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Zwei junge Frauen betrachten das Säulenportal der New York Stock Exchange an der Wall Street.

Gesellschaft

TikTok, Reddit, Robinhood: Die Barbaren vor den Toren

Die Wall Street, der Tempel des Geldes, steht vor einer neuen Herausforderung. Sie kommt aus einer Richtung, aus der nun wirklich niemand Störfeuer erwartet hätte: Aus der Zukunft!

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Von Carsten Meyer

Vielleicht hätte man in der Finanzwelt dieses Buch lesen sollen. Niall Ferguson, der Wirtschaftshistoriker, hat es geschrieben, vor ein paar Jahren schon. In "Türme und Plätze" (Original: The Square and the Tower) analysiert er die Macht von Netzwerken und ihren Einfluss auf den Lauf der Dinge.

Die Grundthese: Es stehen die egalitären, horizontalen Netzwerke der Vielen (die Leute auf den Plätzen) gegen die hierarchischen, straff organisierten Netzwerke der Macht (die Türme). In der Regel beherrschen die Türme die Plätze.

Doch gelegentlich gerät diese Konstellation ins Wanken - zum Beispiel durch bedeutende technologische Entwicklungen - und die Dinge sortieren sich neu. Die Erfindung des Buchdruckes sei ein solcher Auslöser gewesen, so Ferguson, weil es Wissen unter die Leute brachte. Das Internet ist ein weiterer.

Plattformökonomie, der große Gleichmacher

Die Türme der Banken, um im Bild zu bleiben, hatten uneingeschränkt das Sagen über die Kunden auf den Plätzen. Bisher.

Klar, der Sturm der Digitalisierung, der seit Jahren über eine Branche nach der nächsten fegt, hat auch in der Finanzbranche einiges durcheinandergewirbelt. Und dennoch: Verglichen mit dem Einzelhandel (an die Wand gedrückt durch Amazon), der Hotellerie (herausgefordert durch AirBnB), den Taxibetreibern (Uber) oder Zeitungsverlagen (für "lau" im Internet), mithin also allen Geschäftsmodellen, die sich der neuen Plattformökonomie - also Netzwerken! - erwehren müssen, war die Finanzbranche so etwas wie eine Festungsturm in einer Welt des Umbruchs.

Die Demokratisierung der Finanzen

Auftritt Robinhood.

Vlad Tenev und sein Kumpel Baiju Bhatt sind der Meinung, "Geldanlegen sollte so einfach sein wie online shopping". Oder Musik hören bei Spotify, daten bei Tinder, stöbern auf Pinterest. Sie schufen eine Trading-Plattform: Robinhood. Das Markenzeichen: keine Gebühren.

"Keine Gebühren" ist ein Konzept, das in der Finanzbranche einigermaßen unerhört ist. Alles andere als unerhört jedoch bei jungen Leuten - Millennials und Generation Z -, die mit einem Smartphone in der Hand in einer "for free"-Welt aufgewachsen sind. In einer Welt sozialer Netzwerke.

"Dies ist kein Reiche-Leute-Spiel mehr. Jeder kann es spielen", sagt Douglas Boneparth, Gründer des New Yorker Finanzberaters Bone Fide Wealth. Zwar liegt der durchschnittliche Kontostand der Robinhooder nur bei 240 Dollar - eine Größenordnung weitgehend ignoriert von den Leuten in den Türmen. Aber es sind viele. Das bringt - informiert, instruiert und organisiert - ein potentes Netzwerk auf den Platz.

Der Aufstieg der #finfluencer

Um die klassischen Strukturen der Branche macht die Generation der Robinhooder tendenziell einen Bogen - und trifft sich vielmehr dort, wo man sich sonst auch trifft: auf Social-Media-Plattformen. Videoportale wie Youtube oder TikTok, als horizontale Netzwerke schon strukturell eine Antithese zu den Türmen, treffen offenbar den Ton. Hashtags zu Finanzen trenden ziemlich weit oben, noch vor #Cooking oder #HealthTips.

Finfluencer - ja, die gibt es wirklich! - geben Tips (sehr unterschiedlicher Güte) und erklären den Usern die Welt des Geldes. Die Clips sehen aus und fühlen sich an wie all die anderen Influencer-Videos zu Makeup, Klamotten oder Wohnzimmer-Deko. Sie folgen den gleichen Regeln.

Organisiert und instruiert wird auch in Online-Communities auf Reddit oder Discord. Mitunter auch zum Sturm auf die Türme. Entgegen der bei Finanzprofis gepflegten Meinung sind hier nicht nur Ahnungslose unterwegs. Zumindest die Wortführer kennen sich aus, sind teils selbst ehemalige Profis. "Die sind nicht ein Haufen Dummköpfe, die mit anderen Dummköpfen reden", stellt Jim Bianco klar, Gründer der Investmentfirma Bianco Research.

Türme und Plätze

White Square Capital, einen Londoner Hedgefons, hat der Sturm der Social-Media-Crowd auf sogenannte Meme-Aktien - auch das gibt es heute! - wie Gamestop und AMC die Existenz gekostet. Viele andere institutionelle Investoren haben viele Milliarden verloren.

Da muss man jetzt nicht weinen. Trotzdem: Ob die neue Macht der Leute auf den Plätzen unterm Strich ein Gewinn sein wird, auch für sie selbst, ist keineswegs klar - wie jeder nachempfinden kann, der schon mal von der zerstörerischen Kraft eines Shitstorms niedergemacht wurde.

Vielleicht werden die Finanz-Türme ihre Macht behalten, weil sie stark sind oder flexibel oder klug. Vielleicht werden die Leute von den Plätzen in die Türme einziehen. Vermutlich werden junge FinTech-Firmen wie SoFi oder Square, die aus der Macht der Netzwerke ihr Geschäftsmodell formen, ihre eigenen Türme bauen.

Sicher scheint indes aus Niall Fergusons Blick in die Geschichte: Durch die Technologie-Revolution werden auch in der Finanzwelt die Karten neu gemischt. Und dabei, betont Jim Bianco, könne man die Wirkmacht von Online-Communities und Social Media auf die Märkte gar nicht überschätzen.

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