Clemens Arvay im Wald © Martina Reithofer
Unser Gastautor: Der Biologe und Buchautor Clemens Arvay.
Unser Gastautor: Der Biologe und Buchautor Clemens Arvay.
Mein Freund, der Baum
Clemens Arvay ist auf der Suche nach heilsamen Naturerfahrungen
Eine gestresste Gesellschaft sucht Ruhe in der Natur: Ein positiver Trend, wie die Wissenschaft beweist. Im Wald atmen wir heilsame Stoffe ein, die die Gesundheit fördern.
Der Wald erlebt eine Renaissance. Dass Waldspaziergänge unserer Psyche guttun und gegen Stress helfen, hat bestimmt jeder von uns bereits selbst erlebt. Doch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse lassen staunen: Wälder bergen sogar ein medizinisches Potenzial und tragen dazu bei, uns vor Krankheiten zu schützen und Heilungsprozesse zu fördern.

Immer mehr Menschen entdecken den Wald als Refugium. Das deutsche Umweltministerium möchte sogar fünf Prozent der Waldgebiete im Bundesgebiet wieder zu Urwäldern machen. Dabei geht es nicht nur um den Wald als Lebensraum für Tiere, Bäume und andere Pflanzen, sondern auch als Erholungsort für den Menschen. Denn der Mensch ist kein naturfremdes Subjekt, sondern ein Naturwesen.

Der Wald bringt die "Killerzellen" auf Touren
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Clemens Arvay im Interview
Dass Waldluft unser Immunsystem noch besser in Balance bringt, als wir bisher dachten, und uns sogar vor Herzinfarkt schützt, hat der japanische Arzt und Waldmediziner Prof. Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio in jahrelangen Feldstudien beweisen können. Hunderte Versuchspersonen zeigten bei Blutabnahmen nach Waldspaziergängen einen deutlichen Anstieg der natürlichen Killerzellen. Diese spezielle Form der weißen Blutkörperchen hat die Aufgabe, Viren aus unserem Körper zu eliminieren und gefährliche Zellen, die zu Tumoren entarten könnten, aufzuspüren.

Der Wald vergrößert nicht nur die Anzahl dieser wichtigen Abwehrzellen, er macht sie auch aktiver. Ein Tag im Wald führte den Studien zufolge zu einem 40-prozentigen Anstieg natürlicher Killerzellen im Blut, zwei Tage sogar zu einer Steigerung um 50 Prozent. Wer mindestens zwei volle Tage pro Monat in einem Waldgebiet verbringt, kann mit einer dauerhaft positiven Wirkung auf das Immunsystem rechnen, wobei die Regelmäßigkeit der Waldbesuche ein sehr wichtiger Faktor ist.

Um in den Genuss des gesundheitsfördernden Effekts der Waldluft zu kommen, muss man nicht unbedingt wandern oder Sport treiben. Es kommt allein auf das Einatmen der Waldluft an, denn die ist ein Cocktail aus bioaktiven Substanzen, die sich äußerst günstig auf unsere Gesundheit auswirken. Dies wissen wir aus waldmedizinischen Experimenten der "Nippon Medical School", in denen Versuchspersonen in Hotels untergebracht wurden. Alle Teilnehmer aßen dasselbe und schliefen unter denselben Bedingungen. Es gab nur einen feinen, aber entscheidenden Unterschied: Die Hälfte von ihnen bekam nachts über einen Zerstäuber gasförmige Substanzen aus der Waldluft verabreicht, die von Bäumen abgegeben werden. Bei der anderen Hälfte wurde die Luft nur mit herkömmlichem Wasserdampf angereichert. Und siehe da: Blutproben am nächsten Tag zeigten, genauso wie im Wald, einen Anstieg der natürlichen Killerzellen bei den Teilnehmern, die Baumsubstanzen eingeatmet hatten. Bei der anderen Gruppe hingegen gab es keine solche Veränderung. Seither wissen wir, welche Stoffe aus der Waldluft uns besonders gut tun: Es sind Terpene.

Bäume und Sträucher tauschen Informationen aus
© dpa Bäume "reden" miteinander.
Bäume "reden" miteinander.
Terpene stellen die größte Gruppe sekundärer Pflanzenstoffe dar und spielen eine wichtige Rolle im Sozialleben der Pflanzen. Wir können uns den Wald wie einen einzigen riesengroßen, kommunizierenden Organismus vorstellen. Um das Ökosystem Wald aufrechtzuerhalten, tauschen Bäume, Sträucher und andere Pflanzen Botschaften untereinander aus. Sie können einander beispielsweise über Schädlinge informieren, die im Anrücken sind. Das geht so weit, dass von Baum zu Baum auch Informationen über die Art und Größe der Schädlingsarmee weitergegeben werden. So können alle Pflanzen ihre Immunsysteme hochfahren und sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion schützen. Um sich gegenseitig Botschaften zukommen zu lassen, benutzen die Pflanzen chemische "Wörter", die in die bereits genannte Stoffgruppe der Terpene gehören.

Manchmal können wir diese Terpene im Wald riechen, denn sie sind die wichtigsten Bestandteile der ätherischen Öle aus Bäumen und anderen Pflanzen. Wenn wir die Terpene aus der Waldluft einatmen, reagiert unser Immunsystem nicht nur mit einer Vermehrung der natürlichen Killerzellen, sondern auch der drei wichtigsten Anti-Krebs-Proteine. Mit diesen beschießt und vergiftet unser Immunsystem gefährliche Zellen, die zu Krebs führen können oder bereits mutiert sind.

