Film
Zuhurs Töchter
Auf der Schwelle zum Erwachsenwerden und trans: Zwei syrische Schwestern suchen ihren Weg in der neuen Heimat Deutschland.
- Produktionsland und -jahr:
-
Deutschland 2021
- Datum:
- Verfügbar in
- D / CH / A
- Verfügbar bis:
- bis 24.11.2026
In den wenigen Quadratmetern ihrer Geflüchteten-Unterkunft und in den Clubs der Stadt nehmen sich Lohan und Samar eine neue Freiheit. Die syrischen Geschwister können in Deutschland das sein, was sie sind: Frauen.
Lohan und Samar sind in einer gläubigen muslimischen Familie aufgewachsen. Für ihre Eltern war es am Anfang schwer, die Trans-Identität ihrer Töchter zu akzeptieren. Mutter Zuhur ist das Aussehen und Auftreten ihrer beiden Söhne, die jetzt ihre Töchter sind, unangenehm. Sie denkt an die Tradition und den Ruf der Familie. Vater Talib erzählt, er hätte seine beiden Kinder in Syrien eigentlich umbringen müssen, da in ihrem dortigen Lebensumfeld Trans-Identitäten nicht akzeptiert werden. Auch deshalb haben die Eltern entschieden, mit der Familie von Syrien nach Deutschland zu fliehen.
In Deutschland halten die Eltern an gewohnten Strukturen aus Syrien und an einem Leben nach dem Koran fest. Lohan und Samar dagegen sind hin- und hergerissen zwischen ihrer muslimischen Gemeinschaft und dem westlichen Umfeld, das es ihnen ermöglicht, ihr wahres Selbst auszudrücken. Anfänglich nur im Geheimen, wagen die beiden mehr und mehr, ihre weibliche Identität auszuleben. Doch der Weg zur vollständigen Transition ist lang und schmerzhaft.
Über drei Jahre lang begleiten die beiden Filmemacher Laurentia Genske und Robin Humboldt Lohan und Samar auf ihren Streifzügen durch Szeneclubs, bei Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten, mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie der Auseinandersetzungen mit den Eltern und Geschwistern. Dabei kommen sie einer besonderen Familie nahe, die trotz unzähliger Konflikte und Nöte zusammenhält.
Laurentia Genske, geboren 1989, und Robin Humboldt, geboren 1986, haben an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert. Ihr gemeinsamer Abschlussfilm "Am Kölnberg" (2014) wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. "Zuhurs Töchter" ist ihr zweiter gemeinsamer langer Dokumentarfilm, der ebenfalls auf vielen Filmfestivals gezeigt wurde und auf dem "DOK.fest München" 2021 mit dem "VIKTOR DOK.deutsch" ausgezeichnet wurde. Der Film wurde 2021 auf der Duisburger Filmwoche gezeigt.
Interview mit Laurentia Genske und Robin Humboldt (2022)
Wie habt ihr Lohan und Samar kennengelernt und warum wolltet ihr einen Film mit den beiden machen?
Wir haben Lohan und Samar in einem Stuttgarter Club zum ersten Mal gesehen. Das war im Jahr 2016, während der Recherche zu einem anderen Thema. Ihre Ausstrahlung hat uns direkt in den Bann gezogen. Was uns an Lohan und Samar von Anfang an fasziniert hat, waren die Entschlossenheit und der Mut, trotz widrigsten Bedingungen ihren Weg zu gehen. Sie hatten einen unerschütterlichen Willen, endlich offen ihre weibliche Identität zu leben, endlich akzeptiert zu werden.
Einerseits waren sie damals fast noch Kinder, andererseits wirkten sie kühl und abgeklärt. In ihren Blicken konnte man lesen, dass sie schon mehr erlebt hatten, als andere Jugendliche in ihrem Alter. Sie hatten sich schon früh einen Schutzpanzer zugelegt, der sie vor Diskriminierung und Beleidigung schützen sollte. Um den Blicken ihrer Familie und den Anfeindungen der Nachbarn zu entgehen, lebten sie in der Unterkunft für Geflüchtete als Jungs. Zu ihren nächtlichen Streifzügen wechselten sie ihre Kleidung erst, als sie in der Innenstadt waren. Zu der Zeit führten sie noch eine Art Doppelleben. Uns war schnell klar, dass wir dieser besonderen Familie einen Film widmen möchten.
Im Film sprechen Lohan und Samar und auch ihre Eltern von transfeindlichen Diskriminierungserfahrungen. Hattet ihr Bedenken, dass das stärker wird, wenn die Beiden durch euren Film an die Öffentlichkeit treten - auch mit Blick darauf, wie kontrovers Gender-Fragen aktuell besprochen werden?
Lohan und Samar wollen sich zeigen, wie sie sind und sich nicht verstecken. Wir sind beeindruckt von ihrer Stärke, wenn sie voller Stolz und erhobenen Hauptes durch die feiernden Massen in der Altstadt flanieren, begafft und angepöbelt von allen Seiten. Wenn sie jemand beschimpft, dann wehren sie sich. Sie lassen sich Diskriminierungen nicht mehr gefallen und haben gelernt, wie sie sich zur Wehr setzen können. Daher hatten wir keine Bedenken, dass Lohan und Samar durch unseren Film heftigeren Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sein werden.
