Salzreduktion senkt den Blutdruck, bei Gesunden ein wenig, bei Hypertonie etwas mehr.
Eine salzbewusste Ernährung ist nahezu unmöglich
Wir können nicht auf Salz verzichten. Es wird seit Jahrtausenden genutzt, um Lebensmittel schmackhaft und haltbar zu machen. Es sorgt zudem für die Regulierung des Wasserhaushalts und ist für unser Nervensystem unverzichtbar.
Wird der Mensch nicht mit Salz versorgt, stirbt er. In den letzten Jahren scheint Salz aber nur noch als Gesundheitsgefährdung gesehen zu werden. Dabei gibt es zahlreiche andere - vielleicht wirksamere - Möglichkeiten, um Hypertonie vorzubeugen, als Salz zu reduzieren. Neben ausgewogener Ernährung und weniger Stress, ist vor allem Bewegung ein entscheidender Faktor. Einige Mediziner raten aktiven Sportlern sogar davon ab, sich salzarm zu ernähren. Auch bei älteren Menschen sehen manche Wissenschaftler den Nutzen von Salzreduktion kritisch. Viele Senioren trinken zu wenig und nehmen entwässernde Medikamente ein. Die Folge: Natrium- und Kaliumverluste, die in Extremfällen zu Verwirrung oder Ohnmacht führen.

Karsten Sydow, Kardiologie:
"Also, das sind sicherlich ganz wenige Spezialfälle, wo man sagen würde, da ist eine Salzrestriktion nicht erforderlich. Gerade auch wenn Sie die älteren Patienten ansprechen, gerade für die ist gezeigt, dass die insbesondere auch von einer Salzreduktion profitieren."

Vermeintlichen Gewissheiten
Andreas Waltering und seine Kollegen vom IQWIG sind verblüfft, dass die vermeintlichen Gewissheiten so hartnäckig vertreten werden. Zumal eine Studie, die 2013 im Fachblatt Heart veröffentlicht wurde, zu überraschenden Ergebnissen kommt. Von 2700 Herzpatienten bekamen einige täglich sehr wenig Salz zu essen. Und die hatten demnach eine um 95 Prozent höhere Gesamtsterblichkeit als diejenigen Herzpatienten, die sich normal ernährten.

Andreas Waltering, IQWIG:
"Es gibt auch erste Hinweise darauf, dass eine spezielle Gruppe von älteren Menschen, die eine Herzmuskelschwäche haben, dass da sogar ein Salzverzicht einen gegenteiligen Effekt hat. Diese Studie ist auch umstritten unter Medizinern, aber man kann es durchaus als ersten Hinweis darauf sehen, dass ein Salzverzicht unter Umständen auch zu gesundheitlichen Problemen führen kann."

Mit den Studien ist es so eine Sache: Die höchste Instanz evidenzbasierter Medizin, die Cochrane Collaboration, hat viele Salz-Studien in zwei Metaanalysen zusammengefasst. Davon befürwortet eine Salzreduktion. Die andere nicht, da unerwünschte Nebeneffekte beobachtet wurden. Einigkeit nur darin: Salzreduktion senkt den Blutdruck, bei Gesunden ein wenig, bei Hypertonie etwas mehr.

20 Prozent der Salzaufnahme durch eigenes Salzen
Zuviel Salz in der Nahrung?
Zuviel Salz in der Nahrung?
Der menschliche Körper reagiert auf Salzeinnahme mit Dopaminausschüttung, was ein unmittelbares Belohnungsgefühl erzeugt. Darum ist es so schwer, darauf zu verzichten. Nur ca. 20 Prozent der täglichen Salzaufnahme nehmen die meisten Deutschen durch eigenes Salzen der Nahrung zu sich. Die restlichen 80 Prozent stecken in vorproduzierten Lebensmitteln. Nährwerttabellen auf den Verpackungen sollen informieren. Doch dort ist nur der Natriumgehalt aufgeführt. Will man den Kochsalzgehalt ermitteln, muss man den Natriumgehalt mit 2,54 multiplizieren. Wie soll das im Alltag funktionieren? Bei frischen Lebensmitteln wie Brot oder Wurst gibt es gar keine Deklaration.

Mindestens zwei Gramm Salz sollte ein erwachsener Mensch täglich zu sich nehmen. Laut Robert-Koch-Institut konsumieren Frauen durchschnittlich 6,5 Gramm, Männer sogar neun Gramm. Vermutlich liegt der tatsächliche Konsum viel höher, da Nachsalzen und Salz in Fertigprodukten bei diesen Erhebungen nicht berücksichtigt wurden. Aber wer kann im Alltag schon auf Laboruntersuchungen zurückgreifen oder permanent umrechnen und zusammenzählen? Wer auf Salz achten möchte oder sollte, hat es schwer. 2010 lehnte das EU-Parlament die Einführung einer Lebensmittel-Ampel ab, die salzhaltige, aber auch fett- und zuckerhaltige Produkte mit Rot kennzeichnen sollte.

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