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Kolumne: Waffen können am Ende gegen uns selbst gerichtet werden
Gert Scobels Gedanken zu "Despoten auf dem Vormarsch"
Es ist gewinnbringend, Thomas Hobbes 1651 erschienene Schrift Leviathan erneut mit dem Blick auf die Welt zu lesen, in der wir gegenwärtig leben.
Der englische Philosoph und Staatstheoretiker, der 1679 hochbetagt im Alter von 91 Jahren starb, war der Ansicht, dass die Ursachen für ein Gemeinwesen vor allem in der Vorsorge für Selbsterhaltung liegen (darin ist er bis in die Terminologie hinein überaus modern). Darüber hinaus hat die Errichtung eines Gemeinwesens mit unser aller Suche nach einem zufriedenen Leben zu tun. Leider sind Verträge ohne Schwert nur Worte, bemerkt Hobbes. Es muss daher eine Macht geben, die für Sicherheit sorgt. Die Menschen befinden sich ständig in Konkurrenz. Folglich entstehen Neid und Hass und schließlich Kriege.

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Das klingt nicht nur modern - es ist modern, auch wenn Hobbes diesen Herrscher, der für Ordnung sorgt und vernünftigen Kreaturen, wie uns, Beständigkeit bietet, um unsere Handlungen zum gemeinsamen Wohl zu lenken, nach der Bibel "Thomas Hobbes" nennt. In Wahrheit ist dieser Souverän jedoch ein Mensch, schreibt Hobbes im 17. Kapitel, oder eine Versammlung von Menschen, dem oder der wir das Recht übertragen, uns zu regieren. Dieser Souverän des Gemeinwesens ist ein sterblicher Gott: aber er hat souveräne Macht. Jeder andere ist Untertan. Wir scheinen diese Form der Herrschaft nicht nur zu brauchen: wir brauchen sie, so Hobbes.

Dafür scheint vieles zu sprechen. Man braucht sich nur mit den Kriegen und den Bloodlands zu beschäftigen, wie der vielfach ausgezeichnete amerikanische Historiker Timothy Snyder, der an der Yale University forscht. In seinem Buch "Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann" bemerkt er: "Vielleicht stellen wir uns vor, inmitten irgendeiner künftigen Katastrophe würden wir auf Seiten der Retter sein. Dich wenn Staaten zerstören, lokale Institutionen korrumpiert und Marktanreize auf Mord ausgerichtet wären, würden sich nur wenige von uns anständig verhalten." Genau das ist, in moderner Sprache und mit dem Wissen um den Holocaust, die Schrecken Stalins, Maos, Pol Pots und vieler anderer, ein Gedanke von Hobbes, der hier in neuer Gestalt begegnet.

Zunahme und der Intensität von Gewalttaten
Ähnliches bemerkt auch der polnisch-britische Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman, der Anfang des Jahres starb. Im ersten, mit "Zurück zu Hobbes" überschriebenen Kapitel seines gerade erschienen Buches "Retrotopia" schreibt Bauman, dass wir uns- mit Blick auf die Häufigkeit der Nachahmung von Gewalttaten - für etwas interessieren, das unmittelbar mit dem Phänomen der Zunahme und der Intensität von Gewalttaten zusammenhängt, in der oft ein Zeichen für die Wiederkehr einer Hobbes`schen Welt (eigentlich aber genau umgekehrt: unserer Rückkehr in die Welt von Hobbes) erblickt wird.

Natürlich befinden wir uns in einem anderen Jahrhundert als Hobbes. Aber sind nicht die Motive, sich nach Sicherheit zu sehnen (und genau mit diesem Wunsch nach absoluter Sicherheit, alle Freiheit auszuschalten und genau den Untergang hervorzurufen, den wir vorgeblich vermeiden wollen) dennoch dieselben geblieben? Es ist wirklich naiv anzunehmen, dass die Millionen von Waffen, die wir produzieren, nicht abgefeuert werden.

Gerade wurde der jährliche Global Arms Report des Stockholmer Instituts für Friedensforschung SIPRI veröffentlicht. Deutschland hat demnach 2016 seine Waffenexporte um 6.6 Prozent gesteigert. Insgesamt hat Westeuropa für 91 Milliarden Dollar Waffen produziert. Auch das könnte von Hobbes kommen, der das gefährliche Rumoren im Untergrund thematisiert - ein Grollen, das wir ängstlich vernehmen, um es dann notfalls mit Waffen im Mittelmeer einzudämmen, während wir daheim selbst weiter die Waffen produzieren, die am Ende gegen uns gerichtet werden können. Auch die scheinbar harmlose digitale Welt der Apps und Informationen, die wir bedenkenlos durch die Filter der Geheimdienste und Unternehmen jagen, birgt massive Gefahren in sich.


