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Definitiv unverzichtbar, möglicherweise gefährlich
Thema zur Sendung "Gutes Salz, böses Salz"
Jochen Baumann leidet seit über 30 Jahren an hohem Blutdruck. Und genauso lange versucht er das Problem in den Griff zu kriegen. Denn die Folgen können gravierend sein: Nierenprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Ulrich Wenzel
Sein behandelnder Arzt ist der Internist und Nierenspezialist Ulrich Wenzel. Laut Ulrich Wenzel ist für Jochen Baumann ein Blutdruck unter 140 zu 90 erstrebenswert. Diesen Wert bezeichnet auch die Europäische Gesellschaft für Bluthochdruck als normal. Die Ursachen, die zu Hypertonie führen, sind vielfältig. Manche Menschen haben generell einen höheren Blutdruck als andere. Der Internist und Nierenspezialist Ulrich Wenzel behandelt seit Jahren Hypertonie-Patienten und forscht zum Thema. Er ist überzeugt, dass der Salzverzehr eine wichtige Ursache für die Leiden von Jochen Baumann ist. Wie zahlreiche seiner Kollegen empfiehlt er den Salzkonsum zu reduzieren. So könnten der Blutdruck gesenkt und Folgeprobleme verhindert werden.
Ulrich Wenzel, Facharzt für Innere Medizin:
"Kochsalz ist letztendlich essentiell. Sie brauchen Kochsalz in jeder Zelle Ihres Körpers und Sie müssen auch ein Minimum an Kochsalz jeden Tag essen, um zu leben. Also Kochsalz ist Leben. Aber es ist, wenn Sie so wollen, nach Paracelsus, die Dosis ist das Gift."

Sechs Gramm pro Tag
Es gibt zahlreiche Studien zu Bluthochdruck und Salzreduktion. Kaum eine hat einen solchen Einfluss auf die Haltung von Medizinern, wie die Intersalt-Studie aus den 1980er Jahren. Über 10.000 Menschen aus 32 Ländern wurden damals untersucht. Zudem wurden die Blutdruckmessungen einheitlich durchgeführt. Laut Wenzel zeigt die Studie einen klaren Zusammenhang zwischen Kochsalzkonsum und Blutdruck. In Finnland hat das nationale Ernährungsamt schon 1978 eine Salzreduktion empfohlen, Später wurde sogar ein Salzersatzstoff eingeführt. Der Salzgehalt im 24-Stunden-Urin bei finnischen Männern sank in 30 Jahren um fast ein Drittel. Ähnliches in Großbritannien: Eine Lebensmittelampel auf Produktpackungen warnt vor zu viel Salz. Der Salzgehalt in Lebensmitteln ist gesunken, doch das Ziel, dass Menschen nicht mehr als sechs Gramm pro Tag zu sich nehmen, ist noch nicht erreicht.


Indianer und Japaner lassen sich nicht vergleichen
Andreas Waltering
In Deutschland gibt es derlei Maßnahmen nicht. Auch weil einige Wissenschaftler die Erkenntnisse der Intersalt-Studie kritisch sehen. Der Mediziner Andreas Waltering arbeitet für das unabhängige Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWIG. Dessen Aufgabe ist es, Nutzen und Schaden von medizinischen Maßnahmen kritisch zu untersuchen. Andreas Waltering prüft seit 9 Jahren intensiv Studien zu Kochsalz und Bluthochdruck. Er sieht keinen Anlass, sich das Essen vermiesen zu lassen. Andreas Waltering ist überzeugt: Es gibt bislang keinen haltbaren wissenschaftlichen Beweis dafür, dass man durch salzarme Kost schweren Krankheiten vorbeugen kann.
Andreas Waltering, IQWIG:
"Wir schauen ja nur auf den Bluthochdruck und schielen, wir schrauben an einem Wert. Der Wert hat für mich keine gesundheitliche Bedeutung, sondern wichtig ist ja für mich, senkt es die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Schlaganfall bekomme, senkt es die Wahrscheinlichkeit, dass ich keinen Herzinfarkt bekomme, sterbe ich später, lebe ich länger. Und das fehlt halt, der Beweis dafür."
Auch die Intersalt-Studie sieht Andreas Waltering kritisch. Sie vergleicht z. B. Japaner, die mit über 11 g täglich besonders viel Salz zu sich nehmenund öfter hohen Blutdruck haben, mit Yanomami Indianer im Amazonas-Urwald. Die essen weniger als einGramm Salz pro Tag und kennen die Krankheit Bluthochdruck nicht. Doch dieser Vergleich greift viel zu kurz.

Andreas Waltering, IQWIG:
"Im Amazonas, die essen vielleicht auch weniger Salz als wir, aber ein Amazonas-Indianer ist wahrscheinlich auch mehr unterwegs als wir, betätigt sich körperlich mehr als wir, ist in der Regel wahrscheinlich auch schlanker als der Durchschnittsdeutsche usw. Sie können das nicht allein am Salzkonsum festmachen, dass die weniger Schlaganfälle haben, sondern das hat so viele Faktoren, die Sie dann in der Studie nicht alle untersuchen können."

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