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Roboter fertigen Solarmodule der Heckert-Gruppe

Gesellschaft

Comeback der deutschen Solarindustrie?

Die deutsche Solarproduktion gilt als tot. Seit Jahren schon. Doch Prof. Andreas Bett ist sich da nicht so sicher. Im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin makro erklärt der Branchenexperte, warum sich gerade der Wind dreht.

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Die einst stolze deutsche Solarindustrie mit Unternehmen wie Solarworld oder Q-Cells ist längst Geschichte - von chinesischen Firmen in hartem Preiskampf aus dem Spiel genommen. Seither dominieren asiatische Produzenten den Markt von Solarzellen und -modulen.

Doch neuerdings mehren sich Pläne, wieder eine Produktion in Deutschland aufzubauen: Meyer Burger, ein schweizerischer Maschinenbauer, der seine Solartechnologie in alle Welt verkauft, möchte in die eigene Produktion einsteigen - im sächsischen Freiberg. Der norwegische Solarkonzern REC plant die Fertigung von Zellen und Modulen im Saarland.

Die Kostenstruktur in der Produktion scheint den europäischen Standort wieder attraktiver zu machen und die Vorteile Chinas zu reduzieren. Auch die Abhängigkeit von langen Lieferketten spielt eine Rolle. Doch ist die Sache mehr als ein Hirngespinst?

makro: Im Sport sagt man: "They never come back!" Warum sollte es in der Solarindustrie anders sein?

Andreas Bett: Auch beim Sport gilt keine Aussage zu 100% - und manche kommen zurück. Für die Solarenergie besteht eine gute Chance, dass dies passiert, auch wenn es kein Selbstläufer werden wird. Die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahren geändert. Insbesondere durch Entwicklungen in der chinesischen Massenproduktion - übrigens zum großen Teil aufbauend auf europäischer Technologie - sind die Herstellungskosten massiv gesunken. In den letzten fünf Jahren mehr als 60%.

Der Automatisierungsgrad wurde deutlich erhöht. Unsere kürzlich am Fraunhofer ISE veröffentlichte Studie zeigt, dass der Personalkostenanteil nur noch sehr klein ist. Andererseits sind die Logistikkosten für den Transport eines Moduls nach Europa gleich geblieben. Sie waren vor Jahren in der Gesamtstruktur vernachlässigbar klein, tragen heute aber bis zu 10% der Kosten eines Photovoltaik-Moduls bei. Damit lohnt sich eine lokale Produktion.

Schließlich sei noch genannt, dass durch die Coronakrise das Bewusstsein hinsichtlich Lieferketten-Abhängigkeiten gewachsen ist. Gerade im Energiesektor sollte eine vollständige Abhängigkeit vermieden werden. Die Abnehmer der Module sind an stabilen Lieferbeziehungen interessiert. Dies und der wachsende Photovoltaik-Markt in Europa erhöht die Chancen für ein erfolgreiches Comeback der Solarindustrie.

Zur Person

  • Prof. Dr. Andreas Bett, Institutsleiter Fraunhofer ISE

    Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE

makro: Seit rund 10 Jahren dominiert China den Markt. Chinesische Firmen produzieren nicht nur billig - sie forschen auch. Gibt es in Deutschland überhaupt noch einen Technologievorsprung?

Bett: Es ist richtig, dass in China die Photovoltaik als strategisches Element der Energiepolitik gesehen wird und dadurch eine gezielte Industriepolitik zum Aufbau der Produktion durchgeführt wurde. Diese wurde auch begleitet durch den Aufbau einer Forschungsinfrastruktur. Auch dort ist China schnell und risikobereit.

Dennoch haben wir bei der Forschung hier in Europa noch einen deutlichen Vorsprung. Die höchsten Wirkungsgrade und beste Performance von Komponenten werden in unseren Labors erzielt.

Was uns als Fraunhofer ISE mit der Mission der angewandten Forschung drängt, ist dieses Wissen in die Industrie zu tragen und mit der Industrie aus Laborergebnissen konkurrenzfähige Produkte zu machen.

Am Beispiel Meyer Burger und REC sieht man, dass beide Solar-Firmen eine Zellarchitektur produzieren möchten, die höhere Wirkungsgrade erzielen kann. Diese Zellarchitektur wurde in Deutschland entwickelt.

Noch höhere Wirkungsgrade lassen sich mit der gegenwärtig in Entwicklung befindlichen Tandem-Photovoltaik, der Nutzung von unterschiedlichen Materialien in einer Solarzelle, erzielen. Auch hier arbeitet ein deutsches Unternehmen, die Firma Oxford-PV in Brandenburg, an einer industriellen Realisierung. Und sie tut dies auch in Deutschland, da die Forschungsumgebung sehr gut ist.

4 Fakten zur Solarindustrie

makro: Bisher hat noch jede Branche gegen chinesisches Preisdumping den Kürzeren gezogen, weil chinesische Firmen mit staatlicher Rückendeckung unterhalb ihrer Produktionskosten operieren können. Warum sollte es diesmal anders sein?

Bett: Die Marktdominanz der chinesischen Hersteller wird nicht so leicht zu brechen sein, und die Gefahr, dass Preisdumping erfolgt, ist sicherlich gegeben. Allerdings sind heute die Kunden sensibilisiert. Dadurch, dass die PV so billig geworden ist und heute den kostengünstigsten Storm bereitstellt, wird nun mehr Wert auf Qualität und Zuverlässigkeit gelegt.

Das macht sich auch bei den Lieferketten bemerkbar. Die Abnehmer der PV-Module sind sogar bereit, auch etwas mehr bezahlen, wenn die Qualität hoch ist und Vertrauen in die Geschäftsbeziehung besteht.

Für kleinere Anlagen auf dem Dach sind die Modulkosten heute sehr gering, die Installationskosten überwiegen. Hier fährt man wirtschaftlich besser, ein Modul mit höherer Effizienz zu verwenden, das künftig in Deutschland produziert wird. Made in Germany ist für viele Kunden heute wichtiger als früher. Zudem darf nicht vergessen werden, dass der europäische Markt schnell und stark wächst. Die gerade neu entstehenden Produktionskapazitäten decken nur etwa 10% dieses Marktes ab.

makro: Welche Unterstützung bringt der europäische Green Deal für eine hiesige Produktion?

Bett: Der Green Deal wird einen Einfluss haben. Zunächst ist sehr wichtig, dass mehr Strom aus Erneuerbaren und damit PV-Strom benötigt wird. Der europäische PV-Markt wird stark anwachsen.

Ein direkter Vorteil für die Solarindustrie kann sich ergeben, wenn der sogenannte CO2-Tax Border Credit eingeführt wird, der CO2-intensiv hergestellte Produkte bei der Einfuhr in die EU besteuern soll. Der Strommix in China ist im Vergleich zum europäischen Strommix deutlich stärker CO2-belastet.

Dies hat auch Auswirkungen auf die PV-Produktion. Unsere Analysen zeigen, dass bei einem CO2-Preis von 50 Euro pro Tonne für die europäische Solarproduktion ein Kostenvorteil von 1,5 Euro-Cent pro Watt entsteht - bei Produktionskosten von 20-25 Cent pro Watt ein weiterer Vorteil für eine europäische Solarproduktion.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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