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Ölförderanlage vor düsteren Wolken

Gesellschaft

Ölpreiscrash: "Jetzt werden viele Fracker aufgeben müssen"

Der Corona-Schock erreicht den Ölmarkt - und zeigt, wie sehr die Welt aus den Fugen geraten ist. Das Wirtschaftsmagazin makro sprach mit Bernhard M. Klinzing über die Konsequenzen.

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Niedrigster Ölpreis seit Jahrzehnten, stärkster Nachfrageeinbruch, größte Ölschwemme - an Superlativen ist kein Mangel. Wenn ein Virus auf die mit Brutalo-Methoden verfolgten Interessen der wichtigsten Ölfördernationen trifft, entsteht ein Gebräu, dass die Weltwirtschaft auf die Bretter schickt. Und es stellen sich Fragen, die man noch vor zwei Monaten für absurd gehalten hätte. Rohstoffexperte Bernhard Klinzing vom Frankfurter Börsenbrief sagt, eine Pleitewelle sei unvermeidbar.

makro: An negative Zinsen haben wir uns gewöhnt. Jetzt sehen wir negative Preise beim Öl. Ist die Welt verrückt geworden?

Bernhard M. Klinzing: Mindestens turbulent. Die Kapriolen beim Öl sind ein Novum, das einzuordnen ist und mit den Besonderheiten des Rohstoffhandels zu tun hat. Den Einbruch auf minus 37 Dollar pro Barrel gab es nur beim im Mai fälligen Termin-Kontrakt für die amerikanische Ölsorte "West Texas Intermediate" (WTI). Der Kontrakt zeigte zum letzten Handelstag diesen Absturz, weil jeder verkaufen musste, der keine physische Lieferung von Öl haben wollte.

Die Termin-Kontrakte für August oder November notieren sehr deutlich im Plus. Auch der Umstand, dass die Preise für die Nordsee-Ölsorte Brent nur wenige Prozent nachgaben, zeigt, dass wir es hier mit einer Anomalie zu tun hatten.

WTI wird in Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma aufbewahrt, wo die Lager-Kapazitäten erschöpft sind. Tatsächlich wurden aber in dieser Woche auch einige physische Öl-Lieferungen aus Texas mit minus zwei Dollar gehandelt.

Zur Person

  • Bernhard Klinzing, Chefredakteur des Frankfurter Börsenbriefs, beim Interview im makro-Studio

    Frankfurter Börsenbrief

makro: Wo "parkt" die Branche das überflüssige Öl?

Klinzing: Saudi-Arabien hat gerade eine große Flotte an Tankern gechartert. Gleiches machen auch viele Spekulanten, um das Öl später "auf Termin" zu verkaufen. Das kostet zwar einen sechsstelligen Dollarbetrag pro Tag, je nach Größe des Tankers. Wenn aber die Preise für Öl zur Lieferung im Juni oder September mehr als acht Dollar über dem aktuellen Preis liegen, lohnt sich dieses Geschäft.

Trotzdem ist die physische Nachfrage beispielsweise von Raffinerien derzeit so niedrig, dass die Produzenten kaum wissen, wohin mit dem Öl. In der Regel ist es immer noch günstiger, Öl unter Herstellungskosten zu verkaufen als die Produktion zu stoppen und später bei auskömmlicheren Preisen wieder hochfahren zu müssen. So wird das Öl von Zügen über Pipelines bis zu buchstäblich jeder Vase, die sich irgendwo auftreiben lässt, zwischengelagert.

makro: Viele Ölfirmen sind hochverschuldet. Ein Risiko für Banken und Finanzsystem?

Klinzing: Trotz der sehr umfangreichen Hilfen der Notenbanken und Finanzminister wird eine Pleitewelle in sehr vielen Branchen unvermeidbar sein. Ein Überspringen auf den Finanzsektor ist zwangsläufig. Aus Anlegersicht würde ich Banken derzeit nicht mit der Kneifzange anfassen.

Gesellschaft -

Abschied vom Öl?

Das Ende des fossilen Zeitalters rückt näher. Weltweit setzen Klimaschutzvorhaben die Öl- und Gasbranche unter Druck. Kommt der Abschied vom Öl?

makro: Sind Ölfirmen systemrelevant? Braucht "Big Oil" bald einen Bailout?

Klinzing: Ein direkter Bailout, wie 2008 bei Banken und jetzt bei Airlines, ist nicht angezeigt. Zumindest in den USA jedoch haben die Firmen eine mächtige Lobby. US-Präsident Trump war schon vor Wochen unterwegs, um die zerstrittenen Partner in der OPEC+ - das sind im Wesentlichen die OPEC und Russland - zu einer Förderkürzung zu bewegen.

Wenn man weiß, wie schlecht die Stimmung zwischen Russland und Saudi-Arabien derzeit ist, muss Trump gewaltig gedroht, geworben oder bezahlt haben, dass es zu der Kürzung um 10 Mio. Barrel/Tag kam.

makro: Den Ölpreiseinbruch 2014 haben die Fracker in den USA gut überstanden. Sind sie jetzt am Ende?

Klinzing: Das Problem - wie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen derzeit auch - ist die Geschwindigkeit des Absturzes. So eine Schieferbohrung ist in der Regel auf maximal drei Jahre angelegt und wird revolvierend finanziert. Das heißt, die Förderung aus der einen Bohrung bezahlt den nächsten Stich.

Bisher war der Ölpreis-Rückgang sehr gut durch Effizienzgewinne aufzufangen, die Förderung wurde Quartal für Quartal billiger. Zudem hat sich die Struktur gewandelt. Es hat eine Verschiebung der Gewichte im Markt von den tausenden kleinen Familienbetrieben hin zu den großen Konzernen mit ihren Skaleneffekten stattgefunden. Trotzdem: Jetzt werden viele Fracker aufgeben müssen.

makro: Nach der Corona-Krise wird nicht alles wieder so sein wie früher. Was bedeutet das für die Zukunft des Ölbedarfs?

Klinzing: Der Verkehrssektor steht für ca. 58% der Ölnachfrage. Wenn auch in Post-Corona-Zeiten Videokonferenzen Flüge ersetzen, der Weg zur Arbeit durch Homeoffice erspart, uns "Flugscham" und die Ächtung von Kreuzfahrten erhalten bleiben, könnte sich der Trend zu immer weniger Verbrauch verstärken.

Bisher war davon auszugehen, dass die Einsparungen hier und im energieeffizienten Wohnen durch den wachsenden Bedarf der Petrochemie, z.B. für Kunststoffe, überkompensiert würde. Wie stark der Plastikhunger aus der weltweiten Wohlstandsmehrung unter den Folgen von Corona leidet, ist kaum zu prognostizieren.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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