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Luftaufnahme eines herbstlichen Mischwaldes

Gesellschaft

"Vor allem die Fichte leidet"

Dem Wald geht es schlecht, der Klimawandel setzt ihm zu. Hält der Dauerstress für den Wald an, sei völlig unklar, "welche Baumart es in 50 Jahren hier noch aushält", sagt der Forstexperte Bertram Leder gegenüber dem Wirtschaftsmagazin makro.

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makro: Müssen wir uns an den traurigen Anblick toter Bäume in unseren Wäldern gewöhnen?

Bertram Leder: Nein. Der Klimawandel stellt die Wälder und die Waldbesitzenden vor eine große Herausforderung. Extreme Trockenheit, Hitze, Stürme und anschließende Borkenkäferkalamitäten lassen die Bäume absterben. Vor allem die Nadelbaumart Fichte leidet.

Weil die Umweltveränderungen auf etablierte Waldökosysteme treffen, sind jedoch die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald schwierig abzuschätzen. Zur Zeit ändern sich die Rahmenbedingungen: Bisher langfristig stabile Standorte ändern sich, bestimmte Baumarten breiten sich aus, andere Baumarten werden zurückgedrängt, wie z.B. die Fichte in NRW.

In der Vergangenheit haben über lange Zeiträume Anpassungsvorgänge unserer Baumarten an die bisherigen Umweltbedingungen stattgefunden. Zukünftig finden neue Anpassungsprozesse statt, und dies in kürzeren Zeiträumen. Diese Veränderungen können zu einer Veränderung der Arten-, Alters- und Raumstruktur unserer Wälder führen.

Veränderungen der Lebensbedingungen stellen an das Anpassungsvermögen von Waldbäumen hohe Anforderungen. Eine Waldbaumart hat ein hohes Anpassungsvermögen, wenn sie z.B. eine hohe genetische Vielfalt aufweist, eine Toleranz für suboptimale Klimaverhältnisse zeigt, frühe, häufige, ergiebige Samenbildung und eine breite ökologische Amplitude besitzt.

Gute Wurzelausbildung (Verankerung), rasche Besiedlung von Freiflächen, geringe Gefährdung durch Feinde (Wildverbiss etc.), rasches Jugendwachstum und hohe Regenerationsfähigkeit sind weitere Kriterien zur Beurteilung des Anpassungsvermögens von Baumarten an den Klimawandel.

Zur Person

  • Der Forstwissenschaftler Bertram Leder

    Forstwissenschaftler, Wald und Holz NRW

makro: Es gibt unter Forstleuten zwei Denkschulen: Die einen propagieren die Selbstregeneration des Waldes, die anderen aktives Eingreifen und Aufforsten. Was ist sinnvoller?

Leder: Der goldene Mittelweg: Modernes Waldmanagement nutzt die Vorteile der natürlichen Störungsdynamik. Voraussetzung dieser waldbaulichen Strategie - adaptives Waldmanagement - ist es, dass eine natürliche Verjüngung, die Selbstregeneration a) überhaupt stattfindet und b) sich entwickeln kann. Dabei ist zielorientiertes Vorgehen nur dann möglich, wenn neben anderen verjüngungsökologischen Einflussfaktoren der vorhandene Wilddruck dies zulässt.

Ist standortgerechte Verjüngung nicht zu erwarten (fehlende Samenbäume), kann durch gezielte und selektive Pflanzung Baumartendiversität erreicht werden. Andererseits kann durch aktives Eingreifen die Vitalität der Bäume gesteigert werden. Dies zeigen z.B. bestimmte Durchforstungsmodelle, die auf Baumartendiversität zur Risikovorsorge, schnelleres und vitaleres Wachstum gerichtet sind.

makro: Welche hitze- und dürreresistente Baumarten brauchen wir, damit unsere Wälder überleben?

Leder: Vor dem Hintergrund des dramatischen Zustands heimischer Wälder ist es Ziel, "klimastabile" Mischwälder zu erziehen bzw. zu begründen. Dabei ist eine Beimischung neuer Baumarten eine Option. Allerdings ist es noch nicht klar, welche Baumarten den Klimawandel mitmachen. Auch ist völlig unklar - sollte der Dauerstress für den Wald anhalten -, welche Baumart es in 50 Jahren hier noch aushält.

Eine zukunftsorientierte, naturnahe Waldwirtschaft hat zunächst diejenigen heimischen Baumarten im Fokus, die im Klimawandel an Konkurrenzkraft gewinnen. Das sind die trockenheits- und hitzetoleranten Baumarten wie die bisher seltenen heimischen Baumarten (z.B. Sorbus-Arten, Wildobst, Nuss) und die Baumarten mit breiter ökologischer Amplitude, Pionierbaumarten (z.B. Birke, Vogelbeere, Aspe, Erle, Lärche, Kiefer).

Auch werden die wärmeliebenden Arten und Arten, die auf warmtrockene Standorte spezialisiert sind, an Konkurrenzkraft gewinnen (Elsbeere, Mehlbeere, Feldahorn, Traubeneiche, Hainbuche, Winterlinde, Robinie, Roteiche, Esskastanie, Nussarten, Kiefer).

