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Film

Raimund - ein Jahr davor

Dokumentarist Hans-Dieter Grabe beobachtet einen vitalen älteren Mann, der Holz für den Winter hackt. Monate später wird der Regisseur einen anderen Blick auf sein Filmmaterial bekommen.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2013
Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 16.12.2020

Grabe hat seinen 72 Jahre alten Nachbar Raimund eine Woche lang mit der Kamera beim Brennholzmachen, einer einfachen handwerklichen Arbeit beobachtet, weil sich darin etwas vom Charakter und der Lebenshaltung des immer auf Unabhängigkeit bedachten Mannes mitteilte. An sieben Drehtagen wird Grabe Zeuge, wie Raimund mit Säge, Stemmeisen, Axt und Keil, mit Ketten und seinem alten Traktor 17 Festmeter Buchenstämme förmlich in die Knie zwingt: Feuerholz für Jahre. Raimund ist ein erfahrener und nachdenklicher Mann, überzeugt von dem, was er tut, voller Tatkraft, Ausdauer und Freude an seiner Arbeit.

Das Filmmaterial lag einige Monate unbearbeitet, dann erkrankt Raimunds Frau Hiltrud unheilbar an Krebs. Ihr Sterben dauert acht Monate. Raimund nimmt sich das Leben. Jetzt sieht Hans-Dieter Grabe seine Aufnahmen mit neuen Augen: "Meine Aufnahmen hatten plötzlich eine klare Funktion. Sie zeigen sehr deutlich, was für ein Mensch mein Nachbar auch war, ein Jahr davor, bis er - und das kann vielen von uns passieren - in eine Situation geriet, in der er die Kraft zum Weiterleben verlor. Bei den Dreharbeiten und im Schneideraum haben sich mir die Bilder von Raimund, der zäh mit den Stämmen ringt, tief eingeprägt. Noch lange werde ich ihn sagen hören: 'Wenn die ganz Dicke komme, das wird 'n bisschen schwieriger. Aber die krieg ich auch noch klein. Ist mir's gar keen Angst.'"

Hans-Dieter Grabe, geboren 1937 in Dresden, studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg, war von 1962 bis 2002 beim ZDF, ist Autor und Regisseur von Magazinbeiträgen, Reportagen und mehr als 60 langen Dokumentarfilmen. Seit 1992 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin und wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem dreimal mit dem Grimme-Preis.

Interview mit Filmemacher Hans-Dieter Grabe im Oktober 2014

Deine Filme sind meist konzentriert auf einzelne Menschen und ihre Lebenserfahrungen. Du hast Opfer des Vietnamkrieges, ehemalige KZ-Häftlinge, Täter und Mitläufer filmisch begleitet. Nun ein Mann aus deinem Heimatdorf bei der Arbeit mit Holzstämmen. Was war dein Beweggrund, diesen Menschen mit der Kamera zu beobachten?

Das Dorf, in dem unser Film entstand, ist seit 1973 unser Wohnort. Immer schon hatten wir Verbindung zur Familie unseres Nachbarn Raimund. Zuerst mit seinem Vater, von dem wir damals, als er Bürgermeiser war, das Gemeindegrundstück erwarben. Raimund und Hiltrud, seine Frau, haben Kinder im Alter unserer Kinder. Gemeinsam spielten sie, gemeinsam gingen sie zur Schule. Raimund und seiner Familie begegneten wir oft. Bei Familienfeiern sowieso. Raimund war also kein Fremder für mich, als ich beschloss, meine Kamera auf ihn zu richten.

Oft hatte ich die Erfahrung gemacht, dass ich einen Menschen, auch wenn ich ihn bereits kannte, noch viel besser, viel genauer kennenlernte bei Dreharbeiten mit ihm, durch das Gestalten eines Films über ihn. Diese Erfahrung machte ich besonders, wenn ich selbst die Kamera führte. Nie erfuhr ich mehr über Menschen als beim Blick auf sie durch die Kamera.

Schon einige Male hatte ich gesehen, dass am Waldrand vor Raimunds Haus so alle drei Jahre ein riesiger Berg dicker Buchen- und Eichenstämme abgeladen wurde. Viele Tage hatten wir den Klang seiner Motorsäge im Ohr. Wenn ich vorbeikam, beeindruckten mich seine Konzentration und Ruhe, mit der er die schwere und auch gefährliche Arbeit immer allein verrichtete, allein verrichten wollte. Es entstand der Gedanke, Raimund bei dieser Arbeit aufzunehmen.

