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 Das Problem mit der modernen industriellen Landwirtschaft ist nicht nur ihre exponentiell ansteigende Ausbreitung, sondern auch, dass sie aus ökonomischen Gründen Monokulturen bevorzugt.
Das Problem mit der modernen industriellen Landwirtschaft ist nicht nur ihre exponentiell ansteigende Ausbreitung, sondern auch, dass sie aus ökonomischen Gründen Monokulturen bevorzugt.
Kolumne: Globale Probleme gibt es viele
Gert Scobels Gedanken zu "Ernährung der Zukunft"
Essen ist notwendig - absolut notwendig. Und aus genau diesem Grund kann man Menschen mit Essen manipulieren, sie steuern und ausnutzen. Man kann sie mit dem Entzug von Essen unter Druck setzen. Man kann sie ausbeuten, hohen Profit machen durch Essen. Man kann Menschen durch Essen krank machen - oder, sie im Gegenteil, mit Essen erfreuen und glücklich machen.
Es ist daher wenig erstaunlich, wenn sich um das Essen herum eine komplexe Großindustrie entwickelt hat, die vom Fischfang über Schlachthöfe, Transport- und Chemieunternehmen, Pharmazeutika, Düngemittel, Investoren, Universitäten, Parteien und Lobbyisten nahezu alles bietet, was Menschen erfunden haben.

Die Mechanismen, die dem Drang zur Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit zugrunde liegen, sind so alt wie das Leben selbst. Jede Form von Ordnung, die gegen die Unordnung der Umwelt aufrecht erhalten werden muss, benötigt Energie. Diese Energie muss der Umwelt in Form von Nahrung entnommen werden, die dann so verarbeitet, d.h. umgewandelt wird, dass die in ihr enthaltene Energie dem Organismus in einer verwertbaren Art und Weise zur Verfügung steht.

Anpassung von Erwachsenen an tierische Milch
Ein System von Hormonen, Proteinen, Enzymen, Vitaminen, Bakterien, Organen und anderen Elementen sorgt für die Aufrechterhaltung dieses Prozesses. Zum regelmäßigen Ablauf und Gelingen dieses Systems tragen auch Gehirn (insbesondere ein komplexes Belohnungssystem) samt Nervensystem, Neurotransmittern und unser Wahrnehmungsprozess bei.

Sämtliche Prozesse beruhen auf der Optimierung von Grundlagen, die hunderte von Millionen Jahre alt und bewährt sind. Die letzte große Veränderung, die sich mit Blick auf die Evolution des menschlichen Metabolismus ereignet hat, war die Anpassung von Erwachsenen an tierische Milch. Mit Hilfe des Enzyms Lactase kann die Lactose (der Milchzucker in der Milch) gespalten werden in ihre Bestandteile Galactose (Schleimzucker) und Glucose (Traubenzucker) und so über die Dünndarmschleimhaut vom Körper aufgenommen werden.

Die Anpassung erfolgte vor etwa 10.000 Jahren und bewirkte, dass auch Erwachsene (und nicht nur Kinder) den in der Milch von Tieren enthaltenen Milchzucker verdauen können. Mit dieser Möglichkeit wurde die im Neolithikum einsetzende Viehzucht zu einem positiven Evolutionskriterium für die gesamte Menschheit .- eine Entwicklung, die jetzt zu kippen droht, denn die extensive industrielle Viehzucht ist aufgrund der Rodung von naturbelassenen Gebieten und der hohen Methanproduktion zu einer erheblichen Umweltbelastung geworden, abgesehen von den gesundheitlichen Schäden durch zu hohen Fleischkonsum.

Monokulturen bedeuten wenig Aufwand
Ähnlich wie bei der Viehzucht haben sich auch in allen anderen Bereichen, die mit Ernährung zusammenhängen, industrielle Systeme der Herstellung von Nahrung gebildet. In diesen Systemen kommt die ganze Vielfalt des Lebens auf der Erde zusammen: Pflanzen, Tiere und Menschen, Klima und Boden, Technik und Natur, Wirtschaft und Ethik, Wissenschaft und Weltanschauung – einfach alles.

