Film

Ab 18! - Unter dem Eis

Wie weiterleben, wenn der eigene Vater zum Mörder wurde? Mit 26 Jahren reist Ida wieder zurück in ihr Heimatland Norwegen. Sie will begreifen, was damals geschah mit ihrem Vater und ihr.

Produktionsland und -jahr:
Österreich 2021
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 04.12.2022

Der Vater sitzt im Gefängnis wegen Mordes an seiner Lebensgefährtin, mit der er nach der Scheidung von Idas Mutter zusammen war. Eine Tragödie, die das Leben der Restfamilie ins Wanken brachte, und ein Kapitel in Idas Geschichte, dem sie sich lange verweigerte.

Erst im Rahmen ihres Abschlussfilms an der Fachhochschule Salzburg wagt die Regisseurin die Konfrontation mit der Vergangenheit ihrer Familie. Zum ersten Mal besucht sie das Grab von Anna, der einstigen Lebensgefährtin ihres Vaters, der offenbar von Verlustängsten geplagt, keinen anderen Ausweg mehr für sich sah. Für Ida ist es schwer, in dem geliebten Menschen, mit dem sie aufgewachsen ist, auch den gewalttätigen Mörder zu sehen. Im Film stellt sie die Frage nach dem Warum, auch wenn sie weiß, dass diese nicht wirklich zu beantworten ist.

Ida Huber, Jahrgang 1992, ist in Norwegen und Schweden aufgewachsen. Sie studierte Film am European Film College in Dänemark und beendete 2020 ihre Ausbildung in Multi-Media-Art an der Fachhochschule Salzburg mit dem Bachelor. Derzeit lebt sie wieder in Schweden und studiert dort Soziale Arbeit.

3sat zeigt den Film als TV-Premiere im Rahmen der Reihe "Ab 18!", in der Regisseurinnen und Regisseure mit außergewöhnlichen Handschriften vom Erwachsenwerden erzählen.

Interview mit Ida Huber

Für Außenstehende erzählen Sie in "Unter dem Eis" eine unglaubliche Geschichte, die für Sie immer noch schwer zu verkraften ist. Was hat Sie dazu bewogen, damit in die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich weiß nicht, ob ich das jemals als "an die Öffentlichkeit gehen" betrachte, sondern eher als den Weg, den ich im Leben gehen musste. In den ersten Jahren nach der Inhaftierung meines Vaters begann ich, mich oft zu filmen, um so die Scham, Angst und Fragen zu verarbeiten. Wenn ich einen Brief von meinem Vater bekam, filmte ich mich manchmal dabei, wie ich ihn öffnete und las, oder ich filmte meine Reaktion auf die Nachricht, dass er einen Schlaganfall hatte. Ich filmte, wie ich zur Therapie gehe oder wie wir zu Hause wie verrückt tanzten. Die Kamera wurde zu meinem Partner.

Dann habe ich 2015 ein Filmstudium am European Film College begonnen. Die Dokumentarfilmdozentin und der Unterricht dort gaben mir unschätzbare Werkzeuge für die Arbeit mit diesem Thema, und ich drehte meinen ersten Kurzdokumentarfilm "Strange Silence". Die Kamera war der Grund, warum ich mich getraut habe, das zu tun, wozu ich sonst nicht den Mut gehabt hätte. Sie gab mir den Vorwand und den Anstoß, mich mit etwas zu befassen, das ich für wichtig hielt, dem ich mich aber nicht ganz stellen konnte.

Ich denke, es war ein schrittweiser Weg, auf dem ich mich selbst und meine Familie über die Jahre gefilmt habe, sowie kürzere Dokumentarfilme während meines Filmstudiums am EFC und meines Bachelor-Studiums in Film an der FH Salzburg, der mich dazu brachte, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass ich hoffe, dass meine Geschichte hilft, Dialoge anzustoßen und dazu beiträgt, das Stigma, das mit der Inhaftierung eines Familienmitglieds verbunden ist, abzubauen. Ich habe mich viele Jahre lang sehr einsam gefühlt, und ich erinnere mich, dass ich mehrere Notlügen erzählt habe, weil ich nicht wollte, dass die Leute wissen, dass mein Vater im Gefängnis ist. Aber das hat sich mit dem Filmemachen für mich geändert. Es gibt so viele menschliche Berührungspunkte, wenn man sich traut, verletzlich zu sein.

War in Salzburg die örtliche Distanz gegeben, sich zurückzubesinnen?

Die geographische Entfernung zu meiner Familie und meinem Land bedeutete auch, dass ich Abstand zu vielen Erinnerungen und Triggern hatte. Es fühlte sich wie ein sicherer Ort in Österreich an, um die schwierigeren Teile meiner Vergangenheit zu erforschen. Es gab mir den Raum, dies zu tun. Ich konnte mein Leben, meine Situation und meine Familie mit etwas mehr Abstand betrachten, was in meinem Fall sehr hilfreich war. Wenn ich darüber nachdenke, war das vielleicht ein Weg für mich, mit dem Geschehenen umzugehen. Ich habe in den USA, Dänemark und Österreich gelebt. Ich war viel unterwegs, aber dann bin ich ein paar Mal zurückgekehrt, um Filme zu machen.

Im Film sieht man Sie in einem eiskalten See baden, haben Sie sich für den Film dazu überwinden müssen?

Als ich mit meinem kleinen, aber feinen Team nach Norwegen fuhr, um den Dokumentarfilm zu drehen, dauerte es nicht lange, bis ich mich wie betäubt fühlte. Ich habe nicht nichts gefühlt. Es gab so viele Prozesse, Gedanken und neue Informationen zu verarbeiten. Ich habe mich einer gewaltigen Menge ausgesetzt, aber irgendwie fühlte ich mich völlig betäubt. Ich wusste jedoch, dass ich viele Emotionen hatte, also beschloss ich, ein Bad zu nehmen, um wieder mit mir selbst in Kontakt zu kommen, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Ein eiskaltes Bad ist eine wunderbare Möglichkeit, das sympathische Nervensystem zu aktivieren, und da ich schon einmal ein Eisbad genommen habe, wusste ich, dass mir das gut tun würde. Und ja, es war richtig eiskalt, ins und unter Wasser zu gehen, aber danach fühlte ich mich so kraftvoll und bereit, die vor mir liegende Reise fortzusetzen.

Sie sind wieder in Schweden und studieren nun "Soziale Arbeit". Haben Sie einen neuen Berufswunsch?

​​Ja und nein. Ich denke, was mich als Person antreibt, ist eine tiefe Neugier für die menschliche Erfahrung. Und das erforsche ich in meinen Filmen und in mir selbst, aber ich werde mich auch in meiner Arbeit als Sozialarbeiterin damit beschäftigen. Mein Traum ist es jedoch, in Zukunft mein Sozialstudium mit dem Filmemachen zu verbinden. Vielleicht werde ich als Therapeutin arbeiten und dabei Kunst und Film einsetzen? Oder ich könnte in einem Gefängnis arbeiten und Dokumentarfilme unterrichten? Ich weiß es nicht, aber ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.

Interview: Nicole Baum

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