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Das Medikament Ritalin wird seit Anfang der 1990er Jahre eingesetzt.
Wissenschaftsdoku: ADHS - ein Leben lang
ADHS tritt nicht nur im Kindesalter auf
Früher dachte man, ADHS betrifft nur Kinder und Jugendliche. Heute weiß man, auch Erwachsene haben das Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom. Es wird allerdings häufig nicht erkannt.
Kleine Bildergeschichte
Rudern hilft Erwachsene mit ADHS, fokussiert zu bleiben. © Markham Street Films Inc Rudern hilft Erwachsene mit ADHS, fokussiert zu bleiben.
Dr. Laura Gerber, Kinderärztin, hat selbst ADHS. © Markham Street Films Inc Dr. Laura Gerber, Kinderärztin, hat selbst ADHS.
Dr. Russell Schachar Psychiater am "Hospital for Sick Children", Toronto © Markham Street Films Inc Dr. Russell Schachar Psychiater am "Hospital for Sick Children", Toronto

Die neurobiologische Erkrankung ADHS führt im Kindesalter häufig zu Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Allerdings können sich die Symptome im Laufe der Jahre wandeln. Vor allem der ausgeprägte Bewegungsdrang geht oft zurück oder verschwindet sogar ganz.

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Auch Erwachsene leiden
Ein gestörter Stoffwechsel der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn wird für ADHS verantwortlich gemacht. Forscher gehen davon aus, dass diese Störung genetisch bedingt ist. Wurde ADHS nicht schon im Kindesalter diagnostiziert, ist es gut möglich, dass Erwachsene gar nicht oder falsch diagnostiziert werden. Gerade bei Frauen wird das Syndrom häufig mit einer Depression verwechselt. ADHS kann eine Ursache von Stress und Versagen sein, aber auch eine Quelle von Stärke und Kreativität. Erwachsene berichten, wie sie jahrelang versuchten, mit einer Erkrankung klar zu kommen, von der sie nicht einmal wussten, dass sie sie hatten.

Zusammenhang von Nikotin und ADHS
An der Universität von Kalifornien in Irvine zeigt Dr. Jean Gehricke, dass Nikotin - ähnlich wie ADHS-Medikamente - den Dopamin-Spiegel im Gehirn erhöht. Das reduziert die Symptome deutlich, so dass Raucher oft nicht erkennen, dass sie an ADHS leiden,; bis sie versuchen, sich das Rauchen abzugewöhnen. An der Florida State University haben Professor Pradeep Bhide und sein Team erstmals an Mäusen gezeigt, wie Nikotingenuss in der Schwangerschaft dazu führt, dass ADHS an die Kinder weitergegeben wird.

Hyperaktive Jungen fallen schnell auf, während Mädchen häufig durch das Raster fallen. Ein Feldversuch an 50 Kindern testet eine neue, nicht-pharmazeutische Therapie - MegaTeam, ein Videospiel entwickelt vom SickKids-Krankenhaus in Toronto.

Anfangs wurde Ritalin nur für Kinder verschrieben

Das Medikament Ritalin wird seit Anfang der 1990er Jahre intensiv bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS eingesetzt. Kritiker sagen, dass es zu früh und zu häufig verschrieben wird, denn die Nebenwirkungen sind immens. Sie reichen von Schläfrigkeit über Gewichtszunahme bis hin zu psychischer Abhängigkeit.

Mittlerweile gibt es von u.a. von Novartis das Präparat Ritalin® adult. Dieses ist für ADHS-Patienten ab 18 Jahren vorgesehen, auch um einen Übergang der Therapie von Kindern und Jugendlichen ins Erwachsenenalter zu gewährleisten. Das Sympathomimetikum Methylphenidat liegt darin in retardierter Form mit zwei verschiedenen Mikropelletsorten vor, die den Wirkstoff um zwei Stunden versetzt freigeben.

Ritalin aus betäubungsmittelrechtlicher Sicht

Ritalin ist ein Arzneimittel mit dem Amphetamin- und Kokainähnlichen Wirkstoff Methylphenidat. Weitere Methylphenidat-haltige Arzneimittel sind Concerta, Equasym und Medikinet. Methylphenidat unterliegt als verkehrs- und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel der Anl. III zum BtMG. Nach § 2 Abs. 1 lit. a Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV) kann es innerhalb von 30 Tagen bis zu einer Höchstmenge von 2.000 mg verschrieben werden.


Stichwort: Zappelphilipp-Syndrom

Stichwort: ADHS oder Zappelphilipp-Syndrom

ADHS (bzw. ADS, wenn keine zusätzliche Hyperaktivität vorliegt) ist heute eine der am häufigsten diagnostizierte psychische Störung bei Kindern. Das heißt, diese Kinder haben bei Tests verschiedene Symptome aufgewiesen, die für diese Erkrankung sprechen. Die Ursachen sind wissenschaftlich noch nicht geklärt. Es gibt einige Studien, die für eine genetische Disposition sprechen. Experten gehen jedoch davon aus, dass die Krankheit nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist, sondern dass neurobiologische und psychosoziale Faktoren bei der Entstehung zusammenwirken.

Mögliche Kennzeichen sind Ablenkbarkeit, Tagträumerei, mangelndes Durchhaltevermögen, Kritikempfindlichkeit, Vergesslichkeit, mangelnde Selbststeuerungsfähigkeit, niedrige Frustrationstoleranz, Plan- und Antrieblosigkeit, Zappeligkeit und schwache Grob- oder Feinmotorik. Oft kommen seelische Entwicklungsverzögerung, schnelles Ermüden und erhebliche Beeinflussbarkeit hinzu. ADHS ist nicht heilbar,

Betroffene können aber vor allem bei früher Hilfe lernen, unter besseren Bedingungen zu leben und zu arbeiten. Jungen zeigen die Symptome häufiger als Mädchen. Als Ursachen kommen eine vererbte Stoffwechselstörung im Gehirn sowie negative Einflüsse schon nach der Geburt, zu Hause und in der Schule in Betracht.

Ob eine Behandlung der ADHS notwendig ist, hängt von ihrer Schwere ab. Mittel der Wahl bei einer medikamentösen Therapie ist das Stimulans Methylphenidat (wie in Medikinet® adult, Ritalin® adult), das seit 2011 auch zur Behandlung Erwachsener zugelassen ist. Kritiker verweisen auf ungeklärte Spätfolgen des Medikamentes.




Ein Film von Michael McNamara
Der Filmemacher ist auf den Spuren einer Krankheit, die noch viele Fragen aufwirft.





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