Das Problem mit der modernen industriellen Landwirtschaft ist nicht nur ihre exponentiell ansteigende Ausbreitung, sondern auch, dass sie aus ökonomischen Gründen Monokulturen bevorzugt. Diese sind mit weniger Aufwand und daher billiger zu handhaben. Der massive Einsatz von Pestiziden verschmutzt Wasser und Erde, reduziert die Artenvielfalt und fördert nicht nur das Aussterben von Pflanzen und Tieren, sondern auch die Erosion des Bodens mit entsprechenden Auswirkungen auf das Grundwasser.

Demgegenüber gibt es andere Systeme, sogenannte permakulturell gestaltete Formen der Landwirtschaft, die nicht nur nachhaltiger, sondern – und das ist erstaunlich – wesentlich effizienter und ertragreicher sein können, als die derzeitig praktizierte industrielle Landwirtschaft: vorausgesetzt man weiß, wie es geht.

Bestimmte Pflanzen "gehören zusammen"
Bei Wikipedia heißt es dazu: „Ziel einer permakulturellen Planung ist die Erhaltung und schrittweise Optimierung, um ein sich selbst regulierendes System zu schaffen, das höchstens minimaler Eingriffe bedarf, um dauerhaft in einem dynamischen Gleichgewicht zu bleiben. Dabei stehen sich die Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse und die nachfolgender Generationen gleichwertig gegenüber. Das System soll stets produktiv und anpassbar bleiben. Vorbild sind dabei meist beobachtbare Selbstregulationsprozesse in Ökosystemen wie etwa Wäldern, Seen und Ozeanen.“

Konkret bedeutet das: man muss wissen, welche Pflanzen man zusammen anbauen sollte. Eine intelligente Anordnung arbeitet mit Schichten von Pflanzen, etwa mit solchen, die viel Sonne brauchen und daher höher wachsen und große Blätter bilden und mit anderen Pflanzen, die gerne schattig wachsen, dafür aber wie manche Kräuter Stoffe produzieren, die für die Vertreibung von Schädlingen sorgen können. Beide Pflanzen zusammen stellen durch ihr Zusammenwirken eine intelligente Ergänzung dar. Permakulturelle Landwirtschaft nutzt solche Erfahrungen und baut Pflanzen entsprechend zusammen an, was der Biodiversität gut tut.

Bereits in den 1970er Jahre entwickelten die beiden Australier Bill Mollison und David Holmgren Ideen zum Aufbau einer solchen nachhaltigen, langfristig ertragreicheren Landwirtschaft, die auf bereits vorhandene, alteuropäische Konzepte der Landwirtschaft zurückgehen. In dem beeindruckenden Kinofilm „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“, für den Yril Dion und Mélanie Laurant in diesem Jahr mit dem César für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurden, wird auf beeindruckende Weise gezeigt, wie das geht.

Zuviel des Guten? Globale Probleme gibt es viele: den Hunger, der immer noch nicht beseitigt werden konnte, Überdüngung, Überfischung, Übernutzung und Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen und viele andere mehr. All das hat nicht nur Auswirkungen auf unser Essverhalten und unsere Gesundheit, sondern auch auf die Lebensweise bin hinein in die Organisation der Finanzsysteme oder soziale Auswirkungen. Vermutlich gibt es also keine „one size fits all“ Lösungen. Aber es gibt Lösungen – vorausgesetzt, man wendet sie an.

Die heutige Sendung geht einer vergleichsweise einfachen Fragen nach: Was bedeutet es, wenn eine Bevölkerung wie die in Deutschland immer weniger selber kocht und stattdessen immer mehr von industriell vorgefertigten Produkten Gebrauch macht? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Essgewohnheiten und den Interessen der Industrie? Und welche Bedeutung hat Fasten als regelmäßiger Bestandteil der Ernährung?Gute und zuweilen überraschende Antworten geben, wie immer, meine Gäste.

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um 21.00 Uhr in 3sat
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