Respekt bedeutet für viele, einzig und allein stark zu sein und Macht zu haben.
Kolumne: Wir leben in einer Atmosphäre der Scham
Gert Scobels Gedanken zu "Scham und Schuld"
Scham ist alles andere als ein pathologisches Gefühl – obwohl es nicht selten so dargestellt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Pathologisch ist vor allem der Scham-lose. Ihm oder ihr entgeht völlig, dass es einen Unterschied zwischen den eigenen Wünschen, Verhaltensweisen oder Gefühlen und denen der anderen gibt.
Wer schamlos ist, setzt sich zum Maß der Dinge und damit über jede Form von Unterschied hinweg. Takt, Feingefühl, das Vermeiden von Peinlichkeiten – all das sucht man bei einem schamlosen Menschen vergeblich. Insofern ist Schamlosigkeit ein Angriff auf die Würde des anderen, während Scham gerade den Unterschied betont.

Schamlosigkeit und Schamfreiheit sollten also auseinander gehalten werden. Problematisch wird Scham nur dann, wenn uns die Schamgefühle derart lähmen, dass wir uns selbst verlieren – nicht sehen, wer wir sind und, auf welche Weise auch immer, die Scham endlich los werden wollen. Das Ziel ist es also nicht scham-los, sondern Scham-frei zu sein: Schamgefühle wahrzunehmen und zu haben ohne von ihnen völlig behindert und gelähmt zu werden. Scham-Freiheit kann man erreichen, wenn man Schamgefühle auf- und durcharbeitet – was ein schmerzlicher Prozess sein kann. Am Ende dieses Prozesses steht jedoch die Rückgewinnung der eigenen Freiheit und Autonomie. Doch was bedeuten diese Einsichten für die gesellschaftliche und politische Dimension?

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Buchtipp: "Scham - die tabuisierte Emotion"
Genau das ist ein zentrales Thema von Stephan Marks Buch "Scham - die tabuisierte Emotion“. Marks erinnert daran, dass der Begriff der Gewaltlosigkeit ähnlich wie der der Schamlosigkeit eher negativ und passiv gedacht ist, während der Begriff der Gewaltfreiheit bzw. Schamfreiheit eine aktive, positive Qualität anzeigen. Wer Gewaltfrei ist, nimmt sich das Recht und hat die Kraft, auf Gewalt zu verzichten. Marks hat mich noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt aufmerksam gemacht – den der sehr unmittelbar wirkenden politischen Dimension von Scham. In seiner brillanten Analyse des Nationalsozialismus - und der damals (wie heute) politisch hoch wirksamen Schamgefühle - macht er deutlich, wie Schamgefühle weit über die Entstehung der Bundesrepublik Deutschland wirksam blieben und über die Teilung und Zusammenführung von Ost und West bis heute wirksam sind.

Vereinfacht gesagt: Nicht zuletzt durch die lange über Generationen weitergegebenen Traumata vom Dreißigjährigen Krieges bis hin zum Ersten Weltkrieg, erlebten viele Deutsche die Weimarer Zeit als äußerst schamerfüllt. Die Deutschen waren Verlierer, die nicht fähig waren, sich erfolgreich zu organisieren und siegreich und stark zu sein. Diese Scham, die sich auf viele Weisen äußerte, wurde schließlich abgewehrt, indem zunächst einzelne, dann immer mehr "andere" systematisch beschämt, erniedrigt und schließlich getötet wurden.

Hatte sich das kollektive Verfahren der Abwehr von Scham durch Beschämung anderer erst einmal etabliert, war es schwer "auszusteigen". Beispiele dafür finden sich einige in Marks Buch. Kurz gesagt: Wer nicht mitmachte und sich folglich auch nicht anpasste, war kein echter Deutscher – und war damit ein Volksverräter. Es ist bezeichnend, dass dieser Begriff auch heute wieder eine Funktion hat, wenn in der rechten Agitation das angeblich "wahre" Volk, das selbstverständlich allein die unterdrückten Rechten als die einzige wahren Deutschen bilden, gegen "die anderen", die nicht das Volk sind, ausgespielt wird - die, obwohl diese anderen zweifellos mit demselben Recht Deutsche sind.

Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit haben mit strukturell verankerten Schamgefühlen zu tun. Dies galt und gilt ebenso für den Umgang mit den Gastarbeitern, wie für den Umgang mit Kindern, die wie jedes "aufsässige", weil "andere" Individuum“, ob langhaarig, schwul oder emanzipiert, klein gehalten und unterdrückt werden mussten - im Sinne des wahren und einzig richtigen Menschseins. Heute schämen sich Mädchen, wenn sie nicht den richtigen Maßen entsprechen. Das Prinzip ist dasselbe: Wer anders ist lebt falsch.

Entsprechend wurden auch Kinder erzogen, um sie zu "richtigen" Männern oder Frauen zu machen, die bereitwillig die ihnen seit Generationen zugedachten Rollen erfüllen. Aber nicht nur Kinder werden beschämt, weil sie dumm, faul, leistungsschwach oder schlicht anders sind und sich nicht ins System des Lernens einfügen wollen, auch die Lehrer werden beschämt. Auch sie gelten als faul, als Versager, mittelmässig und unfähig, die wahren Talente der eigenen, naturgemäß schwerbegabten Kinder zu erkennen und zu fördern. Respekt an Schulen bedeutet meist nur soviel, wie stark zu sein und Macht zu haben.

Dass Lehrer respektiert werden (wie es in Finnland der Fall ist), ist in Deutschland eher die Ausnahme. Ihr Beruf gilt, ähnlich wie der von Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern, als nicht erstrebenswert. Entsprechend entsolidarisieren sich die gleichermaßen Beschämten im Bildungssystem, sagt Marks. Mobbing ist nur ein Ausdruck der strukturellen Erniedrigung, von der auch alleinerziehende oder arbeitende "Rabenmütter" ein Lied singen können. Wenn Schulen den Auftrag haben, Schülerinnen und Schüler zu selektieren; wenn die Lehrerausbildung so gering geschätzt wird, wie bei uns, und wenn nur über Bildungssysteme statt über die Förderung der Beziehung von älteren und jüngeren Menschen nachgedacht wird, dann ist das Ergebnis vorbestimmt. Marks schreibt:
"Was vorschnell als irrationaler Ausbruch von Gewalt oder Dummheit, Faulheit, mangelnde Begabung oder soziale Inkompetenz etikettiert ist, dürfte die Folgewirkungen einer Pädagogik von Schar und Beschämung sein. Das ist meines Erachtens die Erziehungsmisere in Deutschland. Die Bildungsmisere ist in erster Linie kein finanzielles Problem."
Es lohnt, über diese komplexen politischen, sozialen, ethischen und pädagogischen Fragen gründlich nachzudenken. Vor allem lohnt es sich, auf die dabei sich einstellenden Schamgefühle zu achten. In welche Richtung tendieren sie? Die Voreinstellung unseres Denkens durch Scham, kann sich als hemmend erweisen – aber auch als äußerst produktiv, wenn es darum geht, Dinge zu verstehen, die sich seit zwanzig Jahren nicht verändert haben und ewig weiterzugehen scheinen – etwa die immer weiter steigende Kinderarmut in einem Land mit dem Reichtum Deutschlands.

Könnte es nicht sein, dass in Wahrheit nicht Geld, sondern Beschämungen und Schamgefühle der Grund dafür sind, dass sich so wenig verändert hat? Und könnte es nicht auch sein, dass wir vor lauter Schamgefühlen ablehnen, uns mit denen zu befassen, sie sich selbst als beschämt und abgehängt erleben – und diese Beschäftigung nur dazu führt, uns selbst noch mehr zu schämen? Auf diese Weise unterläuft die Schamspirale die Erkenntnis von Schuld: von objektiven Zuständen, die man – objektiv! – ändern muss, wie zum Beispiel die wachsende Kinderarmut, die anders als oft behauptet, nicht mit dem Flüchtlingsthema zu tun hat, allein deshalb schon nicht, weil die Kinderarmut seit 20 Jahren wächst? Es ist Zeit, über Scham und Schuld genauer nachzudenken und beides klar auseinander zu halten.







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© colorbox.deScham und Schuld
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