Heimische Baumarten anderer europäischer Herkunft werden in Zukunft vermutlich eine größere Rolle spielen. Hier gilt der Grundsatz: Ausnutzen der genetischen Variation unserer heimischen Baumarten mit vermutlich unterschiedlicher Klimaanpassung (z. B. slavonische Stieleiche).

Alt-eingeführte Baumarten geben deutliche Fingerzeige z.B. in Gebieten, wo sie aufgrund ihrer größeren Amplitude im Vergleich zur aktuellen Bestockung eine besondere Eignung und Anpassungsfähigkeit aufweisen (Douglasie, Küstentanne, Roteiche).

Anbauversuche, erste Praxisversuche und Auswertungen zu waldbaulich-ökologischen und klimawandelrelevante Kriterien mithilfe einer multikriteriellen Analyse inklusive der Gewichtung von Risiken, Ökosystemleistungen und Ertrag zeigen auf, welche neuen eingeführte Baumarten (z.B. Tulpenbaum, Baumhasel, Edelkastanie, lindenblättrige Birke. Riesenlebensbaum, Schwarzkiefer) Chancen im Klimawandel haben.

makro: Schauen wir einmal auf die Alpen oder andere Regionen Europas. Wie geht es dem Wald dort?

Leder: Europa ist zu mehr als einem Drittel mit Wald bedeckt. Seit 1984 erfassen Forstwissenschaftler jährlich den Zustand des deutschen Waldes (Waldzustandserhebung). Aussagen über die Entwicklung des Kronenzustandes der vier Hauptbaumarten Eiche, Buche, Fichte und Kiefer stellen die Hauptergebnisse dieser Untersuchungen dar. Dadurch hat man umfangreiche Informationen über den Gesundheitszustand des Waldes.

Das Ergebnis der ersten Walduntersuchung im Jahr 1984 dokumentierte, dass über die Hälfte (ca. 55%) der Bäume in der Bundesrepublik Deutschland als krank eingestuft wurden. In besonderem Maße waren die Nadelbäume betroffen, die Tanne war die am stärksten geschädigte Baumart.

Im Durchschnitt aller Baumarten war der Kronenzustand noch nie so schlecht wie 2019. Bei der Fichte ist der Anteil der deutlichen Kronenverlichtungen auf 36 Prozent gestiegen. Besonders hohe Schäden wurden in Osteuropa festgestellt; z. B. in der Ukraine, Bulgarien und der Tschechischen Republik. Flächig absterbende Wälder gab es dort vor allem in höheren Gebirgslagen. In den Bergwäldern der bayrischen Alpen treten starke Schäden auf. Als mögliche Ursache für den schlechten Waldzustand im Alpenraum wird die hohe Ozonbelastung diskutiert sowie die extremen Standortbedingungen.

makro: Was passiert mit dem ganzen Holz, das nun notgedrungen geschlagen wird? Man kann ja nicht alles nach China exportieren!

Leder: Durch das Überangebot an Käferholz ist der Preis am Markt für die Waldbesitzenden katastrophal. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise nimmt die Käferkatastrophe weiter ihren Lauf. Waldbesitzer melden Höchststände beim Schadholz und nie dagewesene Situationen. Die Preise erreichen neue Tiefststände für frisches Käferholz. Noch weniger gibt es für älteres Käferholz.

Neben der "Überversorgung" der Sägewerke sind Möglichkeiten zur holzenergetischen Nutzung des Holzes (Hackschnitzel zur Energiegewinnung) eine Option besonders dann, wenn dadurch z.B. weniger Braunkohle genutzt wird. Aber auch Möglichkeiten der kurz- bis mittelfristigen Lagerung von Käferholz (Trockenlagerung, Naßlagerung, Holzkonservierung durch Folienlager) sind zumindest für wertvollere Holzsortimente auszunutzen mit dem Ziel, dass sich der Holzmarkt in 3-5 Jahren wieder verbessert hat.

Nicht mehr forstschutzrelevantes, stehendes Käferholz, sogenannte Fichten-Dürrständer, kann in dieser extremen Ausnahme- und Notsituation auch für das zukünftige waldbauliche Handeln einbezogen werden. Durch das Stehenlassen der Fichten-Dürrständer kann noch über eine gewisse Zeit Strahlungsschutz, Erosionsschutz etc. für den Folgebestand erreicht werden. Unter Beachtung aller Aspekte der Arbeitssicherheit kann z.B. durch Pflanzungen am Saum oder in Bestandeslöchern ein Baumartenwechsel auch mit Schattbaumarten (Buche, Weisstanne) eingeleitet werden.

makro: Eröffnet der reichlich vorhandene und günstige Rohstoff neue Anwendungszwecke, z.B. eine Wiederentdeckung von Holz als Baumaterial?

Leder: Das Bauen mit Holz ist eine vernünftige Antwort auf den globalen Klimawandel. Der natürliche Werkstoff hat als nachwachsender Bau- und Rohstoff große ökologische und klimapolitische Bedeutung. Mit Inkrafttreten der neuen Wohnraumförderung im Februar 2020 wird das Bauen mit Holz für private Bauherren in beträchtlichem Maß gefördert. Das Land NRW will damit Holz als klimafreundlichen Baustoff weiter nach vorn bringen. Dazu tragen auch die Erleichterungen in der Landesbauordnung bei, wie es sie auch in anderen Bundesländern gegeben hat.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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