Alkoholiker mit Glas © colourbox
Eine Therapie gegen Alkoholismus ist nicht immer erfolgreich.
Eine Therapie gegen Alkoholismus ist nicht immer erfolgreich.
Die Anti-Sucht-Pille
Ein Film von Maureen Palmer und Mike Pond
Alkoholsucht wird meist mit psychotherapeutischen Maßnahmen bekämpft. Den Patienten fällt es dennoch sehr schwer, den Alkoholkonsum zu kontrollieren.
Selbst nach einer stationären Therapie werden etwa 50 Prozent der Patienten innerhalb von ein bis zwei Jahren rückfällig. Eine Anti-Sucht-Pille, die das Verlangen nach dem Rauschmittel Alkohol eindämmt, wäre eine Revolution und ein Segen für die Betroffenen und ihre Familien.

Es gibt gewaltige Veränderungen in der Erforschung von Sucht und Suchtbehandlung, doch die meisten Menschen wissen nichts davon - auch viele Ärzte nicht. Sie verschreiben teure und zeitintensive Verhaltenstherapien, die statistisch gesehen nur bei der Hälfte der Suchtpatienten zu dauerhaftem Erfolg führen. Seit einiger Zeit machen neue Medikamente Alkoholikern Hoffnung, die in das Belohnungssystem des Gehirns, den Dopamin-Haushalt, eingreifen. Das Prinzip: Mit diesen Medikamenten soll Trinken keinen Spaß mehr machen, weil sich die erhoffte Entspannung oder das Hochgefühl nicht mehr einstellen. Doch an der Zulassung von neuen Medikamenten zur Behandlung von Alkoholsucht scheint keiner wirklich Interesse zu haben. Vielleicht geht es dabei auch um Geld: Ein Patient bringt einer Therapieeinrichtung 120 Euro am Tag. Medikamente sind da deutlich günstiger.

Filmautorin Maureen Palmer dokumentiert die Lebens- und Leidensgeschichte von Mike Pond, einem Psychotherapeuten und Alkoholiker, der seit fünf Jahren trocken ist. Mike Pond kennt Alkohol-Abhängigkeit mindestens genauso gut wie viele seiner Patienten. Zwei Jahrzehnte lang hat er als Psychotherapeut Menschen geholfen mit ihrem Suchtverhalten umzugehen, bis die Sucht ihn schließlich beinahe selbst besiegte. Er plädiert dafür, das Suchtverhalten von Alkoholikern endlich als das zu betrachten, was es laut neuronaler Forschung ist: ein medizinisches Problem. Der Film zeigt den neuesten Stand der Forschung zum Thema Drogenabhängigkeit und welche evidenzbasierten Behandlungsformen es gibt, die hilfreicher sind als das spirituelle "Zwölf-Schritte-Programm" der Anonymen Alkoholiker oder die gut gemeinten Ratschläge "einfach keinen Alkohol mehr zu trinken".

Alkoholismus - Zahlen und Fakten auf einen Blick

Wie viele Menschen sind in Deutschland alkoholkrank?
Rund 1,77 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren gelten nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) als alkoholabhängig. Bei weiteren 1,6 Millionen liegt ein Alkoholmissbrauch vor. Jedes Jahr sterben in Deutschland mindestens 74.000 Menschen im Zusammenhang mit Alkohol oder dem kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak.

Wann gilt jemand als alkoholabhängig?
Abhängigkeit lässt sich nicht anhand einer bestimmten täglichen Trinkmenge oder an der Häufigkeit des Konsums festmachen. Ohnehin sind die Übergänge vom risikoarmen über den riskanten und schädlichen Konsum zur Abhängigkeit fließend. Ein Warnzeichen ist es, wenn die Wirkung des Alkohols erst bei größeren Mengen zu spüren ist. Der Körper hat sich dann an eine regelmäßige Dosis gewöhnt. Zudem treten erste Entzugserscheinungen wie Händezittern und Schwitzen auf.