Die chinesische Regierung stellt eine Herausforderung dar
Vielen erschrockenen, verunsicherten und abgehängte Menschen, die sich nach Orientierung sehen, erscheint gegenwärtig ein wohlwollend formuliert "experimentelles Regierungsdesign" wie in China ein echter Lichtblick zu sein. China bringt grüne Technologie nach vorne, ermöglicht neue Wirtschafts- und Lebensformen, zumindest in Sonderwirtschaftszonen. Doch das ist nur die eine Seite des Ein-Parteienstaates. Yangyang Cheng ist eine chinesisch stämmige Physikerin, die heute in den USA an der Cornell University forscht. Im Jahre 2009 verließ sie China mit 19 Jahren - nach dem Tod ihres unerwartet verstorbenen Vaters, eines Professors für Maschinenbau, um in den USA zu promovieren. Sie hat China seitdem nicht mehr besucht.

In einem Interview mit Spektrum.de sagte sie: "Als Hongkong vor 20 Jahren an China übergeben wurde, dachten einige, dass das ein Katalysator für die Freiheit in China sein könnte. Heute ist China unfreier und Hongkong unfreier. Dasselbe gilt für die Erwartungen nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation. Die westlichen Gesellschaften haben den Einfluss Chinas oft unterschätzt und dessen Absichten und Ambitionen missverstanden. Und sie haben gleichzeitig ihr Bekenntnis zu ihren eigenen Prinzipien überschätzt." Und auf die Frage hin, ob westliche Wissenschaftler die Art und Weise, wie die chinesische Regierung ihre Macht sichert und ausbaut, falsch einschätzt, antwortete sie: "Ja, ich denke schon. Die chinesische Regierung stellt eine einzigartige Herausforderung für die freiheitlich-demokratische Ordnung dar. Sie ist nicht so streng ideologisch wie beispielsweise die der Islamischen Republik Iran oder die in der ehemaligen Sowjetunion. Sie hat Marktreformen durchgeführt und war sehr gut darin, der strengen marxistischen Ideologie eine 'chinesische Prägung' zu verleihen. Sie versucht nicht, ihre Ideologie zu exportieren. Aber jedes Land steht unter wirtschaftlichem Druck. Jedes Land kann mit Kapital ausgestattet werden. Und darin ist die chinesische Regierung extrem gut geworden. Auf diese Weise kann sie ihren Einfluss über ihre Grenzen hinaus ausdehnen, sei es durch die Unterstützung anderer autoritärer Regime oder indem sie Normen und Institutionen freiheitlicher Demokratien schwächt."


20 Lektionen aus dem 20. Jahrhundert
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Es ist nicht leicht, zu erkennen, welche stillschweigend vorgenommenen Maßnahmen in Unternehmen, in den Medien, im Rechtssystem, der Polizei oder dem Militär, so wie in Polen oder Ungarn, demokratische Strukturen an ihrer empfindlichsten Stelle treffen. Doch nach einiger Zeit ist es absehbar - und es ist nicht überraschend. Ob die Entwicklungen in Richtung einer Abschaffung von Demokratien abwendbar sein werden, wird sich zeigen. Fest steht, dass demokratische Staaten weltweit in der absoluten Minderzahl sind. Die Menschen, die in ihnen wohnen, machen laut Demokratieindex lediglich 4,5 Prozent der Weltbevölkerung aus. Umso mehr kommt es darauf an, dass diese Menschen Farbe bekennen und ihr Modell - das der Demokratie und der antidespotischen Regierungsmodelle, denen von Diktaturen und faschistoiden Gesellschaftssystemen entgegenstellen. Wie man das auch im alltäglichen Leben machen kann, jeder von uns, formuliert Timothy Snyder in 20 Lektionen aus dem 20. Jahrhundert. Zwar wiederholt sich Geschichte nicht, wie er im ersten Satz von "Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand" schreibt: aber wir können aus der Geschichte lernen. Und das sollten wir tun.






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© dpaDespoten auf dem Vormarsch
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