Film
Gefängnisbilder
Bilder aus Spiel- und Dokumentarfilmen und Überwachungskameras. Harun Farockis Film-Essay zeigt, wie die Maschine "Gefängnis" funktioniert und tötet.
- Datum:
- Verfügbar in
- D / CH / A
- Verfügbar bis:
- bis 22.02.2027
Harun Farocki: "Das Kino fühlte sich immer schon von den Gefängnissen angezogen, heute sind die Gefängnisse voll von Videokameras zur Überwachung. Diese Bilder sind ohne Schnitt und Formatwechsel, ohne Verdichtung von Zeit und Raum und deshalb besonders geeignet, die Ereignislosigkeit auszudrücken, in die der Gefangene zur Strafe versetzt sein soll. Die Überwachungsbilder zeigen die Norm und rechnen auf eine Abweichung.
Bilder aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Corcaran, Kalifornien: Die Überwachungskamera zeigt einen tortenstückförmigen Ausschnitt, den betongedeckten Hof, auf dem die Gefangenen eine halbe Stunde am Tag verbringen können. Ein Häftling greift den anderen an, worauf die Unbeteiligten sich sogleich flach auf den Boden legen. Sie wissen, was jetzt kommt: Der Wärter wird eine Warnung rufen und danach eine Gummimunition abfeuern. Hören die Häftlinge mit dem Kampf jetzt nicht auf, schießt der Wärter scharf. Die Bilder sind stumm, vom Schuss zieht der Pulverrauch durch das Bild.
Die Kamera und das Gewehr sind gleich nebeneinander, Blickfeld und Schussfeld fallen zusammen. Es ist zu erkennen, dass der Hof in der Form eines Kreissegments errichtet wurde, damit es an keiner Stelle Schutz vor dem Blick oder der Kugel geben kann.
Zur Materialersparnis liefen die Aufzeichnungsgeräte mit verminderter Geschwindigkeit und die Einzelbilder wurden standverlängert, sodass die Bewegungen ruckhaft und unrund sind. Die Kämpfe auf dem Hof sehen aus wie in einem billigen Computerspiel, eine weniger dramatische Darstellung des Todes ist kaum vorstellbar.
Auf den kalifornischen Gefängnishöfen wird heute nicht mehr erschossen. Statt eines Gewehrs haben die Wärter heute einen scharfen Wasserstrahl, dem Chemikalien beigemischt sind, die die Kämpfenden nach Sekunden kampfunfähig machen. Mit diesem Wasserstrahl verwischt, wofür die Häftlinge zuvor gestorben sind. Es ist heutzutage auch fast unmöglich, nachträglich festzuhalten, wofür ein Krieg angefangen wurde."
Harun Farocki (1944-2014) gehörte zu den wichtigsten Autoren- und Essayfilmern und hat mehr als 90 Filme realisiert, darunter vielfach preisgekrönte Kino- und Fernsehproduktionen. Er gilt mit seinen intellektuellen Diskursen über Bilder, Kino und Politik bis heute als einer der bedeutendsten Vertreter des zeitgenössischen dokumentarischen Films.