Bei Abhängigen ist Alkohol so wichtig geworden, dass andere Interessen und persönliche Belange vernachlässigt werden. Die Tage werden so geplant, dass Alkohol getrunken werden kann. Betroffene verlieren dabei zunehmend die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum. Ein zentrales Indiz sind wiederholte und erfolglose Versuche, weniger zu trinken oder abstinent zu bleiben. Alkoholabhängigkeit ist in Deutschland seit 1968 als Krankheit anerkannt.

Gibt es Grenzwerte für einen relativ risikoarmen Konsum?
Für Frauen liegen diese Grenzwerte bei 12 Gramm reinen Alkohols und für Männer bei 24 Gramm. Frauen sollten pro Tag höchstens ein Standardglas Alkohol trinken - das entspricht etwa einem kleinen Bier (0,3 Liter) oder einem Glas Wein oder Sekt (0,1 Liter). Männer sollten ihren Alkoholkonsum auf höchstens zwei Standardgläser pro Tag begrenzen. Das ist ein halber Liter Bier oder zwei kleine Gläser Wein. Grundsätzlich sollte jeder an zwei Tagen in der Woche auf Alkohol verzichten. Der Grenzwert für Frauen liegt niedriger, weil ihre Leber Alkohol langsamer abbaut.

Welche körperlichen Symptome zeigen sich bei Abhängigen?
Es können Entzugserscheinungen auftreten wie Schlafstörungen, Ruhelosigkeit, Schweißausbrüche und morgendliches Zittern bis hin zu Krampfanfällen, optischen und akustischen Halluzinationen und Gereiztheit. Es kann auch zu depressiven Verstimmungen kommen bis hin zu Suizidgedanken.

Welche Gesundheitsschäden drohen?
Liegt der Alkoholkonsum regelmäßig über den Grenzwerten, ist das Risiko für bestimmte Erkrankungen erhöht. Dazu zählen eine Leberzirrhose („Fettleber“), Herzmuskelerkrankungen, Bluthochdruck sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Jeder Rausch zerstört Millionen von Gehirnzellen. Auch das Risiko für Krebserkrankungen insbesondere der Leber, in Mundhöhle, Rachen und Speiseröhre und des Enddarms ist erhöht. Zudem kann es zu Impotenz und Übergewicht kommen. Insgesamt ist Alkohol mitverantwortlich für mehr als 200 Krankheiten.

Sendedaten
"Die Anti-Sucht-Pille" am Donnerstag, 22. Juni 2016, 20.15 Uhr in 3sat und in der Mediathek.
Glossar
Ethanol (C2H5OH) - der Alkohol lässt sich trinken
Der berauschende Bestandteil alkoholischer Getränke ist Ethanol (C2H5OH). In kleineren Mengen wirken alkoholische Getränke anregend, in größeren berauschend.
Glossar
Dopamin
Dopamin ist ein anregendes Hormon, das Signale zwischen Neuronen weiterleitet statt sie zu hemmen. Es steuert so emotionale sowie geistige Reaktionen.
Themenwoche
Abhängig!
Alkohol-, Tabletten-, Spiel- und Kaufsucht. Sucht hat viele Gesichter. Der Weg aus ihr heraus ebenfalls. Wenn das Verlangen außer Kontrolle gerät: 3sat beschäftigt sich in der Themenwoche "Abhängig!" in insgesamt 15 Dokumentationen, Dokumentar- und Spielfilmen mit allen Ausprägungen der Sucht.
scobel-Übersicht
scobel: Volksdroge Alkohol
"Die am meisten verbreitete suchterzeugende Substanz bei behandlungsbedürftigen Patienten ist Alkohol." Laut Weltgesundheitsorganisation sind weltweit schätzungsweise 140 Millionen Menschen alkoholkrank. In Deutschland sind derzeit knapp zwei Millionen Menschen alkoholabhängig, ein Drittel mehr als im Jahr 2006.