Vielmehr ist bislang das Gegenteil eingetreten: Menschen, die sich mit Vorurteilen gegenüber Trans-Menschen den Film anschauten (auf Filmfestivals und im Kino, wo der Film bereits gezeigt wurde; Anmerkung der Redaktion), waren danach berührt von ihren Geschichten und dankbar, einen so nahen Einblick in Lohan und Samars Leben zu erhalten. Viele Zuschauer*innen waren beeindruckt von dem Zusammenhalt der Familie und der Akzeptanz der Eltern, hinter den Entscheidungen ihrer Kinder zu stehen.
Was sagen Lohan und Samar über den Film? Und wie finden ihn ihre Eltern?
Wegen der Corona-Pandemie lief "Zuhurs Töchter" anfangs auf den Festivals nur im Online-Stream. Da wir Lohan und Samar den Film nicht auf dem Computer, sondern auf großer Leinwand zeigen wollten, haben wir eine private Filmvorführung in einem Stuttgarter Kino organisiert. Während des Filmes haben sie gelacht und geweint. Sie haben andauernd ihre Handys gezückt und Fotos von der Leinwand gemacht. Es war ein sehr besonderer Moment für die Beiden, nach so vielen Jahren wieder zurück in die Vergangenheit zu schauen - zu ihren ersten Schritten im damals noch fremden Deutschland.
Als es dann zum ersten Mal möglich war, den Film mit unseren Protagonist*innen vor Zuschauer*innen zu präsentieren, waren sie überwältigt, als das Publikum am Ende des Filmes Standing Ovations veranlasste. Samar liefen Tränen über die Wange und sie meinte, dass sie und ihre Schwester ein so unfassbares Glück haben, in eine Familie geboren worden zu sein, die sie akzeptiert, wie sie sind. Außerdem würde sie sich wünschen, dass der Film auch in muslimischen Kreisen zu sehen sein wird, um mehr Offenheit und Akzeptanz für Transgender und ihre Familien zu schaffen.
Es gab eine große Stuttgart-Premiere zum Kinostart des Filmes, zu der viele Freund*innen von Lohan und Samar und Mitwirkende des Filmes anwesend waren. Leider hatte die Hälfte der Familie an dem Tag Corona und konnte nicht zur Kinovorführung kommen, was sehr bedauerlich war. Sie haben aber bereits Ausschnitte des Filmes gesehen, welche sie sehr berührend fanden. Es steht noch ein Besuch bei der Familie aus, mit einer privaten Vorführung des Filmes.
Ihr habt Lohan und Samar in sehr intimen Situationen begleitet, zum Beispiel im Aufwachraum nach der OP zur Geschlechtsangleichung. Was für eine Beziehung habt ihr im Laufe der Dreharbeiten zu den Protagonist*innen aufgebaut?
Um die Familie täglich besuchen zu können haben wir uns eine Wohnung in Stuttgart gemietet. Die Kamera und das Tonequipment waren bei unseren Besuchen immer mit dabei, wir haben sie aber nur selten ausgepackt, nur wenn wir das Gefühl hatten, es passiert etwas Wichtiges in ihrem Leben. Durch die intensive Zeit miteinander, vor allem auch ohne Kamera, war es uns möglich, eine sehr intime Beziehung zu ihnen aufzubauen. Als wir sie kennenlernten, sprachen sie kaum Deutsch. Daher haben wir ihnen dabei geholfen, sich in Deutschland, einem für sie sehr fremden Land, zurechtzufinden. Es war uns auch sehr wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, in dem man die Grenzen der einzelnen Personen respektiert. Lohan und Samar hatten ihre Grenzen und wollten in bestimmten Momenten und Situationen nicht gefilmt werden. Und diese Grenzen haben wir auch gewahrt.
Ob im Szeneclub oder in der Unterkunft - im Film ist die Musik, die Lohan und Samar hören oder nachsingen, sehr präsent. Welche Bedeutung hat die Musik für die Beiden und wieso habt ihr euch dafür entschieden, die Musik mit in den Film zu nehmen?
Musik ist im Leben von Lohan und Samar omnipräsent. Eines ihrer großen Vorbilder ist die syrische transgender Sängerin Haifa Magic. In Social-Media-Kanälen spricht Haifa offen über das Thema Trans* und ermutigt andere Menschen dazu, ihren individuellen Weg zu gehen. Vorbilder wie Haifa haben Lohan und Samar Halt in ihren Entscheidungen gegeben, sich so zu zeigen, wie sie sind. Die Musik, die sie hören, erzählt also auch ein Stück weit von ihnen selbst.
Habt ihr noch Kontakt zu Lohan und Samar? Wie geht es ihnen jetzt?
Lohan und Samar sind nach Essen gezogen und wohnen mit Freund*innen in einer Wohngemeinschaft. Sie finden es aufregend, nun das Nachtleben in einer neuen Großstadt kennenzulernen. Samar ist frisch verliebt und möchte ihren Schulabschluss nachholen, um anschließend eine Ausbildung zur Make-up-Artistin zu machen. Der Kontakt zu Lohan ist momentan leider sporadisch. Da die Familie der Beiden im Umkreis von Stuttgart keine Wohnung gefunden hat, ist sie in die Nähe von Kassel gezogen und versucht nun in der neuen Umgebung anzukommen.
Interview: Loren Müller (2022)
Stab
- Regie - Laurentia Genske, Robin Humboldt
- Autor - Laurentia Genske, Robin Humboldt
- Regie - Laurentia Genske, Robin Humboldt
- Autor - Laurentia Genske, Robin Humboldt