Hast du zum ersten Mal nach einer Geschichte in deinem Dorf gesucht?

Es war keine direkte Suche nach einer Geschichte in unserem Dorf. Aber immer schon – grade weil meine Themen oft das Drehen im Ausland erforderten – suchte ich nach Drehorten nahe bei meinem Leben. Die Nähe zur Lebenswelt unserer Protagonisten kann der Qualität eines Dokumentarfilms dienen. Als ich einen Film über eine krebskranke ZDF-Kollegin drehte, entsprach das genau meinem Wunsch und meiner dokumentarfilmischen Erfahrung.

Hans-Dieter Grabe

Bei Raimund ergab sich nun die Möglichkeit, einen Film direkt vor meiner Haustür zu drehen. Und das frei von inhaltlichen Zwängen. Ich würde also bei diesen Dreharbeiten kein bestimmtes Thema durch besondere Kameraeinstellungen oder Fragen an meinen Protagonisten gestalten müssen. Mit dieser Entspanntheit einem Menschen mit der Kamera vor dem Auge bei seiner Arbeit direkt zuschauen zu können, reizte mich.

Da standen sich nun also zwei Menschen gegenüber, die einfach nur ihre Arbeit machten: Raimund, der die Stämme zu Feuerholz verarbeitete, und ich, der ihn dabei aufnahm. Und immer, vor allem wenn ich selbst drehte, gab es keine Anweisungen, keine Bitten, etwas zu wiederholen. So musste Raimund auch nie darüber nachdenken, ob das, was er grade tat, für mich auch das Richtige war. Von Anfang an merkte er: Was auch immer er tat oder sagte, es war richtig. In mir und meiner Arbeit spiegelte sich gewissermaßen für ihn seine Arbeit, spürte er, wie gut ich seine Art zu arbeiten fand und wie wohl auch ich mich bei meiner Arbeit fühlte, bei dem einfachen, aber möglichst genauen Festhalten dessen, was er tat.

Hast du während der Dreharbeiten deinen dir bekannten Nachbarn anders wahrgenommen beziehungsweise neu oder besser kennengelernt?

Wenn man einen Menschen, den man kennt, aufnimmt, schon beim Fotografieren, aber erst recht beim Drehen mit einer Kamera, kann es durchaus passieren, dass sich dieser Mensch plötzlich ganz anders verhält, als man es von ihm gewohnt war. Das kann sehr damit zusammenhängen, wie anders ich mich verhalte, wenn ich ihn aufnehme. Mein Bestreben ist es, aus einem dokumentarischen Drehort kein Atelier zu machen und aus dem Drehen keinen als außergewöhnlich zu empfindenden Vorgang.

Das gelang mir auch bei Raimund. Dass er gedreht wurde, wusste er natürlich. Es störte ihn aber in keiner Weise. Die Arbeit, die er zu bewältigen hatte, verlangte ja schon seine ganze Aufmerksamkeit. Und so konnte ich sehr genau sehen, wie Raimund arbeitete. Noch nie hatte ich ihm bei dieser Arbeit zugeschaut. Ich bemerkte Eigenschaften, die ich kannte, aber bis dahin nie in dieser Deutlichkeit hatte wahrnehmen können.

An sieben Drehtagen wurde ich Zeuge, wie Raimund kenntnisreich und erfahren mit Motorsäge, Stemmeisen, Axt und Keil, mit Ketten und seinem alten Traktor 17 Festmeter Buchenstämme förmlich in die Knie zwang und daraus Feuerholz für Jahre machte. So konzentriert an einem einzigen Ort, auf eine einzige Tätigkeit und in dieser Klarheit und Intensität hatte ich bisher Raimunds Eigenschaften nicht sehen, nicht bemerken können. Jetzt erlebte ich sie bei seiner Arbeit: seine Besonnenheit und Geschicklichkeit, seine Tatkraft und seine Arbeitsfreude, seinen Optimismus und seinen Humor. Das in Bildern festhalten zu können auf eine filmisch so einfache, unaufwendige Weise, bereitete mir Freude.

Wie ging es mit Raimund nach den Dreharbeiten weiter?

Was nach den Dreharbeiten in Raimunds Leben geschah, in Raimunds Leben geschehen würde, dafür gab es nicht den geringsten Hinweis. Ich konnte nicht ahnen, welche Rolle meine Bilder in einem künftigen Film haben würden, dass sie Dokumente werden sollten eines vergangenen Daseins. Raimunds Frau Hiltrud erkrankte an Krebs. Ihr Sterben dauerte acht Monate. Raimund nahm sich das Leben.