Der Wald kann also unsere körpereigenen Schutzmechanismen gegen Krankheiten stärken und Heilungsprozesse fördern. Selbstverständlich ist er kein Ersatz für medizinische Behandlungen, sondern lediglich eine natürliche Ergänzung, mit der wir unser Immunsystem ins Gleichgewicht bringen können. Eine groß angelegte Untersuchung von Qing Li zeigte, dass die Krebssterblichkeit in bewaldeten Gebieten tatsächlich geringer ist als in unbewaldeten.

Auch internationale Krebsforscher, die sonst mit Bäumen gar nichts am Hut haben, stießen auf die Terpene aus dem Wald. Mehrere Laboruntersuchungen zeigten eindeutig, dass Terpene wie die Limonene und Pinene vor Krebs schützen und das Tumorwachstum hemmen können. Derzeit laufen Forschungen, in denen ein möglicher zukünftiger Einsatz von Terpenen in der Onkologie geprüft wird.

Heilsam sind vor allem Nadelbäume
© mev Nadelbäume geben besonders viele Terpene ab.
Nadelbäume geben besonders viele Terpene ab.
Terpene werden vor allem von Kiefern, Fichten, Tannen und anderen Nadelbäumen abgegeben. Jedoch sondern auch Laubbäume gesundheitsfördernde Terpene ab. Messungen haben gezeigt, dass besonders viel von diesen wertvollen Pflanzenstoffen über die Borke der Laub- und Nadelbäume freigesetzt wird. So gesehen bekommt das von manchen Menschen praktizierte Umarmen von Bäumen eine neue Bedeutung, denn schließlich rückt dabei die Nase besonders nah an die Borke heran.

Blätter sind ebenfalls eine ergiebige Quelle für Terpene, doch die Substanzen entströmen sogar dem Humusboden, wo sie von Wurzeln und Mikroorganismen abgegeben werden. Nach Regen oder bei Nebel, also bei klimatischen Bedingungen mit hoher Luftfeuchtigkeit, ist auch der Terpengehalt im Wald besonders hoch. Im Sommer ist die Konzentration am höchsten, im Winter nimmt sie ab, erreicht aber niemals Null.

Waldluft kann auch dazu beitragen, uns vor Herzinfarkt zu schützen. Sie fördert die Bildung einer natürlichen Herzschutzsubstanz in unserer Nebennierenrinde, die Biologen und Mediziner DHEA nennen, Dehydroepiandrosteron. Der Wald senkt nachweislich den Blutdruck, reduziert den Gehalt an Stresshormonen im Blut und führt sogar zu einem Rückgang des Blutzuckerspiegels.

All diese Erkenntnisse zeigen, wie wichtig es ist, die Wälder der Erde zu bewahren. Denn der Mensch braucht die Natur. Die Trennung von ihr macht uns hingegen krank. Diese Einsicht wird auch die Medizin der Zukunft erfolgreicher machen.

Schon der bloße Anblick eines Baumes kann heilsam sein
Bereits in den 1980er-Jahren erbrachte der Gesundheitswissenschaftler Prof. Roger Ulrich in einer jahrelangen klinischen Studie den Beweis, dass schon der bloße Anblick eines Baumes die Selbstheilungskräfte des Menschen aktiviert. Patienten, die nach Operationen aus dem Krankenhausfenster auf einen Baum blicken durften, konnten deutlich früher nach Hausegehen als diejenigen, die nur eine Hausmauer sahen. Der Einsatz von Schmerzmitteln war bei der "Baumgruppe" signifikant geringer und die Wundheilung war beschleunigt. Es gab sogar weniger postoperative Komplikationen. Diese Studie wurde im renommierten Wissenschaftsjournal "Science" publiziert.

Die medizinische Wirkung des Anblicks von Bäumen lässt sich über die Aktivierung des Parasympathikus erklären. Das ist ein Teil unseres Nervensystems, der unseren Organismus in den Modus der Regeneration und Heilung versetzt. Statistisch betrachtet, würden schon zehn zusätzliche Bäume rund um den Wohnblock eines Stadtbewohners zu einer biologischen Verjüngungskur um sieben Jahre führen. Zu diesem Ergebnis kam der Neuropsychologe Prof. Marc Berman an der Universität von Chicago in einer groß angelegten Studie aus dem Jahr 2015, die im naturwissenschaftlichen Fachjournal "Nature" veröffentlicht wurde. Anhand von Satellitenbildern von Großstädten und den Gesundheitsdaten der Einwohner konnten Berman und sein Team beweisen, dass mehr Bäume in Großstädten zu einem Rückgang chronischer Erkrankungen führen.

In Japan hat das "Waldbaden" eine lange Tradition
Japan ist in der Umsetzung dieser Erkenntnisse wegweisend. Waldmedizin ist dort bereits staatlich anerkannt und wird mit öffentlichen Geldern gefördert. Krankenkassen bezahlen waldmedizinische Maßnahmen, bei denen Ärzte mit Patientengruppen in den Wald gehen, um Atemübungen sowie Entspannungstraining durchzuführen. Dies geht unter anderem darauf zurück, dass Shinrin Yoku, das "Waldbaden", in Japan eine lange Tradition als Volksmedizin hat.

Was die Wissenschaft allmählich beweist, spüren Milliarden von Menschen überall auf der Erde: Der Wald tut uns gut. Wälder sind Orte der Sehnsucht, an denen wir uns wieder mit unseren Ursprüngen verbinden. Sie sind ein Teil unserer Identität als Menschen. Deswegen bergen Wälder für uns auch stets ein mystisches Potenzial, das nicht nur auf der biochemischen Ebene erklärt werden kann: Der Wald berührt unsere Seele. Es ist daher nicht verwunderlich, dass mittlerweile auch immer mehr Menschen den Wald als letzte Ruhestätte wählen. Doch in allererster Linie ist der Wald ein Ort des Lebens, den wir regelmäßig aufsuchen sollten.


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