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Dokumentation

Der Wiener Kongress - Und er bewegte sich doch

Die Kunst der Diplomatie und rauschende Feste - das ist unser Bild vom Wiener Kongress. Doch vor 200 Jahren entstand vor allem eine europäische Friedensordnung, die bis zum Ersten Weltkrieg hielt - und von der man bis heute lernen kann. Eberhard Straub mit Hintergrundbetrachtungen.

Urkunde mit Siegel
Acte Final du Congrès de Vienne - Grundlage für den Frieden in Europa für 100 Jahre
Quelle: vaughan video/John Sobek

"Der Wiener Kongress tanzt, aber bewegt sich nicht", spottete der greise Fürst von Ligne, Diplomat in österreichischen Diensten. Dies Bonmot prägte sich dauerhaft ein, obwohl der von September 1814 bis zum Juni 1815 abgehaltene Wiener Kongress für eine Friedensordnung in Europa sorgte, die 100 Jahre hielt, ehe sie im Ersten Weltkrieg 1914 zerbrach. Der mondäne Glanz blieb so hartnäckig in Erinnerung, weil der Kongress mit seinen zahllosen Bällen das größte Fest in der Geschichte des Adels war. Noch nie waren so viele regierende Fürsten und nahezu der gesamte Hochadel Europas beisammen gewesen.

Auf den ersten Blick wirkt diese Festfolge wie ein Triumph der alten, durch die Revolution umgestürzten feudalen Welt. Doch in ihr äußert sich schon die neue, veränderte Welt: Die Monarchen mischen sich zwanglos unter die neureichen Bürger. Charakteristisch für die Bälle mit großem Buffet ist der auffallende Mangel an Exklusivität. In der Hofburg drängen sich oft bis zu 10.000 Gäste. Wien, eine Stadt mit rund 250.000 Einwohnern, muss an die 100.000 Gäste unterbringen, darunter auch Hochstapler und Lustgewerbler aller Art - von Tänzern, Akrobaten und Liebesvermittlern bis hin zu den käuflichen Kavalieren und Damen, deren Angebote ununterbrochen gefragt sind.

Die kaiserliche Polizei arbeitet effizient. Dank ihrer gründlichen Beobachtung ist die Nachwelt über das Treiben bei Tag und Nacht gut unterrichtet. Die meisten Fürsten und Prinzen haben ihre Ehefrauen zu Hause gelassen und fassen den Kongress wie Ferien vom Ich auf, als Urlaub von der Verpflichtung, die Majestät und mit ihr die Würde des Staates zu repräsentieren. Sie benutzen den Kongress gleichsam für eine Rückkehr ins ganz private Junggesellendasein. Sie streunen zu Fuß durch Wien, machen Einkäufe für die neue Geliebte, mit der sie sich ungeniert in Restaurants und in der Oper zeigen.

Überhaupt spielen Lokale und Kaffeehäuser eine neue, wichtige Rolle. Dem Essen und Trinken wird ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit gewidmet, es treffen von überall her Köche ein, die keine "internationale" Hotelküche anbieten, sondern die jeweilige Haute Cuisine ihres Landes. Der aufregendste Koch ist der von Talleyrand, dem französischen Außenminister. Der schlimmste arbeitet beim britischen Botschafter Castlereagh: Er wird das Ansehen der englischen Küche dauerhaft ruinieren.

Überhaupt sind die englischen Lords und ihre Damen das Gespött der Europäer. Sie leben seit 1792 wegen der dauernden Kriege fern vom Festland. Ihre Kleider und Frisuren sind schlichtweg lächerlich, ihre Manieren werden als unbeholfen und ihr Geschmack als komisch angesehen. Doch zehn Jahre später ahmen die Dandys in Paris diese seltsamen Briten nach - und erfinden "die feine, englische Art". Die Fotografie gibt es noch nicht, dafür verdienen die Porträt- und Andenkenmaler sehr gut. Der Walzer erobert von Wien aus die europäischen Bälle. Der Kongress veranschaulicht über rund zehn Monate hinweg eine ganz selbstverständliche europäische Einheit der Sitten und Gebräuche, des Stils und des Geschmacks, von der sich vorerst nur die Engländer unterscheiden. Die Europäer sprechen mehrere Sprachen, doch die allgemeine Umgangssprache ist trotz der Kriege Französisch. Diese Europäer heiraten untereinander oder sind wenigstens vorübergehend ineinander verliebt.