Die Bedeutung deiner Bilder wurde nun eine ganz andere. Was hat dich bewogen, diesen Film trotzdem zu machen?

Die Aufnahmen und das, was sie über Raimund erzählen, behielten ja weiterhin ihre Gültigkeit. Das allein schon hätte dem Film seine Berechtigung gegeben. Nun aber gab es außerdem den Hinweis auf den Tod meines Protagonisten, auf seinen Selbstmord. Davon zu wissen, wird den Zuschauer veranlassen, die Bilder des lebenden Raimund nun besonders genau und anteilnehmend zu betrachten. Der Film hat nun eine zusätzliche Aussage bekommen - über das, was uns allen passieren kann, wenn Ereignisse in unser Leben treten, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Das heißt: Was Raimund passierte, kann jedem, zumindest vielen von uns passieren, egal, wie stark wir uns im Moment fühlen. Das sollten wir wissen.

Du bringst uns den Menschen Raimund sehr nahe, und doch bleiben Fragen offen. Welche Bedeutung hat der Film über deine Heimatgemeinde hinaus für einen größeren Zuschauerkreis?

Wollte man erreichen, dass ein Film alle Fragen, die beim Zuschauer entstehen, beantwortet, entstünde ein unförmiger, ein überladener Film. Ich erinnere mich daran, dass nach der TV-Ausstrahlung unserer Filme in den Pressekritiken kein Satz mehr gefürchtet war als der: "Es blieben aber Fragen offen." Die Angst vor diesem Satz führte dazu, dass viel zu viel in die Filme hineingepackt wurde - an Informationen, an Text. Die Filme erstickten.

Ich habe mich immer bemüht, dieser Gefahr nicht zu erliegen. Als vor Jahren Gabriele Voss und Christoph Hübner in der Reihe "Dokumentarisch arbeiten" einen Film über mich machten, gaben sie ihm den Titel "Lieber weniger als viel". Sie wollten damit meine Arbeitsweise beschreiben. Es gibt Fragen, die sich beim Betrachten des Films dem Zuschauer stellen und unbeantwortet bleiben müssen, weil sie auf diese Weise das Nachdenken - sowohl während des Films als auch danach - befördern.

Was die Bedeutung unseres Films über meine Heimatgemeinde hinaus betrifft, so hoffe ich, dass die Zuschauer beim Betrachten des Films die Freude entdecken, die entstehen kann, wenn sie einem Menschen in Ruhe bei einer sinnvollen Arbeit zusehen, ihn auf diesem Weg kennenlernen können und viel über ihn erfahren. Den Bildern nicht nur zusehen sondern quasi auch zuhören. Das sollte der Zuschauer unbeeinflusst tun können. Unbeeinflusst durch zu viel Text - darum auch Schrifttafeln in unserem Film - oder eine ihre Sichtweise und ihr Nachdenken lenkende Gestaltung. Sehen lernen! Spaß haben beim Sehen. Auch über einen Film im Fernsehen hinaus. Auch im täglichen Leben.

Du bist bald 78. Ist "Raimund" dein letzter Film?

Vielleicht. Schön wäre es aber, wenn "Raimund" nicht mein letzter Film sein würde. Ich liebe diese Arbeit sehr. Das filmische Betrachten tätiger Menschen, wie ich das mit Raimund schon recht konsequent versucht habe, setze ich zur Zeit fort mit einem alten, eigentlich schon arbeitsunfähigen Bauern im Berchtesgadener Land, den ich seit Jahren mit meiner Kamera besuche. Fünfzig Jahre kenne ich ihn schon. Seine Nachbarn und Geschwister schütteln nur noch den Kopf über ihn. Statt sich in einem Pflegeheim versorgen zu lassen, hört er - auf zwei Krücken hängend - einfach nicht auf, seine Kühe zu versorgen und das Frühstück herzurichten, wenn doch noch mal ein alter Pensionsgast - so wie ich - für ein paar Tage vorbeikommt.

Von Mal zu Mal werden seine Schritte kürzer und langsamer, neigt sich sein Rücken mehr zur Erde. Aber was in Worten er kaum ausdrücken kann und will - die Bilder sagen es: Da ist ein Mensch, der sich freut, auf diese Weise immer noch zu spüren, dass er lebt.

Interview: Margrit Schreiber, 3sat, 28.10.2014

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