zu können. Und da bieten sich dann Länder wie Indien und China an, obwohl in der Zwischenzeit immer wieder auch Probleme mit der Qualität, der Lieferfähigkeit und der Zuverlässigkeit bekannt geworden sind.

Das Just-in-Time-Prinzip aus der Autoindustrie, das besagt, nur so viel zu produzieren, wie aktuell gebraucht wird, und diese Mengen rechtzeitig zur Verfügung zu stellen, scheint im Arzneimittelmarkt also nur bedingt zu funktionieren.

makro: In den stark vom Coronavirus betroffenen Gebieten Chinas liegen auch Produktionsstätten von Wirkstoffen. Bahnen sich hier bereits die nächsten Lieferengpässe an?

Gerd Glaeske: Wenn die Folgen der weit verbreiteten Infektionen und die Reaktionen darauf, wie z.B. die Abschottung bestimmter Städte und Regionen, in denen sich Produktionsstätten für pharmazeutische Produkte befinden (Wuhan, Hunan, Zhejiang, Henan, Hubei, Guangdong), noch Wochen andauern und auch die Produktionen, die Infrastrukturen und die Belieferungswege weiter eingeschränkt bleiben, könnte es in Folge dieser Maßnahmen auch zu weiteren Lieferengpässen kommen.

Schließlich werden in diesen Produktionsstätten auch versorgungsrelevante Mittel aus dem Bereich der Antibiotika, der Schmerzmittel, der Blutdrucksenker oder auch der Vitamine hergestellt.

makro: Die Verlagerung der Wirkstoffproduktion nach Indien und China hat Kostengründe. Das kann man Unternehmen nicht vorwerfen. Trotzdem: Ist bei teils lebenswichtigen Arzneimitteln dieses ökonomische Primat überhaupt akzeptabel?

Gerd Glaeske: Grundsätzlich darf die Qualität und Zuverlässigkeit der Arzneimittelversorgung nicht auf dem "Altar der Ökonomisierung" geopfert werden. Die Versorgung von Patientinnen und Patienten, insbesondere mit lebenswichtigen Arzneimitteln, muss immer Vorrang vor den ökonomischen Interessen von Herstellern und auch den Krankenkassen haben.

Notwendige und unverzichtbare Arzneimittel, z.B. in der Onkologie, müssen in einer adäquaten Menge vorrätig gehalten werden, damit auch chronische Behandlungen nicht unterbrochen werden müssen. Es muss also ein Ausgleich zwischen den ökonomischen Interessen im Markt und den individuellen Behandlungsnotwendigkeiten gefunden werden, wobei der letztgenannte Aspekt immer Vorrang haben muss.

makro: Die Krankenkassen haben ein Interesse an möglichst niedrigen Preisen, die Pharmaindustrie an möglichst hohen Gewinnen. Lässt sich dieses Dilemma auflösen?

Gerd Glaeske: Das geht nur über Verhandlungen und über eine klare Verteilung von Rechten und Pflichten. Die pharmazeutischen Unternehmen haben das Privileg und das Recht, in einem stabil finanzierten Markt der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) mit insgesamt 73 Mio. Versicherten ihre Produkte anzubieten.

Deutschland ist der viertgrößte Pharmamarkt weltweit mit einer "Abnahmegarantie" für 73 Mio. Menschen. Der Umsatz für die Industrie beträgt immerhin fast 35 Mrd. Euro. Mit Aufschlägen für Großhändler, Apotheken und Mehrwertsteuer kommen pro Jahr im Apothekenverkauf rund 55 Mrd. Euro für Arzneimittel zusammen, davon entfallen 40 Mrd. Euro alleine auf die GKV.

Daraus darf eine GKV auch das Recht ableiten, eine zuverlässige und ungestörte Versorgung mit Arzneimitteln erwarten zu dürfen. Wenn dies nicht der Fall ist, weil das vertraglich versprochene Produkt nicht lieferbar ist und so zusätzliche Kosten durch die Substitution mit teureren Mitteln entstehen, müssen die jeweiligen Hersteller, nicht aber die Kassen oder gar die Versicherten dafür aufkommen. Hinzu kommt die Forderung, dass Krankenkassen Verträge mit mehreren Firmen abschließen sollten, damit das Lieferrisiko nicht nur bei einem einzigen Hersteller liegt.

In der Zwischenzeit gibt es aber auch ein anderes Szenario: Bestimmte notwendige Arzneimittel werden künstlich verknappt und trotz vorhandener Lagerkapazitäten nicht mehr geliefert, weil dem Unternehmen der Preis zu niedrig erscheint. Lieferprobleme werden in Einzelfällen also auch "gemacht", um die Preise zu erhöhen.

makro: Die Lieferengpässe betreffen nicht nur Deutschland. Wie gehen andere Länder damit um? Kann man sich da etwas abschauen?

Gerd Glaeske: Die Probleme sind in der Tat in vielen Ländern ähnlich: Es wird darüber nachgedacht, eine nationale Arzneimittelreserve einzulagern wie z.B. in den Niederlanden oder auch Anreize zu schaffen, um Produktionen wieder nach Europa zu holen und damit wegen der kurzen Lieferwege und der kalkulierbaren Produktionsbedingungen mehr Sicherheit für eine zuverlässige Arzneimittelversorgung zu schaffen.

Bei uns sollen verbesserte Informationswege für drohende Lieferengpässe das Problem abschwächen. Ein wirklich wirksames Konzept ist jedoch in keinem Land zu erkennen. Interessant ist allerdings, dass manche Generika-Firmen schon damit werben, dass sie in Europa oder in Deutschland produzieren.

Grundsätzlich sollte aber die Lagerkapazität bei den Herstellern verpflichtend erhöht werden, die heutige "Sollvorschrift" für 14 Tage sollte auf eine "Mussvorschrift" für 2 bis 3 Monate im § 52 b des Arzneimittelgesetzes verändert werden.

Bei all den Veränderungen ist allerdings auch die Politik gefragt, die sich dieses Themas nun endlich angenommen hat - aber besser spät als gar nicht.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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