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2 zusammengerollte Geldscheine von US-Dollar und chinesischem Yuan stehen nebeneinander

Gesellschaft

"Wir haben ein riesiges Transparenzproblem"

China ist heute einer der größten Kreditgeber weltweit. Besonders brisant, sagt der Volkswirt Christoph Trebesch im Interview mit dem 3sat-Wirtschaftsmagazin makro, seien die Kreditbedingungen.

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makro: China vergibt viele Kredite an Entwicklungs- und Schwellenländer, weshalb immer wieder der Vorwurf laut wird, China bringe ärmere Länder gezielt in ein Abhängigkeitsverhältnis. Was ist das Neue, das Sie zu dieser Diskussion beitragen können?

Christoph Trebesch: Wir haben über mehrere Jahre einen großen Datensatz aufgebaut, der Informationen über die Kreditvergabe Chinas weltweit zusammenträgt. Wir können jetzt sehr viel präziser sagen, wie hoch die Kreditvergabe ist, wie hoch die Schulden der einzelnen Länder gegenüber China tatsächlich sind, wie hoch etwa die Zinslast ist und was die Konditionen dieser Verschuldung sind. Wir haben also ein sehr viel genaueres Bild darüber, welche Länder finanziell von China abhängig sind.

makro: Wie sehen die Verträge aus? Entsprechen sie internationalen Standards?

Trebesch: Fast alle Kredite, die China vergibt, sind staatlich gelenkt, werden also durch die Zentralregierung, Staatsunternehmen oder Staatsbanken vergeben. Anders als andere öffentliche Kreditgeber vergibt China aber den Großteil der Kredite zu Marktkonditionen, d.h. zu relativ hohen Zinsen und kurzen Laufzeiten. Die Konditionen, zu denen China Geld vergibt, sind meist ungünstiger als bei anderen öffentlichen Geldgebern wie etwa der Weltbank oder einer OECD-Regierung.

Zur Person

  • Der Volkswirt Prof. Dr. Christoph Trebesch im Interview

    Volkswirt

makro: Die Verträge enthalten viele untypische Bedingungen. Was bedeutet das konkret?

Trebesch: Kreditverträge, die China auflegt, enthalten oft ungewöhnliche Klauseln - etwa Geheimhaltungsklauseln. Das bedeutet, dass eine Regierung nicht in der Lage ist, der eigenen Bevölkerung oder internationalen Institutionen Informationen über diesen Kredit zu geben. Infolgedessen wissen wir sehr wenig über diese Kredite.

Daraus ergibt sich ein großes Transparenzproblem. Die Bürger selber können keine Informationen darüber bekommen, wie sich ihr Land gegenüber China verschuldet hat - zu welchen Konditionen, welche Sicherheiten hinterlegt sind etc. Das ist ein großes Problem.

makro: Sie sprechen auch von sogenannten Kollateralklauseln in den Verträgen. Was ist darunter zu verstehen?

Trebesch: Viele Kredite sind besichert. Wie beim Hauskauf der Kredit mit dem Haus unterlegt ist, so unterlegt China Kredite häufig mit Ressourceneinnahmen, z.B. aus Öl- oder Kupferexporten. Dies soll die Rückzahlung garantieren. Für den Fall von Zahlungsproblemen lässt sich China in den Vertrag schreiben, dass die Rückzahlung beispielsweise durch Öl erfolgt. Das ist im internationalen Vergleich, gerade für einen öffentlichen Kreditgeber, sehr ungewöhnlich.

makro: Was macht diese chinesischen Kredite so brisant?

Trebesch: Durch die Geheimhaltungsklauseln und fehlende Daten wissen wir einfach kaum etwas über die riesigen Kreditsummen, die China an Entwicklungs- und Schwellenländer vergibt. Das macht es schwer - für die Öffentlichkeit wie für Investoren -, Länderrisiken abzuschätzen. Wir haben in unserer Studie herausgefunden, dass die Kreditvergabe Chinas sehr viel höher ist als angenommen. Ein Vergleich mit den aus gängigen Datenbanken bekannten Schuldenständen ergibt, dass etwa die Hälfte der tatsächlich vergebenen Kredite nicht öffentlich bekannt ist. Wir sprechen hier von versteckten Schulden.

Für die Finanzstabilität eines Landes jedoch, ist es absolut fundamental, zu wissen, wie hoch die Schulden wirklich sind und wie die Konditionen dieser Verschuldung aussehen. Das ist im Falle der chinesischen Kredite einfach nicht gegeben. Wir haben also ein riesiges Transparenzproblem.

makro: Schauen wir uns mal konkret ein Land an. Was wissen Sie über die Verträge mit Ecuador?