Ganz neu ist das "deutsche Fräuleinwunder". Vor allem Norddeutsche, Berlinerinnen oder adelige Frauenzimmer aus dem Baltikum machen als Schönheiten und weltläufige Kokotten eine erstaunliche Karriere. Deutsche Männer gefallen wegen ihrer prächtigen Uniformen. Der Kult um Uniformen hat allerdings weniger mit Militarismus zu tun als mit erotischen Motiven. Da der Bürger bald auf Farbe verzichtet, gilt das "bunte Tuch" bei den Frauen Europas als besonders attraktiv. Der Wiener Kongress ist noch einmal vielfarbig, so wie es sich stets für die Aristokratie gehörte.


Geschichte als Geografie in Bewegung

Der tanzende Kongress bewegt dennoch viel in Europa. Trotz 20 Jahren Krieg wird das besiegte und aggressive Frankreich nicht kriminalisiert. Die vier Großmächte - Russland, Österreich, England und Preußen - sind sich darin einig, dass ohne Frankreich eine Friedensordnung gar nicht herzustellen sei. Die beste Lösung, ein Frieden mit Napoleon, zerschlägt sich.

Die Großmächte arrangieren sich mit dem alten Königshaus der Bourbonen und mit einem Frankreich in den Grenzen von 1790. Es gibt keine Kriegsschuldfrage, keine Kriegsverbrecherprozesse, keine ideologische Umerziehung der Franzosen, keine Teilung Frankreichs und auch keine übertriebenen Reparationsforderungen. Nur die "Raubkunst" muss Frankreich zurückerstatten, ohne wegen seiner Mogeleien dabei sonderlich getadelt zu werden. Frankreich wird sofort für bündnisfähig gehalten. Wenn die Siegerstaaten, zu denen auch Spanien oder Schweden gehören, von Europa sprechen, meinen sie allerdings ein jeweils anders nuanciertes Europa, und ihre Rivalitäten können auf dem Kongress heftige Formen annehmen. Ein Ball oder ein festliches Essen indes trägt zur Aufklärung und Beruhigung bei.

Die Europäer einigen sich nach vielen Diskussionen auf eine weitere Teilung Polens, weil ein selbstständiges Polen nur für Unruhe zwischen Russland, Österreich und Preußen sorgen würde. Ein einiges Italien wie ein einiges Deutschland werden ebenfalls für eine Störung der europäischen Ordnung gehalten. Der Kongress, dem später reaktionäre Absichten unterstellt werden, kann nach den vielen Veränderungen in Europa, in denen Geschichte zu einer Geografie in Bewegung wird, gar nicht zur Normalität früherer Jahre zurückkehren. Der Wiener Kongress - und dieser Begriff meint die vier Groß- und Siegermächte in ihren Absprachen mit den übrigen Staaten - entwirft einen äußeren Rahmen, der elastisch genug ist, um jeden Herrschaftsanspruch in Europa in vernünftigen Grenzen zu halten. Die Großmächte hoffen, dass ihre staatliche Ordnung Bestand haben und allenfalls durch weitere Kongresse, also einvernehmlich, geändert wird.

Den vier Siegern und Frankreich wird zugestanden, gemäß ihren keineswegs identischen Interessen diese Ordnung zu korrigieren, nicht aber, sie grundsätzlich umzustoßen. Nach den Erfahrungen mit einem imperialistischen und eigennützig- revolutionären Frankreich soll nun Solidarität unter den Großmächten für ein kollektives Sicherheitssystem sorgen, in dem jeder, gerade der kleine Staat, vor Übergriffen geschützt ist. Mit dem Wiener Kongress beginnt eine Politik der Konferenzen, der Kommissionen, der internationalen Absprachen, um wenigstens in Europa einen allgemeinen Krieg zu verhindern. Gerade das wechselseitige Misstrauen fördert die Bereitschaft, den in Wien gegebenen Rahmen nicht unbedacht zu sprengen. Am schwierigsten ist es, England einzubinden. In Wien zeigen die Briten eine die übrigen Europäer verblüffende Ahnungslosigkeit von den Entwicklungen auf dem Kontinent.

