Film

Deutschlandlieder - Almanya Türküleri

Eine Reise durch die türkisch-deutsche Musikszene ab den 1960er-Jahren: Heimatlieder, Schlager und Rap, vereint auf einer Bühne - vom kurdischen Barden Ali Baran bis zu Eko Fresh.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2022
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 26.01.2024

Von 2021 bis 2022 kommen die Stars der türkischstämmigen Community zu einer Konzertreihe zusammen. Der Dokumentarfilmer Nedim Hazar begleitet die Tournee als Teil des Ensembles. Die Songs im Film sind eine Art "Best of" der Konzertreihe, die deutschlandweit auf renommierten Bühnen gastierte, und decken unterschiedliche Tonalitäten und Zeiten ab.

Mann am Saiteninstrument singend.
Ata Canani singt seinen Song "Deutsche Freunde" zur Gastarbeiterproblematik.

Die Lieder der ersten "Gastarbeiter"-Generation handelten vom Fernweh, von der zurückgelassenen Geliebten in der Heimat, von Arbeitsbedingungen und vom Leben in der Fremde: "Guten Morgen Mayistero" von Metin Türköz etwa erzählt von den Arbeitsbedingungen unmittelbar vor dem Streik der türkischen Gastarbeiter in den Ford-Werken in Köln im Jahr 1973.

Mit der nächsten Generation entstanden Romeo-und-Julia-Songs wie "Ley Ley Liebe Gabi" (1981) von Ali Ekber Aydoğan. Nach den Brandanschlägen in Mölln und Solingen in den 1990er-Jahren entstanden Hip-Hop-Stücke gegen Rassismus wie die von Erci E. von Cartel oder Kutlu Yurtseven und Rossi Pennino von Microphone Mafia.

Gegen ein zu starres türkisches Familienkorsett wehrt sich die Düsseldorfer Rapperin Tice in ihrem Song "Ich bin so". Auf der Bühne wird ihre Stimme vom Hip-Hopper und Schauspieler Eko Fresh ergänzt, der sein Stück "Du bist anders" performt.

Tournee-Höhepunkt Istanbul

Bühne voller Musiker, die musizieren.
Mehr als ein Dutzend Solisten mit Chor, Streich-Ensemble und Rockband kamen für die Deutschlandlieder auf die Bühne.

Begleitet werden die Musikerinnen und Musiker von einer international besetzten Rockband, einem Streichquartett und teilweise landestypischen Solo-Instrumentalisten wie dem Klarinettisten Bellan Mustafa. Der Höhepunkt der Tournee ist eine Einladung nach Istanbul in die Türkei - ein Land, dem einige der Künstlerinnen und Künstler aus politischen Gründen den Rücken kehren mussten. Wie die Sängerin Sema Moritz.

Nedim Hazars Dokumentarfilm "Deutschlandlieder - Almanya Türküleri" entstand anlässlich des 60. Jahrestags des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 30. Oktober 2021.

Regisseur Nedim Hazar ist 1960 in Ankara geboren und in Sydney aufgewachsen. Seit 1980 lebt er größtenteils in Deutschland. Er arbeitete als Schauspieler, unter anderem für Hark Bohm, als Musiker und Hörfunkredakteur. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist er auch Filmemacher.

In einem seiner ersten Dokumentarfilme "Zuflucht am Bosporus", den er 2001 für 3sat drehte, zeigt er die Türkei als ein offenes Land für Emigranten, das in der Nazizeit Intellektuelle aus Deutschland aufnahm, um mit ihnen das Bildungssystem des Landes zu modernisieren.

2003 zog er selbst nach Istanbul, wo er zehn Jahre für das türkische Fernsehen arbeitete, bis er aus politischen Gründen entlassen wurde. Mittlerweile lebt er in der Nähe von Bonn. Der Rapper Eko Fresh ist sein ältester Sohn.

Interview mit Filmemacher Nedim Hazar

In Ihrem Film blicken Sie auf rund sechzig Jahre Lieder von Türkeistämmigen in Deutschland zurück. Was waren die Kriterien für die Auswahl?

Lächelnder Mann, der aus einem Fenster blickt.
Nedim Hazar, Musiker und Filmemacher.

Die Songs sollten einerseits die Ereignisse der Zeit widerspiegeln, in denen sie entstanden. Andererseits sollten sie möglichst von ihren ursprünglichen Interpretinnen und Interpreten live vorgetragen werden. Zum Beispiel: „Guten Morgen Maystero“ ist ein Lied von Metin Türköz, das 1973 veröffentlicht wurde, im selben Jahr wie der berühmt-berüchtigte Türkenstreik bei Ford in Köln. Türköz gilt als der erste türkische Barde in Deutschland. Zu der Zeit arbeitete er selbst bei Ford. Sein Stück beschreibt die erschwerten Arbeitsbedingungen, denen die einstigen Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen ausgesetzt waren.
Dieses Schema konnten wir mehr oder weniger bis in die 90er-Jahre beibehalten. Mehr oder weniger, sage ich, weil einige Solistinnen und Solisten sich zu alt fühlten, um wieder aufzutreten oder gestorben waren. Der Tod begleitete uns vom Anfang an. Der Volkssänger Derdiyoklar Ali zum Beispiel starb kurz vor Konzert- und Drehbeginn. Der eben erwähnte Türköz, wenige Monate nach Drehschluss. Er wurde 85 Jahre alt.
Für Songs, die uns dennoch unverzichtbar schienen, zum Beispiel „Çok Yorgunum – Ich bin  sehr müde“ des verstorbenen Rocksängers Cem Karaca, ein Stück in dem das Schicksal der politischen Exilanten und Exilantinnen der 1980er-Jahre thematisiert, fanden wir zum Glück eine Interpretin wie Sema Moritz, die in derselben Zeit tatsächlich vom damaligen türkischen Militärregime nach Deutschland geflüchtet war.
In der Songauswahl aus den Nuller und Zehner Jahren geht es mehr um Gefühlslagen als konkrete Ereignisse, wie ein würdevolles Leben in der Familie und in der Gesellschaft zum Beispiel.

