Film
Die Nacht der Verlorenen
Drei Menschen in drei Wohnungen eines Hauses. Sie kennen einander kaum, doch nachts berühren sich ihre Stimmen, ihre Unruhe. Auch in einem Gedicht, das durch die Wände kriecht.
- Produktionsland und -jahr:
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- Datum:
- Sendetermin
- 25.06.2026
- 09:45 - 10:05 Uhr
Inspiration zu diesem fiktionalen Kurzfilm ist Ingeborg Bachmanns gleichnamiges Gedicht. Wie die Dichterin verarbeiten die Film-Charaktere eine für sie wichtige Vergangenheit. Um 01.31 Uhr synchronisieren sich ihre Geschichten, wenn bei allen derselbe Popsong erklingt.
Quelle: ORF/ORF 3sat/Anna Hawliczek
In einem alten Mietshaus leben drei Fremde in drei Wohnungen: eine junge Frau an der Weggabelung ihrer Identitätssuche, ein Mann, der den Echos seiner Vergangenheit lauscht, und eine Musikerin, die einen unbestimmten Verlust verdrängt. Sie begegnen einander nicht.
Aber sie reagieren aufeinander: durch Wände, Geräusche, unbeabsichtigte Resonanzen. Wie in einer Zeitschleife durchlaufen wir dieselbe Nacht dreimal, jedes Mal mit einem anderen Blick, einer anderer Stimme und einer anderen Geschichte.
Ob Simon in diesem ehemaligen Geschäft im Erdgeschoss legal lebt, ist unklar. Die Einrichtung ist improvisiert, eine Zwischenstation. Immer wieder hört er nachts eine Aufnahme aus den 90ern an, als er seine kleine Tochter schlafenlegte. Nicht aus Nostalgie. Er sucht nach Wahrheit: War seine Tochter glücklich? Und er? Ein Hinweis an der Wand: seine frühere Firmenkarte als CEO.
Simons Ausstieg ist eine selbst gewählte innere Reflexion darüber, was wirklich zählt. Am Ende eine Hoffnung: Seine Tochter, inzwischen wohl 30, nimmt Kontakt zu ihm auf. Der gefeierte Schauspieler Harald Schrott gibt seiner Figur subtile Tiefe; durch feine Melancholie schimmert ein glücklicher Mensch, der sich für den schwierigeren, aber wahrhaftigen Weg entschieden hat.
Quelle: ORF/ORF 3sat/Anna Hawliczek
Auch seine Nachbarin Lisa befindet sich im Übergang, dem sie in einem nächtlichen Ritual begegnet. In ihrem Wohnzimmer hat sie Stühle aufgereiht, darauf Kleidung: ein Partygirl, ein Schuljunge, ein Manager, eine Großmutter. Mit dieser Familienaufstellung befragt Lisa ihre Identität. In ihrer alten Bubenschultasche findet sie ein Spielzeugauto und ein Prinzessinnen-Diadem.
Lisa wusste schon immer, wer sie sein wollte, nur war ihr Weg dorthin schwieriger. „Was wirfst du mir noch vor?“, fragt sie mit Bachmanns Worten den Stuhlkreis ihrer Nächsten. Und wenn um Punkt 1.31 Uhr aus der Bluetooth-Box „Midnight City“ von M83 erklingt und Lisa vor Glück tanzt, ist sie der freieste Mensch der Welt. Shootingstar Thea Ehre ist diese Rolle nah, auch sie geht den Weg einer Transition.
Quelle: ORF/ORF 3sat/Anna Hawliczek
Während Lisa und Simon einander durch die Wand wahrnehmen, schont sich Cordula im dritten Stock vor äußeren Einflüssen. Die berühmte Musikerin hat gelernt, sich abzuschotten: Sonnenbrille, Schweigen, Gehen. Nur nachts will die Verdrängung nicht gelingen. „Ich habe dich zu einem Geist gemacht“, schreibt sie an eine nicht benannte Person. Nacht für Nacht ein Brief an das Gegenüber, das sie einst anzog, um dann wortlos zu verschwinden. Ghosting.
Die Geister des Unerklärten lassen nun sie nicht mehr los. Ausreden weichen langsam ihrer inneren Stimme: Bachmanns Worte unterlaufen Kontrolle und scheinbare Souveränität. Das Gedicht, ein Geständnis. Burgschauspielerin Lilith Häßle gibt der Figur innere Verwundbarkeit im Kampf um äußere Macht.
„Die Nacht der Verlorenen“ wurde analog auf 16mm gedreht. „Ganz dem Wesen eines Gedichts folgend“, so Regisseurin Beate Thalberg, „dem Unperfekten, den Rissen, der Intimität.“
Stab
- Regie - Beate Thalberg