Trebesch: Ecuador hat sich in großem Stil bei China verschuldet. Die Kredite haben zum einen sehr hohe Zinsen: 6 bis 7 Prozent, also marktübliche Konditionen. Zum anderen sind diese aus Chinas Sicht ohnehin lukrativen Kredite noch mit Ölexporten besichert. Ecuador hat sich vertraglich verpflichtet, in den nächsten Jahren einen Teil seiner Öleinnahmen direkt an China weiterzuleiten, um die Kredite zu bedienen. Diese Kombination soll sicherstellen: Egal was passiert - an China wird zurückgezahlt.

makro: Gibt es weitere Beispiele?

Trebesch: Kenia hat sich ebenfalls hoch gegenüber China verschuldet. Infrastrukturprojekte, z.B. eine wichtige Bahnlinie, wurden von China gebaut. Das Problem dabei ist: Hier sind die Verträge so aufgesetzt, dass es China rein theoretisch möglich wäre, Staatseigentum Kenias zu pfänden. Man denke etwa an den kenianischen Hafen oder andere große Infrastrukturen.

Und auch in Kenia gibt es das Problem der Geheimhaltungsklauseln. China verlangt, dass der Inhalt der Verträge nicht an die Öffentlichkeit gerät. Im Streitfall ist vertraglich zugesichert, dass die Schiedsgerichtsbarkeit in Peking ansässig ist. Das wirft natürlich viele Fragen auf. Man hätte auch den Standort London wählen können.

makro: Kommen wir zu den Folgen dieser Art von Vertragswerken. Was bedeutet das für die Schuldnerländer?

Trebesch: Die Bürger des Landes selber erfahren nicht, wie sich ihre Regierung oder die Staatsunternehmen gegenüber China verschuldet haben, was für Konditionen vereinbart und was für Sicherheiten hinterlegt sind. Damit entsteht ein großes Transparenz- und Rechenschaftsproblem.

Zum anderen hat sich, bedingt durch ungünstige Zinskonditionen, über die Jahre oft eine hohe Schuldenrückzahlungslast aufgebaut. Zum dritten sind die Verträge so aufgesetzt, dass es China rein theoretisch möglich sein könnte, Staatseigentum zu pfänden - etwa Häfen oder andere öffentliche Infrastruktur.

makro: Was geschieht mit kreditnehmenden Ländern, wenn Chinas Wirtschaft stärker unter Druck gerät? Droht die Insolvenz?

Trebesch: Ein großes Risiko ist nicht etwa, dass China immer weitere Kredite vergibt, sondern eher, dass es sich von der internationalen Kreditvergabe zurückzieht. Wir sehen in den Daten, dass China besonders dann viele Kredite vergibt, wenn das Wirtschaftswachstum hoch ist. In den letzten Jahren ist das Wachstum zurückgegangen. Parallel dazu sehen wir einen langsamen Rückzug Chinas vom internationalen Kapitalmarkt.

Das könnte für die besonders verschuldeten Länder zu großen Problemen führen. Sie hätten Schwierigkeiten fällige Schulden zu refinanzieren, also an frisches Geld zu kommen wenn China keine neuen Kredite mehr vergibt. Die Folge könnten Zahlungsausfälle und Schuldenkrisen sein.

makro: Welche Länder oder Regionen wären davon besonders betroffen?

Trebesch: Besonders betroffen sind etwa zwei bis drei Dutzend Entwicklungsländer in Afrika, einzelne asiatische Staaten in der Peripherie Chinas, aber auch in Südamerika. Diese Länder haben sich besonders stark gegenüber China verschuldet. Wenn China sich vom internationalen Kapitalmarkt zurückzöge, dann hätten diese Länder besonders große Probleme, an frisches Geld zu kommen und sich zu refinanzieren.

makro: Könnte China am Ende doch auf Krediten sitzenbleiben?

Trebesch: China ist mit dieser massiven Kreditvergabe natürlich auch hohe Risiken eingegangen. Zwar sind die Verträge so gestaltet, dass eine Rückzahlung wahrscheinlicher ist als gegenüber anderen Gläubigern. Da heißt aber nicht, dass die Rückzahlung immer garantiert ist. Angesichts der Volumina, die da geflossen sind, liegen schon erhebliche Risiken in den Bilanzen chinesischer Staatsbanken. Wenn es zu einer schweren Krise in Schwellen- und Entwicklungsländern käme, wären große Verluste auf chinesischer Seite sicherlich nicht auszuschließen.

Das Interview führte Eva Schmidt.

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