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Umstrittene Prognosen
Die Macht der Demografen
Wie viele Menschen werden am Ende dieses Jahrtausends leben? Regelmäßig erscheinen neue Zahlen. Doch woher kommen sie? Während bis 1800 die Menschheit gemächlich auf etwa 1 Milliarde Bewohner anwuchs, hat sie sich innerhalb von gut 200 Jahren versiebenfacht. Setzt sich diese Entwicklung fort, wäre der Planet bald zu klein, die natürlichen Ressourcen aufgebraucht.
Doch das Bevölkerungswachstum hängt von vielen Faktoren ab. Und so sind Demografen seit etwa 250 Jahren damit beschäftigt, Prognosen abzugeben. Ausschlaggebend für demografische Analysen sind im Wesentlichen folgende Faktoren: Geburtenzahl, Sterblichkeit, Aus- und Einwanderung, Altersstruktur.

Und hier beginnen schon die Probleme. All diese Werte sind nur für die Vergangenheit gesichert. Niemand kann präzise Entwicklungen wie Technologiesprünge, Kriege, Naturkatastrophen, Wohlstandsverteilung oder Geburtenrückgänge zuverlässig vorhersagen. Die Geschichte der Demografie ist somit auch eine Geschichte der Irrtümer.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging man etwa in England von einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum aus. Für den Großraum London wurden für das Jahr 2010 mehr als 130 Millionen Menschen erwartet, tatsächlich sind es heute knapp 14 Millionen. Die Prognosen der Demografen haben Einfluss auf die Politik, von der Ein-Kind-Politik in China bis hin zu Entscheidungen über die Reform der Sozialsysteme in Deutschland. Und das, obwohl die zugrunde liegenden Daten umstritten sind.

Entscheidende Faktoren vernachlässigt
Die kürzlich erschienene UN-Studie sieht die Bevölkerung bis 2100 auf 9,6 bis 12,3 Milliarden Menschen anwachsen. Doch diese Studie benutzt ein Computermodell, das lediglich die Lebenserwartung von Frauen in jedem Land der Erde mit der Geburtsrate der vergangenen 60 Jahre verknüpft. Mit diesen Daten werden Prognosen für die kommenden 90 Jahre errechnet. Das habe zwar einen gewissen Charme, sagt der Österreicher Wolfgang Lutz vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA), der in Europa als führender Experte auf dem Gebiet der globalen Demografie gilt. Doch ließen die UN-Forscher zum Beispiel den Einfluss wachsender Bildung auf Geburtenrate und Sterblichkeit außer Acht.

Der deutsche Demograf Oskar Burger und seine US-Kollegen John DeLong und Marcus Hamilton beziehen in ihre Vorhersagen gar die weltweit verfügbaren Energie-Ressourcen ein. Ihr Populationsmodell geht von der Beobachtung aus, dass das Bevölkerungswachstum stark vom Pro-Kopf-Energieverbrauch abhängt: Ist genügend Energie nutzbar, begünstigt dies die wirtschaftliche Entwicklung und drückt in der Folge die Geburtenraten.

Gerd Bosbach, Professor für Statistik und Empirik an der FH Koblenz ist sehr skeptisch: "Kein großer Aufschwung, keine Krise ist jemals richtig vorhergesagt worden. Das Statistische Bundesamt weiß auch von dieser Ungenauigkeit von Prognosen und rechnet mit zwölf Varianten. Für die Bevölkerungszahl (in Deutschland) von 2060 bedeutet das einen Unterschied von 15,1 Millionen Menschen!"

Die Sache mit der Politik
Haben demografische Prognosen überhaupt eine belastbare Aussagekraft? Oder werden diese Zahlen lediglich benutzt, um politische Entscheidungen zu rechtfertigen oder politische Fehler der Vergangenheit zu verbergen? Demografische Gutachten sind nur dann sinnvoll, wenn auch der politische und gesellschaftliche Wille zur Veränderung da ist. Was in scharf abgegrenzten geografischen und zeitlichen Dimensionen tatsächlich gut berechenbar ist, wird, global und über Jahrzehnte betrachtet, schnell sehr ungenau. Die demografische Wissenschaft hat noch längst nicht alle Determinanten durchschaut, die das Leben von Menschen beeinflussen.

Sendedaten
21.05.2015, 20.15 Uhr
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