Sie sind nicht nur Regisseur, sondern auch Musiker und Teil des Ensembles. Wie kamen Sie mit dieser Mehrfach-Rolle zurecht?

Unser Vorbild war Buena Vista Social Club. Man assoziiert damit als erstes Wim Wenders, den Regisseur des Dokumentarfilms – übrigens ein Idol von mir. Aber auch der amerikanische Gitarrist Ry Cooder spielte dabei eine wesentliche Rolle. Zusammen mit einem kubanischen Kollegen suchte er die Musiker aus, produzierte das legendäre Album und spielte sogar in der Band mit. Als ich Ry in den 1990er-Jahren begegnete, stellte ich ihm eine ähnliche Frage über Multi-Tasking, worauf er bescheiden aber schmunzelnd antwortete: „you just keep cool“.
Ich wünschte mir viel mehr von Rys Ruhe bei der Arbeit. Ich hatte Jörg Gruber, einen hervorragenden Kameramann an meiner Seite. Produzent Mustafa Dok war oft vor Ort. Die Leitung und damit die Last des Ensembles teilte ich mit dem Arrangeur Ruddi Sodemann. Ich war dennoch äußerst aufgeregt während der Konzerte, die übrigens teilweise unter Pandemie-Einschränkungen stattfanden. Angesichts der knappen Finanzierung betrachte ich es im Nachhinein als ein halbes Wunder, dass alles gut ging.
Meine Rolle vor der Kamera kam mir jedoch selbstverständlich vor. In früheren Zeiten stand ich über zehn Jahre als professioneller Musiker auf internationalen Bühnen und habe auch im Radio und Fernsehen moderiert. Also Scheu hatte ich nicht. Und im Übrigen gehöre ich selbst zu den authentischen Protagonisten aus der Zeit. Mit meiner Rockband Yarinistan sang auch ich „Deutschlandlieder“. Damit kamen wir sogar in die Charts in den spät 80ern.

Höhepunkt der Tournee ist eine Einladung in die Türkei. Was war das Besondere an diesem Auftritt?

Wir wurden 2021 als Höhepunkt einer Veranstaltungsreihe des deutschen Konsulats, des Goethe-Instituts und des Istanbuler Oberbürgermeisters anläßlich des 60. Jahrestags des Anwerbeabkommens zwischen beiden Ländern eingeladen. Das war eine besondere Ehre für uns Musiker in einem begehrten Istanbuler Saal aufzutreten. Die überwiegende Mehrheit des 25-köpfigen Ensembles, auch die mit türkischen Wurzeln, trat zum ersten Mal in der Türkei auf.
Einige Deutschland-Rückkehrer im Publikum kannten das eine oder andere Stück aus dem Repertoire noch von früher. Aber im Allgemeinen waren unsere „Deutschlandlieder“ wie ein Kulturschock für die Istanbuler Zuschauer: Da sangen Leute auf der Bühne in der gewohnt anatolischen Aşık-Tradition, allerdings in einer für ihre Hörgewohnheiten völlig fremden Sprache, nämlich Deutsch.
Unmittelbar vor dem Istanbul Konzert war außerdem noch eine akute diplomatische Krise zwischen beiden Ländern eingetreten. Und da der Film, wie auch die Konzerte, zum Teil vom Auswärtigen Amt Deutschlands gefördert worden waren, schien das gesamte Gastspiel zu platzen. Erst wenige Tage vor dem Konzert haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vom Auswärtigen Amt und wir dann doch gemeinsam entschieden,  nach Istanbul zu fliegen und zu spielen. „You just keep cool“.

„Deutschlandlieder“ feierte beim Filmfestival in Istanbul seine Weltpremiere. Wie kam der Film dort an?

Wir merkten, dass die Zuschauer ziemlich berührt waren. Die 60jährige Reise der Türkeistämmigen in Deutschland war für viele, vor allem für das anwesende junge Publikum neu. Aber sie sind mitgegangen. Sie haben verstanden, dass da ihre Verwandten, ihre Landsleute doch nicht bloße „Gurbetçi“ (die, die in der Fremde) sind, auftreten. Aber auch, dass da längst eine neue Kultur und folglich eine neue Musik entstanden ist, die zwar irgendwie einem nicht ganz so fremd vorkommt, dennoch aber anders klingt und auch anders ist.

Interview: Nicole Baum

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