Nach 1945 gibt es keinen allgemeinen Friedenskongress

Die Wiener Ordnung beruht deshalb vor allem darauf, England möglichst nicht allzu weitgehend in europäische Fragen einzubeziehen. England jedoch will aus Angst vor Russland unbedingt mitreden, ohne sich selbst europäisieren zu lassen. Die Engländer verdächtigen Russland, Europas Frieden zu bedrohen. Alexander I., der eigentliche Sieger über Napoleon, hat Interessen in Polen - wünscht sonst aber Ruhe in Europa. Gleichzeitig heißt das für ihn, im Vorderen Orient und in Asien nicht durch die Europäer gestört zu werden. Nur möchten eben dort auch die Engländer ihre Interessen geltend machen. Sie sind es schließlich, die im Krimkrieg 1853-1856 die Wiener Ordnung umstürzen wollen, um mit einer Achse der Guten gegen das Reich der Finsternis zu kämpfen und die Macht Russlands auf ein Großfürstentum Moskau zu begrenzen. Preußen und mit ihm der Deutsche Bund verweigern sich solchen Absichten, bewahren Europa vor einem großen Krieg und retten Russland.

Die von England - im Zusammenspiel mit Napoleon III. - ausgelöste Erschütterung des europäischen Sicherheitssystems ermöglicht es Italienern und Deutschen, den ihnen in Wien verweigerten Nationalstaat mittels kurzer Kriege zu schaffen. Bismarck bemüht sich sofort darum, die Wiener Ordnung zu erneuern. Ganz im Sinne Metternichs, des großen österreichischen Staatsmannes und Gegenspielers von Napoleon, gibt es ein großes Mitteleuropa - das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Italien - im Einverständnis mit Russland, das mit vereinter Kraft Europa vor weiteren Beunruhigungen bewahrt. Der letzte Erbe der Friedensstifter von Wien ist Bismarck. Wie sein Lehrmeister Metternich warnt er davor, Englands Rolle in Europa zu überschätzen. England ist für ihn "of Europe, but not in Europe". Mit dem Wiener Kongress beginnt die bis heute nicht gelöste englische Frage für Europa. Zugleich belegt er, wie europäisch und verantwortungsvoll Österreich und Preußen - und mit ihnen Deutschland - handeln konnten, und wie sie sich als Hüter der europäischen Ordnung auffassten.

Die nach 1945 dämonisierte deutsche Schaukelpolitik zwischen Ost und West - Begriffe, die es erst nach 1914 gibt - wäre vielmehr gut für Europa, wie der englische Außenminister Lord Robert Castlereagh 1815 in Wien meint, weil die beiden deutschen Großmächte damit positiven Einfluss auf Russland und das übrige Europa nähmen. Paradoxerweise sind Franzosen und Engländer 1914 bereit, mit dem zuvor als undemokratisch und despotisch verstandenen Russland gegen den "Feind der Freiheit und der Demokratie" - nun das Deutsche Reich - in den Krieg zu ziehen. In diesem Krieg kommt es zu einer ideologisch-moralistischen Aufladung der Politik, wie sie in Wien noch vermieden worden war. Im Juli 1914 zerbricht die Wiener Ordnung, die Europa von Gibraltar bis zum Ural umfasste, endgültig. Sie wird durch keine neue Ordnung ersetzt. Das 20. Jahrhundert erweist sich als unfähig, umfassende und dauernde Friedensordnungen zu entwerfen. Nach 1945 gibt es keinen allgemeinen Friedenskongress mehr. 1814/15 siegte noch einmal die Vernunft, die Vernunft der Staaten. Sie ist längst außer Kraft gesetzt worden durch eine moralische Aufrüstung, die die Welt nicht sicherer gemacht hat.

Eberhard Straub ist freier Wissenschaftsjournalist und Autor zahlreicher Bücher. (Der Text erschien im 3sat-Magazin 03/2014)

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