© Sueddeutsche Zeitung Tobias Seeliger
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Mit Peter Liechti hat die Schweizer Filmszene letztes Jahr einen ihrer innovativsten Schaffer verloren.
Peter Liechti: Konsequent bis zum Schluss
Mit seiner Kamera hat er genau hingeschaut: Der Filmemacher Peter Liechti zählte zu den eigenwilligsten Regisseuren im Schweizer Filmschaffen. Sein nächstes Filmprojekt "Dedictions" wollte er seiner Krebserkrankung widmen. Den Film konnte er nicht mehr vollenden. Er starb im April 2014 an den Folgen seiner schweren Krankheit.

Er ging den Dingen auf den Grund, konsequent und radikal. Peter Liechtis Filme tragen unverkennbar seine eigensinnige Handschrift. Ein Regisseur, der mit jedem Film Neuland betreten hat und selbst vor steinigem Terrain nicht innehielt. Sein letzter Film "Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern" war da keine Ausnahme. Während eines Jahres hatte Liechti seine Eltern in ihrer rechtschaffenen Alltagswelt mit der Kamera begleitet. Ein Film, der die Entfremdung zwischen Sohn und Eltern zeigt und gleichzeitig das Milieu der kleinbürgerlichen Eltern, stellvertretend für eine ganze Generation.


© keystone Peter Liechti: ein Filmemacher mit Mut.
Peter Liechti: ein Filmemacher mit Mut.
„Um überhaupt einen Film zu machen, muss man schon sehr mutig sein – oder sehr dumm. In diesem Sinne sind alle guten Filme auch mutige Filme. Radikalität kann schnell zum Selbstzweck mutieren; ich bevorzuge deshalb den Begriff konsequent.“


Als "den grossen Experimentator im gegenwärtigen Schweizer Kino" beschrieb ihn einst die Neue Zürcher Zeitung. Liechti experimentierte nicht nur auf der Bildebene. Seine Alltagsbeobachtungen hat er in Essays und tagebuchartigen Einträgen zusammengefasst. Die Texte sind parallel zur Arbeit an seinen Filmen entstanden. "Für mich bedeuten sie gleichermassen Reflexion, Repertoire, Kommentar, innerer Monolog oder 'Nebenprodukt' meiner Filmerei. Schreiben und Filmen gehören bei dieser Arbeitsweise untrennbar zusammen", sagte Liechti damals über sein Buch "Lauftext – ab 1985".


© Keystone Als Filmschaffender war Liechti immer auf der Suche nach der Wahrheit.
Als Filmschaffender war Liechti immer auf der Suche nach der Wahrheit.
"Diese ganze Rea­li­tät geht mir zu schnell. Viel­leicht bin ich auch zu lang­sam, jeden­falls laufe ich nicht syn­chron mit ihr. Des­halb muss ich alles auf Film auf­neh­men, vor mir aus­brei­ten, wie­der und wie­der neu auf­rol­len und aus allen Per­spek­ti­ven betrach­ten, um mir so ein eige­nes klei­nes Kalei­do­skop aus Rea­li­tätsfrag­men­ten zusam­men­zu­stel­len."


Seine Filme sind der Kategorie Dokumentarfilm zugeordnet, doch ein klassischer Dokumentarfilmer war Liechti nicht. In "Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern" inszeniert er die Gespräche fragmentarisch als Puppentheater: Seine Eltern lässt er dazu als Hasenfiguren auftreten. Liechti ging mit wachem Blick durch seinen Alltag, stets auf der Suche nach der Wahrheit. Auch eine "dokumentierende Darstellung" einer Realität, meinte er, sei nie objektiv. Mit viel Fingerspitzengefühl verwob er in seinen Werken Dokumentation mit Inszenierung. In seinem nächsten Filmprojekt "Dedictions" wollte sich Liechti seiner Krebserkrankung widmen. Den Film konnte er aber nicht mehr vollenden. Die Krankheit hatte ihn nach jahrelangem Kampf besiegt.


© keystone Sein Schaffen war auch Annäherung an sich selbst.
Sein Schaffen war auch Annäherung an sich selbst.
"Ich will nichts behaupten oder beweisen mit meinen Filmen, sondern eher etwas berühren. Ich möchte mich annähern, es für mich selber entdecken."
Peter Liechti (1951-2014)



Programmtipp
© Peter Liechti Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern , ein Film von Peter Liechti

Montag, 19. Februar 2018
22.25 Uhr

(Erstausstrahlung April 2015)

Ein Jahr lang hat der Filmemacher Peter Liechti seine Eltern mit der Kamera begleitet. Liechti fühlte sich stets als Fremder der Familie; diesem Gefühl geht er in "Vaters Garten" auf den Grund. Vater und Mutter lassen sich darauf ein. Doch es wird deutlich, dass Max und Hedy Liechti - seit 62 Jahren verheiratet - grundverschiedene Charaktere sind. Beide hatten Träume und Sehnsüchte, die unerfüllt geblieben sind, weil sie so weit auseinanderklaffen.
Zur Person
© KeystoneLupePeter Liechti wurde 1951 als Sohn eines Versicherungsinspektors und dessen Frau in St. Gallen geboren. Er hatte Malerei und Kunstgeschichte studiert, bevor er sich für den Film entschied. Seine Wahl fiel auf aussergewöhnliche Themen. So schilderte er in "Hans im Glück" (2003) seinen Selbstversuch, sich beim Wandern das Rauchen abzugewöhnen. Ein Höhepunkt in seiner Karriere war der Film „Das Summen der Insekten“, für welchen er mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis (2009) ausgezeichnet wurde. Liechti wählte die Perspektive eines Sterbenden während seiner letzten Tage vor dem Hungertod. Als Annäherung an seine Eltern drehte er „Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“ (2013), in dem er die Entfremdung zwischen ihm und seinen Eltern aufarbeitete. Peter Liechti starb im April 2014 nach schwerer Krankheit im Alter von 63 Jahren in Zürich.
Dokumentarfilmzeit
Montags um 22.25 Uhr
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