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Christine Lagarde, designierte Präsidentin der EZB, neben dem scheidenden Amtsinhaber Mario Draghi auf dessen Abschiedsveranstaltung.

Gesellschaft

Nullzinspolitik: "Das ist auch richtig so"

Die Zinspolitik der EZB ist bei deutschen Sparern höchst unbeliebt. Der Volkswirt Christian Proaño erklärt gegenüber dem 3sat-Wirtschaftsmagazin makro, warum er sie trotzdem für gut und richtig hält.

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Mit Blick auf maue Renditen auf Sparkonten überkommt den deutschen Sparer ein heiliger Zorn auf die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Von einer Enteignung der Sparer zugunsten der Schuldenmacher - seien es Staaten oder auch Unternehmen - ist die Rede. Auch unter Ökonomen ist der EZB-Kurs, der Europas Wirtschaft wieder in Schwung bringen soll, höchst umstritten.

Der Volkswirt Christian Proaño von der Uni Bamberg verteidigt die Niedrigzinspolitik - aus makroökonomischen Gründen und aus Solidarität mit wirtschaftlich schwächeren Eurozonen-Mitgliedern. Den unerwünschten Nebenwirkungen der Niedrigzinspolitik, z.B. wachsende Risiken im Finanzsystem, möchte er mit mehr staatlicher Regulierung begegnen.

makro: In Deutschland hört man immer wieder die Klage, mit ihrer Niedrigzinspolitik enteigne die EZB den Sparer. Können Sie diese Klage überhaupt noch hören?

Christian Proaño: Nein, nicht mehr, denn diese Klage ist aus verschiedenen Blickwinkeln nicht berechtigt. Zu verlangen, dass die EZB die deutschen Sparer als Hauptadressaten ihrer Politik betrachtet, während die Arbeitslosigkeitsraten in vielen anderen Ländern des Euroraums weiterhin auf einem hohen Niveau beharren, ist weit weg vom europäischen Solidaritätsgedanken, und makroökonomisch betrachtet schlichtweg falsch.

Die EZB versucht durch ihre Niedrigzinspolitik, die Gesamtnachfrage im gesamten Euroraum zu stimulieren. Davon profitiert Deutschland besonders, denn wenn die Wirtschaft in den anderen Ländern gut läuft, ist die Nachfrage nach deutschen Produkten hoch, was Arbeitsplätze in Deutschland schafft oder zumindest erhält.

Die deutschen Sparer, die vermeintlich durch die EZB-Zinspolitik enteignet werden, werden auf der anderen Seite durch die Erhaltung von deren Arbeitsplätzen unterstützt, was sicher den größeren Vorteil darstellt. Und außerdem: Die Niedrigzinsen der letzten Jahren haben für viele Leute, sowohl in Deutschland als auch in anderen Euroländern, den Erwerb von Eigenheimen ermöglicht.

Zur Person

  • Volkswirt Prof. Christian Proano

    Volkswirt, Universität Bamberg

makro: Die Inflation im Euro-Raum ist weiterhin niedrig. Hätte die EZB überhaupt eine andere Wahl?

Christian Proaño: Sowohl die gegenwärtige Inflation als auch die Inflationserwartungen sind weiterhin niedrig - nicht wegen einer falschen, sondern trotz einer richtigen Zinspolitik. Die Inflation ist niedrig aufgrund eines erhöhten globalen Wettbewerbs sowie wegen der weiterhin schleppenden Wirtschaftsaktivität in einigen europäischen Ländern.

Eine Erhöhung der Zinsen von Seiten der EZB würde genau das Gegenteil bewirken, nämlich die Wirtschaftsaktivität in vielen Euroländern wieder abwürgen, was die Inflation weiter nach unten drücken würde.

makro: Wie würde denn eine Euro-Zone mit höheren Zinsen aussehen?

Christian Proaño: Deutlich schlechter, aus verschiedenen Gründen. Beispielsweise würden höhere Zinsen in der Eurozone bei niedrigen Zinsen in anderen Ländern wahrscheinlich zu einer Aufwertung des Euro führen. Ein teurer Euro wiederum würde die Wettbewerbsfähigkeit aller Euroländer beeinträchtigen und ihre Exporte in den Rest der Welt verringern.

Die EZB sollte ihren Leitzins erst erhöhen, wenn die tatsächlichen Inflationsraten - und nicht nur die Inflationserwartungen - im gesamten Euroraum hinreichend hoch sind. Und von dieser Situation sind wir noch weit entfernt.

makro: Sie haben die Auswirkungen der Niedrigzinspolitik untersucht. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Christian Proaño: Wenn die Banken eine bestimmte Rendite für Ihr Portfolio realisieren wollen, aber die versprochene Rendite von eher sicheren Anlagemöglichkeiten für eine längere Zeit auf niedrigem Niveau verharrt, ist es aus Sicht der Banken die richtige Strategie, in riskantere Anlagen zu investieren.

Was für eine einzelne Bank richtig oder erstrebenswert ist, kann jedoch zu einer erhöhten Fragilität des gesamten Finanzsystems führen. Empirische Studien zeigen, dass dies tatsächlich der Fall ist. Daher ist eine strengere Banken- und Finanzmarktregulierung umso wichtiger, um diese negative Entwicklung einzudämmen.

makro: Mit dem Antritt von Christine Lagarde wurde an die Unabhängigkeit der EZB appelliert. Gleichzeitig bekommt sie insbesondere von deutschen Politikern den Tipp, doch endlich Mal die Zinsen zu erhöhen. Wie blicken Sie auf diese Debatte?

Christian Proaño: Die Unabhängigkeit der EZB trägt maßgeblich zu deren Glaubwürdigkeit bei. Und Glaubwürdigkeit ist etwas, das sehr schwer aufzubauen ist, aber sehr leicht verloren werden kann. Es ist davon auszugehen, dass Frau Lagarde die von Draghi eingeführte Niedrigzinspolitik zumindest in der nahen Zukunft fortführen wird, und das ist auch richtig so, solange der gesamteuropäische makroökonomische Ausblick durch den Handelskrieg zwischen den USA und China und der noch ungelösten Brexit-Frage gedämpft ist.

Ich finde, dass die Politiker, die solche Tipps an Frau Lagarde abgeben, makroökonomischer und europäischer denken und handeln sollten, anstatt die Unabhängigkeit der EZB zu untergraben. Sie könnten z.B. der deutschen Regierung den Tipp geben, sich endlich von der schwarzen Null zu verabschieden und mit einem grünen Investitionsprogramm nicht nur diese, sondern auch die zukünftigen Generationen von Europäern unterstützen.

Das Interview führte Eva Schmidt.

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