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Die Mischung der Reize macht es
Thema zur Sendung "Tödliche Langeweile"
In der Schule ist Langeweile weit verbreitet. Je größer die Schulklasse, desto mehr langweilen sich die Schüler, so die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen. Eine kürzlich veröffentliche Videoanalyse der Goethe-Universität in Frankfurt am Main liefert weitere Fakten.
In einer aufwendigen Studie untersuchte Kristina Kögler vier bayerische Berufsschulklassen in den Fächern Rechnungswesen und Betriebswirtschaft. Über einen Zeitraum von sechsundfünfzig Unterrichtseinheiten wurden die Schüler mit zwei festinstallierten und einer Handkamera im Klassenzimmer gefilmt.

Lupe
Kristina Kögler, Goethe-Universität, Frankfurt:
"In mehr als 30 Prozent der Unterrichtszeit langweilen sich die Lernenden in der betrachteten Stichprobe überdurchschnittlich."

Was in der Schule beginnt, setzt sich für manche im Arbeitsalltag fort: Jeder zehnte deutsche Arbeitnehmer ist vom sogenannten Boreout betroffen. Die Betroffenen sprechen kaum über ihr Leid. Häufig täuschen sie aus Unsicherheit intensive Beschäftigung vor.

In Hamburg beginnt Stefan seinen zweiten Tag im Selbstversuch. Auch heute hat er keinen Arbeitsauftrag. Privates Surfen im Internet ist ihm ab sofort verboten. In einer normalen Arbeitssituation wäre es ohnehin ein Kündigungsgrund.

Stefan Witte:
"Ich bin ein bisschen müde und habe heute Morgen extreme Schwierigkeiten gehabt aus dem Bett zu kommen, vielleicht hat das damit zu tun, dass ich schon gewusst habe, dass hier keine Aufgaben auf mich warten. Die Motivation ins Büro zu fahren, war jetzt nicht besonders stark, um ehrlich zu sein."

Isolationshaft ist eine Folter
Je weniger äußere Reize ein Mensch erfährt, desto schneller stellt sich Langeweile ein. Stefans Computer wird abgebaut, seine für heute geplante Selbstbeschäftigung ist damit hinfällig. Zur Ablenkung bleibt Stefan jetzt nicht mehr viel. Und so richtig konzentrieren kann er sich auf die Lektüre der Zeitschrift offenbar auch nicht.

Lupe
Für Stefan bricht die zweite Hälfte des heutigen Versuchstages an. Die Stunden vergehen wie in Zeitlupe. Im Nebenraum wird sein Verhalten permanent überwacht. Ab heute bekommt Stefan sein Mittagessen ins Arbeitszimmer gebracht. Er darf den Raum nur noch für Toilettenbesuche verlassen und soll keinerlei Kontakt zu Kollegen unterhalten. Und Lesen ist jetzt auch nicht mehr erlaubt.

Stefan Witte:
"Ich muss ehrlich sagen, ich war doch ziemlich frustriert, ich hatte zwar damit gerechnet, dass man mir nach und nach meine Ablenkungsmöglichkeiten wegnimmt, aber dass das alles so schnell passiert und dass das vor allem an einem Tag passiert, damit habe ich jetzt doch nicht gerechnet."

Erste Anzeichen von Müdigkeit stellen sich bei Stefan ein.

Gerd-Günter Voß, Soziologe:
"Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen unbedingt Kontakt zu anderen Menschen. Wir brauchen die Anregung, die Ansprache. Wir sind aber auch in dem Sinne Wesen, die sehr aktiv sind und sein müssen. Wir brauchen entsprechende Reize, die uns zur Aktivität auffordern. Und in einer absolut reizarmen Situation besteht die Gefahr, dass wir krank werden. Isolationshaft - also Reizentzug - ist eine Folter, wie man weiß. Aber es ist nicht so, dass wir permanent in der Reizüberflutung leben wollen und können, das macht uns auch krank, sondern die Mischung macht es, die Abwechslung."

Sendedaten
23.07.2015, 20.15 Uhr

Erstsendung: 25.09.2014
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